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Dieter Thoma: "Diese Sportart ist mir manchmal ein Rätsel"

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"Diese Sportart ist mir manchmal ein Rätsel"

23.11.2011, 18:01 Uhr | pr, t-online.de

Dieter Thoma: "Diese Sportart ist mir manchmal ein Rätsel". Dieter Thoma blickt auf die Skisprung-Saison voraus. (Quelle: imago)

Dieter Thoma blickt auf die Skisprung-Saison voraus. (Quelle: imago)

Das Interview führte Patrick Rutishauser

Der Skisprung-Weltcup 2011/2012 steht vor der Tür. Das erste Kräftemessen findet in Kuusamo in Finnland statt. t-online.de hat mit dem ehemaligen Weltcup- und Vierschanzentournee-Sieger und heutigen ARD-Experten Dieter Thoma über die bevorstehende Saison, Regeländerungen und die Rolle von Routinier Martin Schmitt gesprochen.

Herr Thoma, in den vergangenen Jahren waren die Deutschen nicht mehr so erfolgreich, wie zuvor. Wie schätzen sie die Chancen der deutschen Springer im Weltcup ein?

Dieter Thoma: Ich sehe das etwas anders. Wir steckten mitten in einem Generationswechsel, und die Top-Erfolge von unseren ehemaligen Aushängeschildern hielten leider auch "nur" etwa vier bis fünf Jahre an. In diesem Zeitraum wurde allerdings alles gewonnen, was es zu gewinnen gab und eine enorm hohe Erwartungshaltung geweckt. In diesen erfolgreichen Jahren wurde leider die Nachwuchsförderung etwas vernachlässigt. Im letzten Jahr hatten wir aber schon wieder zwei Siege durch Severin Freund. Wenn man also aus eigener Kraft einen Weltcup gewinnen kann, ist man meines Erachtens mitten drin statt nur dabei.

Worin haben andere Länder wie Österreich Vorsprung?

Ihr System läuft einfach schon etwas länger auf der richtigen Bahn. Dabei ist zu beachten, dass sie derzeit mehr sprungkräftige, junge Athleten über einen langen Zeitraum mit der dazu richtigen Technik entwickelt haben.

Welchen deutschen Einzelspringer schätzen sie als den stärksten ein?

Wenn Severin Freund gesund und verletzungsfrei bleibt, traue ich ihm einen sehr guten Winter zu. Gleich danach bin ich auf Richard Freitag gespannt, der ohne Zweifel ein tolles Gesamtpaket hat.

Kommen wir zur Rolle von Martin Schmitt. Bundestrainer Werner Schuster sagte: "Schmitt hat eine extreme Vorbildwirkung und ist ein sehr wertvoller Baustein bei der Heranführung der jungen Springer." Wie wichtig ist er wirklich für das Team?

Jeder springt für sich, aber die Charaktere sind etwa 180 Tage im Jahr zusammen unterwegs. Ein erfahrener Martin Schmitt wird immer noch gehört und respektiert, auch wenn er derzeit nicht mehr um Siege kämpft. Seine Energie ist nach wie vor unglaublich stark. Nach all den Niederschlägen immer an sich zu glauben, eigene Motivation von innen heraus zu zaubern ist eine Eigenschaft, die nicht viele Menschen im Sport oder auch im Berufsleben über diesen langen Zeitraum haben. So eine Persönlichkeit ist für das Team immer eine Bereicherung.

Wie hilft seine Erfahrung den anderen Springern?

Das sieht jeder Athlet etwas anders. Die eigene Wahrnehmung einer gleichen Situation ist oft sehr unterschiedlich. Skispringer müssen für ihren Job sensibel und robust zugleich sein. Niederlagen, Stürze und negative Erfahrungen sind für einige nur schwer wegzustecken. Schmitt zeigt unbewusst aktiv und inaktiv, wie es geht, sich den Problemen zu stellen. Es kommt auf die Offenheit des Beobachters an.

Unter welchen Bedingungen kann Schmitt noch einmal eine echte Top-Phase haben?

Zunächst ist die Gesundheit extrem wichtig. Er hat immer wieder Probleme mit seinem Knie. So kann er seinen Fitnesszustand natürlich nicht halten und verliert an Boden. Zudem hat sich die Technik über die Jahre verändert. Der Absprung, der Übergang in den Flug und vor allem die Symmetrie im Flug gewinnt mehr und mehr an Bedeutung. Es ist nicht so leicht, wenn ein Rhythmus im Kopf eingespeichert ist und du nun einen anderen Bewegungsablauf brauchst, deine Kraft am Schanzentisch anders einsetzen sollst und deine natürliche Flughaltung verändern musst. Daran arbeitet er und seine Trainer hart. Immer wieder hat er gute Sprünge, aber es kann eben vorkommen, dass im Stresszustand das Gehirn das neu erlernte nicht abrufen kann.

In wie fern sind seine großen Erfolge zu Beginn seiner Karriere anderen Regeln zuzuschreiben?

Sein schneller, aggressiver Sprungstill, das Skimaterial und der Anzug haben zu der Zeit einfach hundertprozentig gestimmt. Nicht alles ist immer zu erklären. Dadurch bleibt diese Sportart auch für mich jedes Jahr immer wieder neu, manchmal ein Rätsel und ist dadurch faszinierend.

Warum hat Schmitt es nie wieder bis ganz in die Weltspitze geschafft?

Das hat er ab und an schon getan. 2009 gewann er Silber im Einzel bei der WM und er erzielte vereinzelt immer mal wieder Top-Ergebnisse. Nicht mehr in der Häufigkeit und Qualität, da sein System mit der neuen Technik etwas zu anfällig für Fehlerquellen geworden ist. Sein Körper kann die Trainingsbelastungen nicht mehr so gut verdauen wie ein 20-Jähriger.

Die Vierschanzentournee ist das Saison-Highlight und besteht aus nur vier Wettkampftagen innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne. Gibt es Springer, die sich auf diese Situation besonders gut fokussieren können?

Ja, genau das macht manchmal den feinen Unterschied aus. Es geht darum, die Nerven zu behalten, die Zusatzbelastung der Reise und der vielen Presseanfragen besser zu meistern als die anderen. Im entscheidenden Moment auf der Schanze oben den Kopf frei zu haben und sich weniger ablenken zu lassen, können für den Sieg entscheidend sein. Dafür sind manche Typen besser geeignet als andere. Die Vorbereitung, die Einstellung und auch die Tagesverfassung müssen stimmen.

Was halten sie von Frauen-Skispringen und von der Idee, Mixed-Wettbewerbe mit den Frauen auszutragen?

Ich halte die jungen Frauen für mutig, entschlossen und trainingsfleißig. Sie haben ihre Berechtigung im Weltcup, bei den Weltmeisterschaften und nun auch bei den Olympischen Spielen. Da gibt es eine Entwicklung, die voranschreitet. Sie geht nur nicht ganz so schnell, wie bei den Männern. Die Zahl gut springender junger Frauen ist noch nicht ganz so groß. Aus diesem Grund ist ein Mixed-Wettkampf eine neue Herausforderung für alle Beteiligten. Ich bin gespannt und kann mir erst ein Urteil erlauben, wenn einige Wettkämpfe stattgefunden haben.

Wie nah sind sie am Weltcup-Zirkus dran?

Die Prioritäten verändern sich natürlich. Als ARD-Experte muss ich Informationen sammeln und mache das im Winter meistens vor Ort. Die jungen Sportler muss ich neu kennen lernen. Dabei geht es meistens um die Sprünge, ihre Technik, ihre Voraussetzungen und Perspektiven. Diese bespreche ich hauptsächlich mit den Trainern. Für mich ist aber oft das soziale Umfeld sehr wichtig. Bei mir zählt der Mensch mehr als seine Leistungen. Ich habe nun aber zusätzlich durch die Produktion neuer Sprungski der Marke Fluege.de, bei der ich als Berater tätig bin, mehr Kontakt zu Sportler und Trainer bekommen. Das ist eine neue Herausforderung für mich.

Wagen sie ab und an noch selber einen Sprung?

Nein, das bringt nichts. Ich hatte acht Knie- und zwei Oberschenkeloperationen und viele Gehirnerschütterungen als ich fit war. Warum sollte ich mich dieser Gefahr noch einmal aussetzen?

Die neue Windregel (Plus- und Minuspunkte bei Luken-Veränderung) wurde nun ein Jahr erprobt. Was halten sie davon?

Aus meiner Sicht ist diese nicht mehr weg zu denken. Es gibt viele Vorteile gegenüber weniger Nachteilen. Die Regel ist auf jeden Fall ein angemessener Ausgleich für ungerechte Winde. Voraussetzung ist natürlich die Kontrolle und Verbesserung des Systems, denn im Ernstfall könnte der Computer über Sieg oder Niederlage entscheiden.

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