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37 Grad: Im Einsatz für Kinder - Gerichtsmediziner auf Spurensuche

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"37 Grad"  

Im Einsatz für Kinder - Gerichtsmediziner auf Spurensuche

07.05.2014, 10:17 Uhr | t-online.de

37 Grad: Im Einsatz für Kinder - Gerichtsmediziner auf Spurensuche. Der vier Wochen alte Lukas wurde schwer verletzt in die Klinik eingeliefert. Weil der Verdacht auf Kindesmissbrauch bestand, wurde ein Rechtsmediziner hinzugezogen. (Quelle: Manfred Karremann / ZDF)

Der vier Wochen alte Lukas wurde schwer verletzt in die Klinik eingeliefert. Weil der Verdacht auf Kindesmissbrauch bestand, wurde ein Rechtsmediziner hinzugezogen. (Quelle: Manfred Karremann / ZDF)

Gerichtsmediziner haben einen Job, der an die Nieren geht. Sie untersuchen nicht nur Tote, sondern werden auch hinzugezogen, wenn Ärzte einen Verdacht auf Kindesmisshandlung hegen. In tausenden Fällen klären sie jedes Jahr ab, ob die Verletzung eines Kindes möglicherweise von den Eltern verursacht wurde. Misshandelte Kinder haben oft einen langen Leidensweg hinter sich, ehe der Missbrauch aufgedeckt wird. In vielen Fällen passiert das gar nicht oder zu spät. Drei Kinder sterben statistisch betrachtet pro Woche an den Folgen von Misshandlung. Die ZDF Reportage "Im Einsatz für Kinder" aus der Reihe "37 Grad" zeigt den schwierigen Alltag von Gerichtsmedizinern und Fehler im System, wenn es um den Schutz von Kindern geht.

Ein Krankenhaus am Wochenende, Hektik in der Notaufnahme. Der vier Wochen alte Lukas wird mit lebensgefährlichen Verletzungen eingeliefert. Unfall oder Misshandlung? Die Ärzte sind skeptisch. Lukas wird ein Fall für den Gerichtsmediziner Lars Althaus. Der stellt eine grobe Misshandlung durch die Eltern fest.

2012 wurden 170 Kinder von ihren Eltern getötet

Gewalt gegen Kinder ist alltäglich. Das belegen auch die Statistiken: 2012 haben die Jugendämter rund 40.200 Kinder und Jugendliche wegen Vernachlässigung oder Gewalt aus ihren Familien geholt, 106.600 Strafverfahren wegen Gewalt gegen Kinder wurden eingeleitet, 170 Kinder starben. Und das sind nur die Fälle, die aufgedeckt wurden.

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Lukas wurde von seinem Vater geschüttelt

Lars Althaus hat in seinem Berufsleben bereits viele misshandelte Kinder gesehen. So wie Lukas. Althaus hat bei dem Säugling ein Schütteltrauma diagnostiziert. Eine typische Verletzung im Baby- und Kleinkindalter, die entsteht, wenn überforderte Eltern ihr Kind schütteln. Dabei kommt es im Gehirn zu Verletzungen der Blutgefäße, die zu lebenslangen Schäden führen können. Vielleicht wird Lukas nie wieder sehen können, vielleicht wird er für immer behindert sein. Zunächst ist unklar, ob er die Nacht überhaupt überleben wird.

Bei Lukas ist fast jeder Knochen gebrochen

Der Fall Lukas wird an die Kriminalpolizei Duisburg gemeldet. Sigrid Krusenbaum glaubt nicht an die Erklärungen des Vaters, das Kind sei beim Baden aus den Händen gerutscht, wäre dann aufgefangen und nach oben gerissen worden. "Neben den Verletzungen, die ich schon genannt habe, war fast kein Knochen im Körper des Kindes noch heil. Es war fast alles gebrochen. Das kann nur durch massive Gewalteinwirkung passieren."

Problem der Schweigepflicht

Ein großes Problem für den Nachweis von Kindesmisshandlung ist die ärztliche Schweigepflicht. Krankenhausärzte sind nicht verpflichtet, der Polizei Auskunft zu geben, außer in Fällen akuter Lebensgefahr. Bei unklaren Befunden werden deshalb Rechtsmediziner zu Rate gezogen. Sie arbeiten neutral, ihr Gutachten kann Eltern be- oder entlasten. Ihre Einschätzung ist wichtig für die Polizei, die Staatsanwaltschaft und auch für das Jugendamt, das entscheiden muss, ob ein Kind in seiner Familie bleibt oder nicht.

"Ohrfeigen können zu Hirnblutungen führen"

Seit 2000 regelt ein Gesetz, dass Kinder das Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Die Zahl der getöteten und misshandelten Kinder hat aber seitdem nicht abgenommen. In ihrem Alltag sehen Rechtsmediziner Kinder, die brutal geschlagen wurden, mit Stöcken, mit Werkzeugen, mit Schuhe, aber auch mit den bloßen Händen der Eltern. "Erwachsene unterschätzen oft die Wirkung von Schlägen", sagt Althaus. "Ohrfeigen können zum Beispiel zu Hirnblutungen führen."

Dominik wurde als Baby geschüttelt - heute ist er ein Pflegefall

Dominik war ein gesundes Baby, bis er von den Eltern misshandelt wurde. Wie bei Lukas lautete die Diagnose Schütteltrauma. Heute ist Dominik 16 Jahre alt. Dass er überhaupt noch lebt, verdankt er der modernen Medizin und Frau Schulz. Die Krankenschwester arbeitete damals in dem Krankenhaus, in das Dominik eingeliefert wurde und nahm ihn als Pflegekind in ihre Familie auf. Zwölf Schädel-Operationen musste Dominik in den letzten Jahren über sich ergehen lassen. Dennoch ist er ein schwerster Pflegefall, kann nicht gehen, sprechen oder sehen. Er erleidet täglich Spastiken und Anfälle - alles Folgen des Schüttelns im Babyalter.

"Das kann man nicht einfach im Büro lassen"

Wie hält man einen Beruf aus, bei dem man täglich mit solchen Schicksalen zu tun hat? "Es ist schon so, dass Kinder einem besonders nahegehen. Wenn Kinder schwer misshandelt oder getötet werden, das kann man nicht einfach im Büro lassen", sagt Althaus. Der engagierte Mediziner setzt auf Vorbeugung und Früherkennung. Beim Austausch mit anderen Ärzten ist wieder die Schweigepflicht ein Thema.

Ärzte dürfen sich bei Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung nicht ohne Einwilligung der Eltern untereinander über die Befunde des Kindes austauschen. Das führt dazu, dass die Täter oft den Arzt wechseln und es mitunter sehr lange dauert, bis die Misshandlungen erkennbar werden.

"Der Staat muss eingreifen"

Viele Rechtsmediziner fordern deshalb eine Verbesserung des Gesetzes. Saskia Etzold, Rechtsmedizinerin an der Charité Berlin, sagt dazu: "Wir haben in Deutschland weder eine Meldepflicht noch eine Reaktionspflicht. Der Arzt hat vom Gesetzgeber die Möglichkeit, wenn er den Verdacht auf eine Kindesmisshandlung hat, seine Schweigepflicht zu brechen, aber er muss nicht." Hier müsse sich der Gesetzgeber klar positionieren.

"In vielen Fällen haben Kinder bereits eine gewisse 'Karriere' hinter sich, sind mehrfach beim Kinderarzt gewesen, sind dem Jugendamt bekannt gewesen oder wurden weiter misshandelt, obwohl das Jugendamt bereits Schutzmaßnahmen ergriffen hatte", so Etzold.

Dennoch hat der Arzt hat nicht die Pflicht, das Jugendamt zu informieren." Etzold findet, Familien seien der beste Ort, an dem Kinder aufwachsen können, aber wenn Kinder dauerhaft gefährdet seien, "muss der Staat eingreifen und darf nicht wegschauen."

Buch: "Deutschland misshandelt seine Kinder"

Etzold hat zusammen mit ihrem Kollegen Michael Tsokos das Buch "Deutschland misshandelt seine Kinder" verfasst, dass die Missstände im System der Kinder- und Jugendhilfe aufdecken will. Ein System, das die Kinder schützen soll und in das viel Geld fließt. Mehr als acht Milliarden Euro gab der Staat 2012 für Hilfen zur Erziehung aus. Viele schwer misshandelte oder getötete Kinder sind dem Jugendamt bekannt. Auch Dominik und Lukas wurden schon als Babys vom Jugendamt betreut.

Familie von Lukas wurde intensiv betreut

In Duisburg steht der Vater von Lukas vor Gericht. Wie soll die Gesellschaft mit Hochrisikofamilien wie der von Lukas umgehen? Die Familie wurde intensiv vom Jugendamt betreut. Die Mutter wollte das Kind nicht, bekam ein Kontaktverbot ausgesprochen. Um den Vater zu unterstützen, kam vier mal täglich der Kinderpflegedienst ins Haus, zusätzlich zehn Stunden die Woche eine Sozialarbeiterin. An dem Tag, als Lukas misshandelt wurde, waren sowohl der Kinderpflegedienst als auch die Sozialarbeiterin beim Vater. Dennoch verlor er die Nerven, als er das schreiende Baby nicht beruhigen konnte.

Muss das System Jugendhilfe reformiert werden? Eine weitreichend und schwierige Frage, die die "37 Grad"-Reportage nicht beantworten kann.

Lukas liegt immer noch im Krankenhaus

Lukas hat überlebt, liegt aber immer noch im Krankenhaus. Die Folgen für sein weiteres Leben sind immer noch nicht abschätzbar. Wird er sein gesamtes Leben als Pflegefall verbringen, wie Dominik? Lukas' Vater hat vor Gericht die Misshandlung zugegeben. Sein Urteil lautet fünfeinhalb Jahre Haft.

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