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Stilldemenz - Mythos oder Realität?

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Stillende Mütter  

Stilldemenz - Mythos oder Realität?

25.04.2014, 09:35 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Stilldemenz - Mythos oder Realität?. Wo war noch mal der Autoschlüssel? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wo war noch mal der Autoschlüssel? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Sie gehören zu Schwangerschaft und Stillzeit genauso dazu wie die vielbesagte saure Gurke: die Geschichten um Autoschlüssel im Kühlschrank, offen gelassene Haustüren und von dem im Bus vergessenen Baby. Ihren Säugling vergisst sicherlich keine frischgebackene Mutter, den Namen der Nachbarin allerdings schon. Man nennt diesen Zustand umgangssprachlich "Stilldemenz" oder "stilldoof". Doch mit einer Krankheit hat er erfreulicherweise gar nichts zu tun.

Prominente trifft es genauso

"Das Stillen hat mich ein bisschen doof gemacht. Manchmal glaube ich, das Gefühl für Raum und Zeit verloren zu haben", gab die bekannte TV-Moderatorin Sonya Kraus in einem Interview mit Bild.de zu. Mit diesem Gefühl ist sie nicht alleine. Zahlreiche frischgebackene Mütter klagen über einen Zustand, den man auch etwas abfällig "stilldoof" nennt. Doch was steckt hinter dem Phänomen?

In erster Linie sind es wohl die Hormone, die dafür sorgen, dass eine werdende oder frischgebackene Mutter sich auf das konzentriert, was jetzt wichtig ist: ihr Kind. Und dabei vieles andere vergisst.

Der mütterliche Blackout kann ja auch ganz praktisch sein

"Es ist wichtig und richtig, dass sich der Fokus der Frau jetzt auf die neue Lebenssituation richtet", erklärt Alexandra Mück. Die Hebamme kennt das Phänomen nicht nur von den von ihr betreuten Frauen, sondern auch von sich selbst. "Aber in dieser Anfangszeit mit dem Baby muss man ja zum Beispiel auch gar nicht wissen, was für ein Datum ist. Und fürs Einkaufen schreibt man sich halt eine Weile lang einen Zettel. Jetzt seine gesamte Freizeit damit zu verbringen, Sudoku oder anderes Gehirntraining zu machen, bringt meiner Erfahrung nach gar nichts. Man sollte diesen Zustand einfach als völlig normal annehmen." Schmunzelnd fügt sie hinzu: "Und manchmal eignet er sich ja auch ganz prima als kleine Ausrede. Man glaubt gar nicht, wie oft ich das Wort 'stilldoof' höre, wenn es um nicht getätigte Überweisungen für Kursgebühren geht."

Wissenschaftler finden erste Beweise

Bereits wenige Monate vor der Geburt geht das räumliche Erinnerungsvermögen zurück, das hat eine wissenschaftliche Studie ergeben. So betrachtet ist es also ganz normal, dass sich eine Frau in dieser Situation nicht mehr erinnern kann, wo der Schlüssel liegt und warum er sich plötzlich im Kühlschrank wiederfindet. Die Forscher vom englischen Bradford Institute for Health Research vermuten, dass der veränderte Hormonspiegel während der Schwangerschaft auf genau die Regionen im Gehirn wirkt, die für die Erinnerung zuständig sind. Dass die Gedächtnislücken keine Einbildung sind, bestätigt auch die Psychologin Julie Henry von der University of New South Wales in Australien. Sie und ihr Team haben beim Auswerten entsprechender Studien herausgefunden, dass bei Schwangeren und jungen Müttern tatsächlich das Kurzzeitgedächtnis schlecht funktioniert. Die jeweiligen Studien sind aber bisher noch in zu kleinem Rahmen angesetzt, um wirklich als Beweis zu dienen.

Vergessen kann heilsam für die Seele sein

Was allerdings inzwischen sicher ist: Die Hormone helfen dem weiblichen Körper, die Geburt zu verarbeiten und die schmerzhaftesten Erlebnisse aus der Erinnerung zu löschen. "Eine Geburt ist kein Zuckerschlecken und nur die wenigsten Frauen würden ein zweites Kind bekommen, wenn sie sie so schmerzhaft in Erinnerung hätten, wie sie wirklich war." Dass die junge Mutter dann nicht nur die Stunden der Geburt vergisst, sondern gleich auch, sich die Schuhe anzuziehen, wenn sie aus dem Haus geht - eine Randerscheinung.

Auch Männer sind betroffen

Mit dem Stillen an sich hat die Stilldemenz übrigens nichts zu tun. Denn auch Frauen, die ihr Baby mit dem Fläschchen ernähren und selbst Männer können betroffen sein. Das führt automatisch zu der Frage, ob nicht vielleicht einfach der gestörte Schlaf der Hauptgrund für das Phänomen ist. Mal abgesehen vom "Ammenschlaf", der dazu führt, dass man kein noch so leichtes Weinen des Säuglings überhört, sind es vor allem die vielen Störungen des Nachtschlafs, die junge Eltern im wahrsten Sinne des Wortes ein wenig um den Verstand bringen. Die Gehirnzellen nehmen es nämlich ziemlich übel, wenn man ihnen den regenerierenden Schlaf entzieht.

Schlafentzug vermindert die Leistungsfähigkeit des Gehirns

"Wer über einen längeren Zeitraum zu wenig Schlaf abbekommt, ist tagsüber nicht mehr so leistungsfähig", erklärt Jürgen Zulley in einem Gespräch mit der Elternredaktion von t-online.de. Er ist Professor für Biologische Psychologie an der Uni Regensburg und leitete dort bis zu seinem Ruhestand unter anderem das Schlafmedizinische Zentrum. "Das Gedächtnis wird schwächer, die Merkfähigkeit lässt nach und man ist gereizter." Die durch Babys und Kleinkinder bedingten Schlafstörungen können also die Leistungsfähigkeit des Gehirns beeinflussen. Wobei die Betonung auf "können" liegt, denn es reagiert nicht jeder gleich.

Aber der Schlafforscher gibt auch für die Mütter, die ihren Schlüssel immer wieder an den komischsten Stellen finden, Entwarnung: "Man kann davon ausgehen, dass sich alles wieder regenerieren wird, sobald man ein paar Nächte durchschlafen darf." Zulley hält es für sinnvoll, sich so viel Schlaf wie möglich tagsüber zurückzuholen, sich hinzulegen, wenn das Baby schläft und sich selbst eine Pause zu gönnen. Viele Hebammen raten außerdem dazu, das Kind in einem Bettchen neben dem Elternbett schlafen zu lassen, um nachts nicht aufstehen zu müssen, wenn es Hunger hat. So kann man mehr oder weniger im Halbschlaf füttern.

Strategien gegen die Vergesslichkeit

Aber es gibt noch einige andere kleine Tricks, die helfen, die "Stilldemenz" in Schach zu halten. Das Einfachste ist, sich Erinnerungszettel oder Post-its anzufertigen, die einem in Kombination mit einem sorgfältig geführten Kalender durch den Alltag helfen. Und wer wichtige Dinge wie Geldbeutel oder Schlüssel immer an die gleiche Stelle legt, trickst auch ein wenig seine müden Gehirnzellen aus. Die übrigens durch gesunde Ernährung und Bewegung an der frischen Luft zusätzlich auf Trab kommen. Ganz wichtig ist: Überforderung vermeiden. Sich Hilfe zu holen, ist keine Schande und ein, zwei Stunden auch mal ohne Baby können die Akkus ganz wunderbar wieder auffüllen. Vielleicht sogar mit einer guten Freundin, mit der man gemeinsam über die "Stilldoof-Episoden" lachen kann. Denn der Zustand ist ja nur vorübergehend.

Und manche Dinge sind einfach völlig unwichtig im Vergleich zu dem, was eine frischgebackene Mutter erlebt. Begriffe wie "stilldoof" oder "still- beziehungsweise fläschchendement" sind eigentlich zu negativ behaftet für ein Phänomen, das auftritt, wenn eine Frau eine Entbindung hinter sich hat, ihr Leben sich vollständig verändert und sie diese Veränderung erst einmal bewältigen muss.

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