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Ritalin bei ADHS: Wundermittel oder "Kokain" für Kinder?

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Medikamente gegen ADHS  

Ist Ritalin ein Wundermittel oder Kokain für Kinder?

17.02.2017, 17:48 Uhr | rw, t-online.de, AFP

Ritalin bei ADHS: Wundermittel oder "Kokain" für Kinder?. Die Verschreibung von Ritalin soll zukünftig strenger reguliert werden.  (Quelle: dpa)

Kindern mit ADHS wird häufig das Medikament Ritalin verordnet - aber es ist umstritten. (Quelle: dpa)

Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen in Deutschland wurde in den letzten Jahren eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert. Behandelt werden die Betroffenen in der Regel mit Arzneimitteln aus dem Bereich der Stimulanzien. Das bekannteste und zugleich meist diskutierte ist das Präparat Ritalin. Aber was ist eigentlich so problematisch an dem Medikament?

In der öffentlichen Meinung hat Ritalin einen zweifelhaften Ruf. Plakativ wird von "Kindern auf Kokain" gesprochen, weil mit einer massiven Überdosierung des Ritalin-Inhaltsstoffs Metylphenidat tatsächlich ähnliche Wirkungen zu erzielen sind. Es wirkt antriebssteigernd und kann hoch- beziehungsweise überdosiert eine überschwängliche Euphorie auslösen, die im negativen Fall aber auch in Angstzustände umschlagen kann.

Dosierung erfolgt durch den Arzt

Solche dramatischen Wirkungen werden beim sachgemäßen Gebrauch und verantwortungsvoller Dosierung durch den Arzt aber natürlich nicht erzielt. Bei ADHS-Patienten wird es eingesetzt, um den gestörten Dopamin-Haushalt im Gehirn zu korrigieren. Damit soll die Fähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum auf eine Sache zu konzentrieren können, verbessert werden.

Neue Regulierung der Verschreibungspraxis von Ritalin

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Kliniken und Kassen hat entschieden, dass solche Medikamente nur noch in Ausnahmefällen verschrieben werden sollen. Außerdem sollte, so der G-BA, die Verschreibung in der Regel ein Spezialist für Verhaltenstörungen bei Kindern vornehmen und das Medikament zwischendurch regelmäßig abgesetzt werden, "um Auswirkungen auf das Befinden des Kindes beurteilen zu können", erklärt der G-BA-Vorsitzende Rainer Hess.

"Einsatz nur nach sorgfältigster Diagnose"

Einen sorglosen Umgang mit Ritalin will auch die Diplom Psychologin Cordula Neuhaus nicht. So dürfe die Verschreibung von Ritalin oder vergleichbaren Präparaten niemals auf den Wunsch eines Lehrers oder Betreuers zurückgehen, sonders müsse sich immer aus dem Leidensdruck des Patienten begründen. Trotzdem ist ihr wichtig, das medial so oft verteufelte Medikament aus seiner Schmuddelecke zu befreien. Es seien in der ADHS-Therapie beachtliche Erfolge mit dem Einsatz von Stimulanzien wie Ritalin zu erzielen. "Behandelt werden sollte aber nur nach sorgfältigster Diagnose und nur, wenn eine gute und profunde Aufklärung erfolgt ist", macht die Spezialistin deutlich. Gerade wegen der teils stark negativ aufgeladenen öffentlichen Debatte über Ritalin sei es wichtig, auch den jugendlichen Patienten zu erklären, warum sie das Medikament bräuchten und wie es ihnen hilft, damit es nicht zu heftigen Widerständen bei den oft sehr intelligenten Betroffenen käme.

Gezielte Verunsicherung über Nebenwirkungen von Ritalin

Befeuert wird die öffentliche Diskussion über Stimulanzien wie Ritalin immer wieder aus zum Teil sehr dubiosen Richtungen. Vor allem im Internet tun sich einige zunächst recht seriös anmutende Seiten mit einer Totalkritik hervor, die so manche besorgte Eltern verunsichern dürfte. Wenn man bei der Suchmaschine Google nach "Ritalin" sucht, stößt man zum Beispiel auf eine Generalkritik auf der Seite wahrheitssuche.org, die sich durch allerlei zum Teil völlig abstruse Verschwörungstheorien hervortut. Eltern kann man nur raten, genau hinzuschauen, wer da seine Auffassungen online stellt und im Zweifel dem eigenen Arzt beziehungsweise Kinderpsychologen mehr zu vertrauen als dubiosen Quellen aus dem Web.

Medikamentöse Behandlung mit Ritalin kann Suchtproblematik vorbeugen

Anders als vielfach behauptet wird, soll Ritalin die Kinder nicht einfach ruhig stellen. Das wäre mit einem stimulierenden Medikament wie Ritalin auch gar nicht zu erreichen. Statt dessen greift der Ritalin-Wirkstoff derart ins Gehirn ein, dass ein Betroffener weniger schnell ablenkbar ist und sich besser und ausdauernder auf eine einzelne Sache konzentrieren kann. Außerdem sind ADHS-Kinder und -Jugendliche deutlich stärker suchtgefährdet als andere Menschen. Sowohl ihre starke Emotionalität als auch die immer wieder erlebten Enttäuschungen machen sie hier anfälliger. Auch hier könne eine frühzeitige medikamentöse Behandlung späteren Suchterkrankungen vorbeugen, wie die Schweizerische Fachgesellschaft für ADHS (SFG adhs) mitteilt. Danach hätten Langzeitbeobachtungen von ADHS-Patienten bis ins Erwachsenenalter hinein gezeigt, "dass Kinder mit ADHS, welche medikamentös behandelt werden, später eine geringere Rate an Abhängigkeitsstörungen haben."

Alternativen zu Ritalin in der ADHS-Therapie

Nicht zuletzt wegen der vielfach äußerst kritischen Betrachtung von Arzneimitteln wie Ritalin, sucht die medizinische Forschung mit Hochdruck nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten. In der klassischen Schulmedizin gelten vor allem erste Feldstudien zum Einsatz hochdosierter Omega 3/6-Fettsäurepräparaten als erfolgversprechend. Außerdem können im Einzelfall Zink- und Magnesiumpräparate sowie bestimmte homöopathische Arzneien die medikamentöse Behandlung ergänzen und unter Umständen zur Verringerung der benötigten Ritalin-Dosis beitragen.

Daneben existieren auch psychotherapeutische und heilpädagogische Therapieansätze wie beispielsweise die Verhaltens- oder die Bewegungstherapie. Sie greifen nicht chemisch in die Informationsübertragung des Gehirns und in dessen Dopaminhaushalt ein. Vielen Eltern erscheinen solche Ansätze deswegen unbedenklicher als ihr Kind über einen langen Zeitraum von mehreren Jahren dauerhaft mit Stimulanzien zu versorgen. Die Wirksamkeit dieser Ansätze ist unter schulmedizinisch geprägten AD(H)S-Spezialisten umstritten, insbesondere was die wirksame Suchtprävention angeht. Trotzdem spricht bei großen Vorbehalten gegen eine medikamentöse Therapie wenig dagegen, solche Therapieformen auszuprobieren, bevor man direkt den schulmedizinisch favorisierten Weg einer Therapie mit Stimulanzien wie Ritalin wählt. Auch hier wird übrigens in aller Regel nicht allein auf Medikamente gesetzt, sondern deren Einsatz durch vielfältige weitere Maßnahmen ergänzt.

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