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Nahost-Experte Gerlach: "Die Türkei will und kann nicht ganz Afrin erobern"

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Eskalation in Syrien  

"Die Türkei will und kann nicht ganz Afrin erobern"

Ein Interview von Jonas Schaible

20.02.2018, 20:55 Uhr
Nahost-Experte Gerlach: "Die Türkei will und kann nicht ganz Afrin erobern". Syrische Region Afrin: Die türkische Armee will laut dem Experten Daniel Gerlach einen Grenzstreifen in dem Gebiet erobern. (Quelle: dpa/Can Erok)

Syrische Region Afrin: Die türkische Armee will laut dem Experten Daniel Gerlach einen Grenzstreifen in dem Gebiet erobern. (Quelle: Can Erok/dpa)

Im Norden Syriens wird wieder heftig gekämpft. Die Türkei greift die dortige Kurdenmiliz an, Diktator Assad schickt Truppen zu deren Unterstützung. Nahost-Experte Daniel Gerlach über den Konflikt.

Herr Gerlach, syrische Truppen rücken gerade in die Provinz Afrin im Norden des Landes vor, wo die Türkei die kurdische YPG-Miliz bekämpft. Was genau passiert da?

Daniel Gerlach: Die kurdischen Streitkräfte der YPG in Afrin haben nach eigenen Angaben eine Übereinkunft mit dem syrischen Regime erzielt, dass Truppen von Baschar al-Assad dort die Kontrolle über einen Teil des Gebiets übernehmen. Und es notfalls gegen die Türkei verteidigen. Die Kurden der YPG sagen von sich, sie seien schließlich auch die Verteidiger der Souveränität Syriens. Deshalb hätten sie die Regierung um Hilfe gebeten. Bis gestern Abend hieß es, es gebe noch keinen Deal, man arbeite aber daran. Heute scheinen wirklich einige Streitkräfte des Regimes verlegt worden zu sein.

Daniel Gerlach, geboren 1977, ist Orientalist, Experte für den Nahen Osten und Chefredakteur des deutschen Magazins "Zenith".

Es gibt widersprüchliche Berichte, ob wirklich syrische Regierungstruppen eingesetzt werden, oder ob es nur regierungsnahe Milizen sind. Wissen Sie da mehr?

Ich weiß es derzeit nicht genau. Beides kann sein. Die PYD, die Partei hinter den sogenannten Volksverteidigungseinheiten, kurz YPG, hat gesagt, sie lade syrische Streitkräfte ein, aber sie wolle keine mit der Regierung verbündeten ausländischen Milizen aus dem Iran oder dem Libanon in der Region haben. Das würde ja schlecht ins Bild von der Souveränität Syriens passen, das man zeichnen will. Gleichzeitig haben oppositionsnahe Medien berichtet, vom Iran gestützte paramilitärische Einheiten seien nach Afrin gekommen. Auch das kann aber Propaganda sein. Grundsätzlich gibt es aber viele syrische paramilitärische Milizen, die von Geheimdienstoffizieren kommandiert werden. Sie kämpfen für die Regierung, sind aber keine offiziellen Armee-Einheiten.

Hier liegt die Krisen-Region Afrin: t-online.de zeigt, wo Türkei, Kurden und syrische Truppen kämpfen. (Quelle: t-online.de / Google Earth Studio)

Wenn es einen Deal gibt zwischen Assad und der YPG: Was bekommt Assad für seinen Einsatz?

Inoffizielle Propagandastellen aus Damaskus haben schon angebliche Bedingungen des Deals veröffentlicht. Da hieß es unter anderem, die Regierung verlange von den YPG, dass sie Grenzstationen, Krankenhäuser, Schulen und Rathäuser, aber auch militärische Einrichtungen und schwere Waffen übergeben. Angeblich habe das die YPG-Führung nicht akzeptiert. Aber in jedem Fall würde es darauf hinauslaufen, dass das Regime wieder die Kontrolle über einen Teil Afrins bekäme. Und damit vor allem Legitimität.

Ist das das Ende von Rodschawa, des kurdischen Staates in Nordsyrien?

Es ist auf jeden Fall ein kritischer Schritt dahin – auch wenn das Projekt immer schon auf tönernen Füßen stand. Die YPG in Afrin haben keine territoriale Anbindung in die anderen beiden Gebiete, die zum sogenannten Rodschawa gehören. Das haben die türkischen Streitkräfte bislang verhindert. Die YPG sind zäh und widerstandsfähig, aber die Türkei könnte auch an anderer Stelle eingreifen.

Wie könnte sie das tun?

Nach allem, was ich mitbekomme, könnte Ankara versuchen, auch in den beiden anderen kurdischen Kantonen Qamishli und Kobani, einen Aufstand lokaler Gruppen, insbesondere arabischer Stämme, gegen die YPG zu entfachen. Diese fühlen sich benachteiligt und sind empfänglich dafür. Schon in anderen Gebieten haben die Türken ja arabische und turkmenische Kämpfer gegen die Kurden mobilisiert. Dann könnte auch dort das syrische Regime einrücken – für Erdogan das kleinere Übel.

Wie wird sich die Türkei im Kampf um Afrin jetzt verhalten?

Ich denke, die Türkei will und kann nicht ganz Afrin erobern. Sie will einen Streifen an der Grenze sichern, dort dann auch dauerhaft bleiben. Und sie will die YPG entmachten. Deshalb käme ihr, glaube ich, der Einmarsch syrischer Regimetruppen sogar gelegen.

Wirklich? Weil ihr egal ist, wer die YPG schlägt?

Ja. So kommt man gesichtswahrend aus der Sache heraus. Sie kann ihre eigenen Verluste beschränken und trotzdem erklären, sie habe die YPG – oder die Partei der PYD – entmachtet. Der Preis dafür ist, mit dem Fortbestehen des Assad-Regime zu leben: Aber damit hat sich die türkische Regierung längst arrangiert.

Was heißt das für die Nato? Droht da eine Konfrontation zwischen dem Nato-Staat Türkei und YPG-Kämpfern, die von den USA unterstützt werden?

Die besteht ja bereits. Die USA haben kurdische Truppen, auch die YPG, im Kampf gegen den IS unterstützt. In Afrin selbst sind offiziell keine US-Streitkräfte, wohl aber etwas weiter östlich. Dass die Türkei zudem den Bündnisfall gegen Syrien ausruft, halte ich für extrem unwahrscheinlich. Sie ist der Angreifer, wird zweitens wohl nicht intensiv gegen syrische Truppen kämpfen und ist militärisch stark genug, um sich gegen allfällige Angriffe selbst zu verteidigen. Die Nato-Staaten würden ein solches Beistandsgesuch derzeit ablehnen. Russland hätte hingegen derweil zwei Ziele erreicht: Die Türkei und die USA politisch weiter zu entzweien und Erstere damit als Nato-Partner weitgehend zu neutralisieren. Und das syrische Regime wäre gestärkt.

Herr Gerlach, wir danken für das Gespräch.

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