Startseite
Sie sind hier: Home > Sport > Fussball > WM 2014 >

Die Wahrheit über den deutsch-türkischen Fußball

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

"Die deutschen Fußballtalente reichen auch für die Türkei"

17.08.2012, 10:19 Uhr

Die Wahrheit über den deutsch-türkischen Fußball. Mesut Özil bekam 2010 den Bambi-Integrationspreis verliehen. (Quelle: dpa)

Mesut Özil bekam 2010 den Bambi-Integrationspreis verliehen. (Quelle: dpa)

Das Interview führte Thomas Tamberg

Die deutschen Fußball-Trainer haben ein Image-Problem, die Jugendförderung in der Türkei ist katastrophal, darum gibt es keine türkischen Trainer im deutschen Profifußball, die Zeiten, von denen Franz Beckenbauer spricht, sind lange vorbei. Und Mesut Özil hätte lieber keinen Integrations-Bambi bekommen sollen: Engin Firat nimmt kein Blatt vor den Mund. Der 42-Jährige kann sich solch klare Worte erlauben, er weiß schließlich ganz genau, wovon er spricht. Neben Mustafa Denizli ist Engin Firat der einzige türkische Chef-Trainer in der Geschichte des deutschen Profi-Fußballs.

Engin Firat während seiner Zeit bei LR Ahlen. Er ist einer von zwei Türken, die in der Bundesliga als Cheftrainer gearbeitet haben. (Quelle: dpa)Engin Firat während seiner Zeit bei LR Ahlen. Er ist einer von zwei Türken, die in der Bundesliga als Cheftrainer gearbeitet haben. (Quelle: dpa)

Firat, der über 20 Jahre in Deutschland lebte, wuchs in Ostfriesland auf und begann nach Beendigung seines Sportstudiums seine Karriere als Fußballtrainer. Er arbeitete unter anderem als Assistent für Horst Hrubesch und Werner Lorant bei Fenerbahce Istanbul. Mit Lorant kehrte er von dort zurück nach Deutschland zum LR Ahlen. Als Lorant 2004 gefeuert wurde, übernahm Firat für kurze Zeit den Cheftrainerposten des damaligen Zweitligisten. Zuletzt arbeitete er als Co-Trainer des ehemaligen Bayern-Stürmers Ali Daei für die iranische Nationalmannschaft sowie als Chefcoach für die beiden iranischen Klubs FC Sepahan und Shahrdari Tabriz. 2010 und 2011 erhielt Firat den "Celik Bilek Ödülleri" - Preis in der Türkei, für seine Leistungen als bester türkischer Coach im Ausland. Im Interview spricht er über die Besonderheiten des deutsch-türkischen Fußballs.

t-online.de: Bei der EM haben neben Mesut Özil eine Reihe deutscher Nationalspieler die Hymne nicht mitgesungen. Die Diskussion darüber in Deutschland war groß. Können Sie das nachvollziehen?
Engin Firat: Wenn Deutschland Europameister geworden wäre, hätte niemand darüber gesprochen. Für mich ist es eine von mehreren Ausreden für ein nicht erreichtes Ziel. Man sollte doch eher darüber reden, was sportlich falsch gemacht wurde, denn Deutschland hat das Potenzial den Weltfußball zu dominieren.

Franz Beckenbauer hat nach seinem Amtsantritt 1984 eine Singpflicht eingeführt. "So wurden wir 1990 Weltmeister", sagte er. Ist da etwas dran? Die Italiener haben im Halbfinale gegen Deutschland jedenfalls inbrünstig mitgesungen und gewonnen.
Die Zeiten von denen Herr Beckenbauer spricht sind lange vorbei. Spieler sind heutzutage zu hundert Prozent Profis. Man braucht sie bei großen Turnieren auch nicht zusätzlich motivieren, es geht schließlich in diesen Spielen um sehr viel in ihrer Karriere. Identifikation mit dem Verein oder der Nationalmannschaft ist dabei zweitrangig. Charly Körbel hat nur für Eintracht Frankfurt gespielt, heute dagegen wechseln Spieler fast jedes Jahr. Spieler sind wie kleine Unternehmen, und eine persönlich gute Leistung bei einer EM ist daher sehr wichtig für sie.

Gäbe es eine Diskussion in der Türkei, wenn ein türkischer Nationalspieler die Hymne nicht mitsingen würde?
Wozu? Colin Kazım ist ein in England geborener türkischer Nationalspieler. Vergessen sie die Nationalhymne, er spricht nicht mal türkisch. Marco Aurelio war genauso. Es gibt auch viele Spieler die vor dem Spiel so konzentriert sind, dass sie nicht mal an das Singen denken.

Sollte Mesut Özil die deutsche Nationalhymne mitsingen?
In einem demokratischen Staat sollte er es selbst entscheiden dürfen. Als Trainer würde mich sowieso nur seine Leistung als Fußballer interessieren und nicht sein Gesang.

Özil wurde 2010 der Bambi-Integrationspreis verliehen. Helfen solche Auszeichnungen oder zeigen sie vielmehr, dass Integration immer noch ein schwieriges Thema in Deutschland ist?
Einen berühmten Fußballer diesen Preis zu geben, ist natürlich gut für die Medien. Ich denke dennoch, dass solche Preise diejenigen bekommen sollten, die sich in unzähligen freiwilligen Stunden für Integration engagieren. Diese Leute haben Anerkennung verdient. Persönlich denke ich, dass Deutschland in Sachen Integration sehr erfolgreich ist und denke nicht mehr, dass es ein schwieriges Thema ist.

Sie kennen das Profigeschäft schon lange. War die Integration türkischer Fußballer früher schwieriger?
Natürlich. Vor 25 Jahren war eine deutsche Nationalmannschaft mit so vielen Migrantenkindern undenkbar. Das muss man ehrlich so sagen dürfen. Es war z.B. für türkische Jugendspieler sehr schwierig, in die A-Mannschaften zu kommen. Heute spielen wirklich nur noch die Besten, egal woher sie kommen. 

Ist Deutschsein oder Türkischsein im täglichen Miteinander unter Profifußballern überhaupt noch ein Thema?
Nein. Die Fußballwelt ist international, und niemanden interessiert der Pass. Allen geht es um den sportlichen Erfolg. Und wenn es nur der persönliche Erfolg ist.

Was geht in einem in Deutschland aufgewachsenen Fußballer mit türkischen Wurzeln vor, wenn er sich für ein Land bzw. für eine Nationalmannschaft entscheiden muss?
Das ist sehr schwierig für die Jungs. Meist sind sie ja noch Kinder, wenn sie so eine wichtige Entscheidung treffen müssen. Oft wird diese dann mit der gesamten Familie getroffen, um den Druck von den Jungs zu nehmen. Der Erfolg von Mesut Özil hat den Trend übrigens etwas in Richtung deutsches Team gedreht.

Meinen Sie den Druck, den die Verbände auf die Fußballer ausüben?
Der Druck der Verbände spielt eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Das Problem ist, dass diese Kinder zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sind und selber nicht wissen, wohin sie gehören. Wenn dann eine so emotionale Entscheidung getroffen werden soll, sind sie natürlich total überfordert. Gerade dann brauchen sie Hilfe von der Familie. Dies ist mehr eine emotionale als eine sportliche Frage. Hier geht es weiter mit Teil II: Deutsche Trainer haben ein Image-Problem.

Liebe Leserin, lieber Leser, aktuell können zu diesem Thema keine neuen Kommentare abgegeben werden. Ab 6 Uhr können Sie hier wieder wie gewohnt diskutieren. Wir danken für Ihr Verständnis.
Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Straßenlaterne rettet Leben 
Junge Frau hat das Glück ihres Lebens

An einer Kreuzung stoßen zwei Autos zusammen. Ein Peugeot verliert die Kontrolle, rast auf den Bürgersteig zu. Eine Straßenlaterne rettet einer jungen Passantin das Leben. Video

Anzeige

Shopping
Shopping
Jetzt EntertainTV Plus bestellen und 1 Jahr sparen!

EntertainTV Plus 1 Jahr statt 14,95 € für 4,95 €* mtl. sichern. www.telekom.de Shopping

tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de
Sport von A bis Z

Anzeige
shopping-portal