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Ein rätselhafter Patient  

Der verhängnisvolle WC-Stein

12.04.2014, 13:48 Uhr | Heike Le Ker, Spiegel Online

Der verhängnisvolle WC-Stein. WS-Steine in einem Urinal (Quelle: imago/Chromorange)

Mysteriöse Zwangshandlung lässt Frau WC-Steine kauen (Quelle: Chromorange/imago)

Eine Frau leidet unter Multipler Sklerose und hat einen Krankheitsschub, sie ist schlapp und kann sich schlecht bewegen. Aber da ist auch noch ein seltsamer Hautausschlag. Steckt eine absonderliche Zwangshandlung der Frau dahinter?

Die Symptome der Frau passen zu ihrer chronischen Krankheit: Ihre Beine werden seit drei Wochen immer schwächer, und sie fühlt sich schlapp. Die Patientin hat Multiple Sklerose (MS). Doch jetzt ist auch noch ein Hautausschlag dazugekommen, der nicht zu MS passt - jener neurologischen Erkrankung, bei der Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark zu Lähmungen, Sensibilitätsstörungen oder Koordinationsproblemen führen.

Fünf Jahre ist es her, dass die Ärzte bei der Ende 30-Jährigen MS entdeckt haben: Nach einem Autounfall, bei dem die Frau schwere Verletzungen davonträgt, machen die Mediziner auch Schichtaufnahmen vom Gehirn. Dabei fallen ihnen in der Kernspintomografie (MRT) einige weiße Flecken auf, die typisch für MS sind. Nachdem Neurologen die Diagnose durch eine Untersuchung des Nervenwassers bestätigten, erfahren sie von der Frau, dass sie mitunter schlecht sieht, Gedächtnislücken hat und ihr rechtes Bein sich anders anfühlt als das linke. Zudem berichtet sie von einer depressiven Episode.

Eine gängige MS-Therapie mit sogenannten Interferonen, von der Ärzte sich auch eine vorbeugende Wirkung gegen neue Schübe erhoffen, bringt kaum Besserung. In den folgenden Jahren kommen immer wieder neue Symptome hinzu: Die Frau kann ihre Augenbewegungen nicht mehr richtig kontrollieren, sie beginnt zu schielen, die Sehschärfe lässt nach. Ihre Beine setzt sie beim Gehen immer breiter auf, ohne Rollator kann sie sich auf der Straße bald nicht mehr bewegen. Vier Jahre nach dem ersten MRT-Bild zeigen sich zwei zusätzliche MS-Herde im Gehirn.

Abbeißen, kauen, ausspucken

Jetzt sorgt sich die Frau aber vor allem, weil sie so erschöpft ist. Ihre Beine sind so schwach, dass sie aus einer Sitzposition nicht mehr allein aufstehen kann. Und dann ist da noch der seltsame Ausschlag, der weder jucke noch schmerze, sagt die Frau. Auf beiden Seiten sind die Füße und Beine betroffen, die Arme und der Rumpf. Nur Kopf und Hals sind ausgespart.

Die Neurologen von der University of Texas in Dallas, die über ihre ungewöhnliche Patientin im Fachjournal "Jama Neurology" berichten, befragen die Frau so detailliert wie nie zuvor.

Schließlich gesteht die Patientin, dass sie unter einem ungewöhnlichen Zwang leidet: Jeden Tag nimmt sie den WC-Stein (in den USA häufig geformt wie ein Törtchen) aus der Toilette und beißt davon ein Stück ab. Nachdem sie eine Weile darauf gekaut hat, spuckt sie den Brei wieder aus. Seit 15 Jahren geht das so. Früher kaute sie den WC-Stein nur unregelmäßig, seit fünf Jahren aber mehrmals in der Woche. Ruhe würde sich dadurch in ihr ausbreiten, sagt die Patientin, das Ritual nähme ihr Ängste.

Der Hauptbestandteil der Toilettendeos ist die chemische Substanz PDCB (Paradichlorbenzol). Sie hat einen beißenden Geruch und wird in Lösungsmitteln, Pestiziden, Farbstoffen und Mottenkugeln verwendet. Im Tierversuch hat sie sich als krebserregend erwiesen.

Im Blut der Frau finden die Ärzte 18 Mikrogramm PDCB pro Milliliter. Bei der näheren Untersuchung fällt auf, dass die Patientin ihre Bewegungen deutlich schlechter koordinieren und ihre Rumpfhaltung nicht mehr richtig kontrollieren kann. Sie weiß nicht, welcher Tag ist, ihre Gedächtnislücken haben zugenommen, und sie reagiert deutlich verlangsamt auf Fragen und Aufforderungen.

Keine WC-Steine mehr in Reichweite

Die Neurologen gehen davon aus, dass die Patientin sowohl einen neuen MS-Schub hat als auch eine durch PDCB ausgelöste Enzephalopathie. Unter diesen Begriff fallen verschiedene Veränderungen des Gehirns. Den akuten Krankheitsschub behandeln sie mit einem Immunsuppressivum. Zudem beginnen sie eine Therapie mit einem Antidepressivum. Als sie die Frau in etwas verbessertem Zustand nach Hause entlassen, sorgt die Mutter dafür, dass keine WC-Steine mehr in Reichweite sind.

Zwei Tage später ruft die Mutter wieder in der Klinik an: Ihre Tochter sei desorientiert. Weder Urin noch Stuhlgang könne sie kontrollieren, sie könne nicht mehr allein gehen und esse nichts mehr.

Bei der Aufnahme im Krankenhaus reagiert die Patientin nur langsam. MRT-Bilder des Gehirns zeigen Veränderungen in der weißen Substanz, wie sie bei Enzephalopathien auftreten können. Fast täglich verschlechtert sich ihr Zustand. Sie nimmt ihre Umgebung kaum noch wahr, reagiert immer weniger auf Ansprache. Nach zwei Wochen muss sie beatmet werden. Sechs weitere Wochen später wird sie in eine Einrichtung für Langzeitpflege verlegt.

Das medizinische Wissen über PDCB-Vergiftungen ist begrenzt. Nur elf weitere Fallberichte seien bekannt, schreiben die Mediziner. Eine Therapie oder ein Gegengift gibt es nicht. Wann genau das PDCB angefangen hat, die Frau krankzumachen, bleibt ungewiss. Die Ärzte spekulieren, ob die Chemikalie die MS sogar ausgelöst haben könnte. Sicher ist das aber nicht. "Der klinische Verlauf verschlechterte sich, obwohl die Patientin das Gift nicht mehr zu sich nahm", heißt es im Bericht. Das Phänomen sei als "Coasting" bekannt. Der Begriff kommt aus der Schifffahrt und heißt so viel wie "Fahren im Leerlauf". Der Mechanismus dahinter ist aber unbekannt. Die Frau wird voraussichtlich pflegebedürftig bleiben.

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