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Mercedes-Oldtimer restaurieren

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Zwischen Frust und Stolz: Oldtimer restaurieren

10.09.2015, 09:32 Uhr | Uwe Kauss - wanted.de

Mercedes-Oldtimer restaurieren. Der Traum eines jeden Oldtimer-Fans: Mercedes 220 SE Coupé. (Quelle: dpa)

Der Traum eines jeden Oldtimer-Fans: Mercedes 220 SE Coupé. (Quelle: dpa)

Oldtimer sind elegante, außergewöhnliche Autos, die eine vergangene Zeit lebendig machen. Sie sind zudem Wertanlagen mit satten Renditen. Das Restaurieren und Pflegen alter Mercedes-Modelle ist für Horst Stümpfig dagegen pure Begeisterung und Lebensinhalt. Der Gründer des "Vereins der Heckflossenfreunde" erzählt, warum Autoschrauben für ihn das "letzte Abenteuer des Mannes" ist.

Start-Stop-Automatik? Zentralverriegelung? ABS und ESP? Adaptives Kurvenlicht? Elektrisch verstellbare Spiegel? Klimaautomatik? Gibt's hier alles nicht. Innen edel gemasertes Holz und duftendes Leder, Chrom, elegante Schalter, ein Lenkrad wie vom Innenausstatter, ein Radio mit fünf Stationstasten und eine Tür, die beim Schließen ein Geräusch erzeugt wie das Tor eines alten Klosters. Das ist für Horst Stümpfig aus Ornbau in Oberfranken ein richtiges Auto.

Traumauto "Große Heckflosse"

Der Mercedes-Benz 220 SEb Coupé, erstmals 1961 gebaut, gehört längst zu den legendären Fahrzeugen mit Stern. Die "große Heckflosse" ist eines der vielen Oldtimer-Modelle, für die er Urlaub, Freizeit, viel Geld und einen großen Teil seines Privatlebens opfert. Stümpfig ist ein leidenschaftlicher Oldtimer-Fan. Doch er ist keiner, der Rendite sucht.

Seit Jahrzehnten ist er mit Leib und Seele ein Mercedes-Schrauber. Ersatzteile auf auftreiben, in der Werkstatt mit Spezialwerkzeug, Bierflasche, verschrammten Armen und verdammt viel Improvisationstalent reparieren und restaurieren, Fehlschläge wegstecken und Nächte durcharbeiten: Für Horst Stümpfig ist Autoschrauben eine Lebenseinstellung, "das letzte Abenteuer des Mannes".

Seine Mission sei es, "schöne Autos am Leben zu erhalten".

Hohe Rendite für Heckflosse und Pagode

Extrem begehrt ist etwa die von 1963 bis 1971 gebaute Roadster-Reihe 230, 250 und 280 SL – die "Pagode". "Viele Heckflossen kosten längst über 50.000 Euro, die werden teurer, so schnell kannst du gar nicht zuschauen." Das elegante Mercedes-Cabrio 220 SE der Baureihe W111 habe einen Händler im üblen Zustand 70.000 Euro gekostet, berichtet Stümpfig. 100.000 Euro steckte der in die Restaurierung, für 240.000 Euro hat er ihn verkauft.

Mittlerweile habe dieses Cabrio einen Wert von 370.000 Euro. Er und seine Verbündeten stemmen sich gegen diesen Trend: "Wir gehören nicht zur Krabbencocktail-und-Sekt-Fraktion. Wir sind die letzten Haudegen und trinken Flaschenbier".

Zusammen mit zwei Freunden gründete er vor 27 Jahren den "Verein der Heckflossenfreunde", kurz vdh. Mittlerweile sei der "die größte Selbsthilfegruppe Deutschlands" mit mehr als 6000 Mercedes-Oldtimerfans in ganz Deutschland. Über 90 Prozent sind Männer mit einem Durchschnittsalter von knapp 40 Jahren – etwa ein Jahr jünger als die im Schnitt 41 Jahre alten Heckflossen, an denen sie herum schrauben. Die Autofans tauschen sich aus, helfen sich, schweißen, schrauben, schleifen und montieren gemeinsam. In Ornbau gibt’s dazu eine große Vereinshalle mit Café, Museum, Clubshop, Irish Pub und Weinkeller.

vdh - Verein der Heckflossenfreunde

Stümpfig hat selbst jahrelang schrottreife Mercedes restauriert und gefahren. Doch als Vereinsvorsitzender konnte – und wollte – er das nicht mehr weiterführen: "Wir jagen überall nach Ersatzteilen. Alle Mitglieder, die dasselbe Modell wie ich besitzen, würden nie an Teile kommen, weil die besten Stücke der Vorsitzende einsackt", erzählt er. Also kümmert er sich heute um die Organisation, um Veranstaltungen sowie vor allem um die Ersatzteilversorgung mit einer Liste, die längst zehntausende Komponenten für Modelle aus den 50-er bis in die 80-er Jahre bereit hält. Wer heute einen Oldtimer – egal welcher Marke – restaurieren will, sollte sich auf eine lange, frustrierende Zeit voller Fehlschläge einstellen. "Meistens dauert es um fünf Jahre, bis aus einer nicht fahrbereiten Schrottkiste wieder ein tolles Auto geworden ist", weiß er aus Erfahrung. Dabei entwickelt sich eine tiefe Zuneigung zwischen Mensch und Mobil.

"Die meisten haben ihrem Wagen einen Namen gegeben." Sie fangen liebevoll an zu restaurieren und "stehen nach ein paar Jahren vor einem Trümmerhaufen, weil die Ersatzteile fehlen". Der Nachschub in Deutschland sei "schlicht zum Kotzen". Es gebe kaum noch gute Metallwerkstätten, die Originalteile in Kleinserie nachbauen. Das Verchromen von Stoßstangen und Zierblechen sei kaum noch möglich. Zudem fehlten Sattler, die Ledersitze aufarbeiten. Stümpfig gibt viele Ratschläge zum Restaurieren, Reparieren und Improvisieren. Da komme es zu interessanten Gesprächen: "Mich rief der Fuhrparkleiter eines arabischen Scheichs an. Im Hintergrund waren Motorengeräusche zu hören. Er erklärte mir, 69 Heckflossen-Oldtimer würden nun warmlaufen, damit der Scheich sich einen zur Ausfahrt nach dem Frühstück auswählen könne. Bei einer Limousine sei aber im Standgas ein leichtes Klappern zu hören. Was das denn sein könnte?"

Mercedes-Traumland Kalifornien

Seit 24 Jahren unternimmt Stümpfig regelmäßige "Schrotteltouren" nach Kalifornien. Dort ist sein Land der Träume: Denn Mercedes-Benz habe in den 60-er Jahren den US-Markt erobern wollen – und die Topmodelle in großer Menge zu günstigsten Preisen angeboten. "Da fuhren zeitweise mehr Mercedes als in Deutschland." Heute stehen viele von den hier so begehrten Modellen auf riesigen Schrottplätzen – und sie rosten nicht, weil das Klima warm und trocken ist. "Ich habe einmal etwa 1500 Mercedes auf einem einzigen Schrottplatz gesehen", staunt er noch heute. Bei den ersten Touren hätten er und sein Kumpel auch mal eine seltene Tür im Handgepäck des Flugzeugs verstaut und am Flughafen über die Schulter gehängt, erinnert er sich. Zu Beginn war er mehrmals jährlich in den USA, nun fliegt er einmal pro Jahr. Alles, was er als Ersatzteil würdig befindet, verstaut er in riesigen Schiffscontainern, die der Verein eigens dazu mietet und bei einer Spedition abstellt. Zuhause erwarten die Fans schon die lang ersehnte Einspritzpumpe, Türverkleidung, Beifahrertür oder den Kotflügel. Jetzt kann die Arbeit weitergehen. Bis zum nächsten Frust-Bier. Impressionen sehen Sie in unserer Fotoshow.

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