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Der Retter alter Rennradkunst

03.01.2017, 11:17 Uhr | Wolfgang Schäffer, SP-X

Der Retter alter Rennradkunst. Der 54-jährige Werbetechniker Wolfgang Hagemann aus Cloppenburg widmet sich dem Erhalt einer heute fast vergessenen Kunst. (Quelle: SP-X/Wolfgang Schäffer)

Der 54-jährige Werbetechniker Wolfgang Hagemann aus Cloppenburg widmet sich dem Erhalt einer heute fast vergessenen Kunst. (Quelle: SP-X/Wolfgang Schäffer)

Sammlungen historischer Fahrzeuge gibt es unzählige. Aber wahrscheinlich nur einen Enthusiasten, der sich auf alte Rennräder mit besonderem Stammbaum spezialisiert hat.

Wolfgang Hagemann ist so etwas wie ein Retter. Dem 54-jährigen Werbetechniker aus Cloppenburg geht es um den Erhalt einer heute fast vergessenen Kunst. Er sammelt handgefertigte Rennräder aus Stahl mit besonderen Rahmendesigns, eigenwillig konstruierten Bremsen oder Lenkern. Und er restauriert diese Relikte aus der Vergangenheit.

Colanis Handschrift

Aus der stammt auch das Unikat, das die Handschrift von Luigi Colani trägt. Der eigenwillige Designer hatte 1982 für die Internationale Fahrrad- und Motorradausstellung in Köln im Auftrag des Herstellers Kalkhoff ein Rennrad entworfen, das in Serie weniger als fünf Kilo wiegen sollte. Die von Colani gestalteten Dummies aber waren noch richtig schwer und zudem alles andere als fahrtüchtig.

Hagemann hatte das Glück, in den Besitz eines der wenigen Rahmen zu kommen, die damals für Colani gebaut wurden. In seiner Werkstatt in Cloppenburg baute er das Designstück so auf, dass es jetzt fahrtüchtig ist. Vermutlich hat er damit ein echtes Einzelstück in seiner Sammlung.

Zwei dünne Streben von RiGi

In der wimmelt es von Raritäten. Während Marken wie Cinelli und Colnago Fachleuten noch bekannt sind, können nur absolute Insider etwas mit den Namen Textima, Maza, Mécacycle, MKM oder RiGi anfangen. Letztgenannter Hersteller beispielsweise hatte eine besondere Idee von einer Rahmenkonstruktion mit zwei dünnen Streben als Sitzrohr. Das Hinterrad lief zwischen den beiden feinen Rohren, konnte dadurch nach vorn rücken. Ein Gedanke, der übrigens auch von Colani übernommen wurde.

Aufsehen erregend und oft kopiert

Textima hingegen war die damalige Fahrradschmiede für die Nationalmannschaft der DDR. Ein paar wenige Techniker waren in dem VEB Kombinat dafür abgestellt, das beste Material zu entwickeln, um den Radsportlern das Siegen leichter zu machen. Ein nach vorn abfallendes Oberrohr sowie der tief sitzende Lenker ohne Vorbau und sichtbaren Steuersatz waren die typischen Merkmale für die Räder, die bei der Konkurrenz für großes Aufsehen sorgten und später oft kopiert wurden.

"Ein komplett echtes Textima-Rad wird es kaum geben", glaubt Hagemann. Der Grund dafür ist, dass immer nur ganz wenige Räder gebaut wurden und es dann schon wenig später Änderungen im Detail gab. Dennoch ist der Sammler froh, gleich zwei dieser Räder, eine Straßen- und eine Zeitfahrmaschine für das Bahnfahren, in seiner Ausstellung zu haben.

Filigran gefertigte Räder

Die wächst etwa seit dem Jahr 2000 ständig. Damals bekam er von einem ehemaligen Mitarbeiter der benachbarten Firma Kalkhoff ein altes, von dem Unternehmen gefertigtes Rennrad. Wenige Wochen später sah die Maschine aus wie neu. Hagemann hatte alles auseinander genommen, gereinigt, defekte Teile repariert oder sogar nachgebaut. Spätestens diese Arbeit löste seine Faszination zu den filigran gefertigten Rädern aus.

In alten Katalogen stöberte er besondere Räder und Teile auf, suchte und fand vor allem handgefertigte Stücke von hoher Qualität. Denn darauf legt er inzwischen ebenso großen Wert wie darauf, dass es Raritäten sind, die er in seine Sammlung aufnimmt. Die hat für ihn in erster Linie einen ideellen Wert. Denn einige dieser Zweiräder wurden möglicherweise nur ein einziges Mal gebaut. "Wenn man bis zu 60 Stunden für die Restaurierung eines alten Rades investiert, darf es kein Massenprodukt sein, wie es möglicherweise noch in vielen Kellern steht."

Raritätenfund ist Glücksache

Der Sammler vergleicht seine Leidenschaft ein wenig mit denen der Liebhaber von Oldtimern, die ihr Augenmerk auch auf seltene, mit großer Ingenieurskunst gebaute Exemplare legen. Während für die Autos aber große Werkstätten benötigt werden, sitzt Hagemann überwiegend in seinem Arbeitszimmer, um die kleinteiligen Schaltwerke, Bremsen, und Lager mit größter Geduld auseinanderzubauen, zu reinigen, zu reparieren und wieder zusammenzusetzen.

Lediglich wenn es darum geht, dass Rahmen gerissen sind, Gewinde neu- oder nachgeschnitten werden oder er bestimmte Teile nachbauen muss, dann ist er in seiner für die Zwecke bestens bestückten Werkstatt zu finden. Kontakt hat Hagemann inzwischen zu Sammlern in der ganzen Welt, die Suche nach weiteren Raritäten läuft meist über das Internet. Es sei aber absolute Glücksache, dort auch fündig zu werden. Oft helfe dabei das geschulte Auge. "Bei Bildern von angebotenen Rädern sind es oft winzige Hinweise, an denen zu erkennen ist, dass es sich um etwas Besonderes handelt. Etwas, das sich lohnt, gerettet und erhalten zu werden."


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