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Bespaßung ohne Ende: Kinder brauchen mehr Freiraum

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Alles unter Kontrolle - selbst beim Spielen sind Erwachsene immer dabei

09.02.2011, 15:35 Uhr | Annegret Böhme, t-online.de

Bespaßung ohne Ende: Kinder brauchen mehr Freiraum. Mutter spielt mit ihrem kleinen Sohn.

Zu viel Kontrolle durch die Eltern schränkt Kinder in ihrer Entfaltung ein. (Bild: imago)

Wer eine Kostprobe der Interaktion zwischen Eltern und Kindern bekommen will, muss sich zehn Minuten auf einen Spielplatz stellen: „Komm, spring Luca!“, „Du wolltest doch schaukeln, Luise“, „Kuck mal Richard, ein Flugzeug!“ Eltern lassen ihren Kindern keine Ruhe, sie schubsen nicht nur an, sie rutschen auch mit. Erwachsene haben kindlichem Spiel schon immer Grenzen gesetzt. Aber heute ist es selbstverständlich, dass sie es organisieren, Konflikte lösen, sich mit Ideen und Rat einmischen. „Kinder bespaßen“, nennen Eltern das. Die Extremform ist der Kindergeburtstag: Von der Schatzsuche bis zum Kinobesuch ist alles geplant. Für Impulse der Kinder bleibt selten Raum. Dass sie von selbst spielen, wird kaum noch erwartet.

Kindern Zeit zu schenken sei gut, gemeinsames Tun wichtig, sagt die Pädagogin und Spieltherapeutin Gabriele Pohl. Wer Interesse am Spiel der Kinder zeige, würdige ihr Tun. Aber ständiges Einmischen sei kontraproduktiv. „Freies Spiel entspringt der eigenen Fantasie“, sagt Pohl, „es lebt davon, dass Kinder ihren Impulsen folgen.“ Sie drücken damit aus, was sie bewegt, sie sammeln und verarbeiten Erfahrungen. „Dabei erleben sie, dass sie die Welt gestalten und verändern können.“ Die Begrenzung des Spiels durch Vorgaben oder Animation, reiße die Kinder nicht nur ständig aus ihrer konzentrierten Schaffenslust. Es verunsichere: „Sie verlieren das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten.“ Der Raum für freies Spiel, in dem Kinder nur sich selbst folgen, ist durch verplante Freizeit, Medienkonsum und begrenzte Spielräume ohnehin beschnitten.

Eltern kreisen wie ein Hubschrauber um ihr Kind

„Ein Problem ist außerdem, dass Erwachsene heute immer dabei sind“, sagt Pohl. Sie tadeln, wenn das Kind den Teddy haut. Sie erklären die Sterne oder Bilder im Buch bevor das Kind sie selbst entdeckt. Noch vor dreißig Jahren hat deutsche Eltern kaum interessiert, was Kinder spielen, solange sie zu Hause waren, wenn die Laternen angingen. Heute sind Kinder nie unbeobachtet, Eltern wollen wissen, wo sie sind und was sie tun. Das ist kein deutscher Trend. In den USA hat sich der Begriff „helicopter parenting“ etabliert, für Eltern, die ständig ums Kind kreisen, immer einsatzfähig und bereit, bis ins College-Alter hinein dessen Probleme zu lösen.

Die Angst, dem Kind könne etwas zustoßen, ist groß. Kind sein gilt inzwischen als gefährlich, auch das unbeaufsichtigte Spiel mit anderen. Der britische Soziologe Frank Furedi nennt das Eltern-Paranoia, weil es nichts mit realer Bedrohung oder der Verwundbarkeit des Kindes zu tun habe, sondern damit, dass verunsicherte Eltern, ihre Sorgen aufs Kind projizieren. Die Welt der Erwachsenen sei voller Spannungen: brüchige Beziehungen, vorläufige Berufsidentitäten und keine eindeutige Antwort auf die Frage: Wer bin ich. Doch dränge eine Fülle widersprüchlicher Expertenmeinungen Eltern in die Rolle von Allmächtigen: Ihr Einfluss gilt als entscheidend für das Schicksal des Kindes. Der Wunsch zu fördern entstehe letztendlich aus Verunsicherung.

Kompetenzen statt Lernspaß

Auch dieser Förderwille macht dem freien Spiel Konkurrenz. Die Angst, der Nachwuchs könnte in seiner Entwicklung, seinem Wissens- und Bildungsstand hinter Gleichaltrigen zurück fallen, habe sich hierzulande nach der ersten Pisastudie 2000 deutlich verstärkt, sagt die Spieltherapeutin Gabriele Pohl. Vor allem im Bildungsbürgertum würden jetzt Lernspiele angeschafft. Der Markt boomt. Früher stand auf Spielanleitungen „Ein Riesenspaß für die ganze Familie“, heute werden sämtliche Kompetenzen aufgelistet, die das Spiel trainiert.

„Viele Eltern merken selbst, dass etwas nicht stimmt“, sagt Pohl. Wenn sie einen Wunschzettel in der Hand hielten, auf dem stünde: „Ich wünsche mir etwas, wo ich nichts lernen kann.“ Oder wenn „Kinder bespaßen“ frustriert, wie den Vater, der stundenlang eine Legolandschaft aufgebaut hat - und dann hat sein Sohn gar nicht damit gespielt. „Sie würden es gern anders machen“, sagt Pohl. Aber es sei schwer, sich einem Trend zu widersetzen.

Bereits in Kitas wenig Raum für freies Spiel

Der Druck zu fördern hat längst die Kleinkindpädagogik erreicht. Die aktuellen Orientierungs- oder Bildungspläne für Kindertagesstätten werden es Erziehern erschweren, freies und ungestörtes Spiel einzuräumen. Die Pläne sollen Bildung in Kindergärten und Krippen verbindlicher machen, denn Jahre lang wurde dem Wissensdurst und der Neugier kleiner Kinder wenig Beachtung geschenkt. Einige lesen sich jedoch, als mache die Entdeckung, dass Kinder von Anfang an lernen, eine Abwertung des Spiels nötig: „Kein Kind will nur spielen“ heißt es gleich lautend im Bayrischen und im Hessischen Bildungsplan, „es will auch mit realem Leben und ernsthaftem Tun beschäftigt sein.“ Es ist viel von Wissenskonstruktion oder Kompetenzerwerb die Rede, viel vom Lernen, kaum noch vom Spiel. Auf seine Eigenheiten und den wichtigen Aspekt, dass es selbstbestimmt ist, wird nur in Ausnahmen, wie dem Berliner oder dem Thüringer Bildungsplan eingegangen.

Durch Muße entsteht Kreativität

Der Spielforscher Rainer Buland vom Institut für Spielforschung an der Universität Mozarteum in Salzburg kennt noch einen anderen Grund, der das Versinken ins Spiel erschwert. Hohes Tempo bestimme heute den Alltag. „Da ist es schwer zu ertragen, wenn mal zehn Minuten nichts passiert.“ Freies Spiel brauche Muße. Wenn Erwachsene Langeweile zulassen - bei sich und ihren Kindern - entstünden neue Ideen. Wer der eigenen Sehnsucht nach Kreativität und Selbstvergessenheit Raum gibt, wer die Eisenbahn raus holt, wenn die Kinder schon im Bett sind, wird das Spiel von Kindern vielleicht eher respektieren und sie in Ruhe lassen, wenn sie darin versinken.

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