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Tod von Geschwistern: So hilft man Kindern in der Trauer

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Tod von Geschwistern  

Wenn der Bruder stirbt

07.06.2016, 18:55 Uhr | dpa-tmn, dpa

Tod von Geschwistern: So hilft man Kindern in der Trauer. Tod von Geschwistern: Kommt mein Bruder wirklich nie wieder? Trauernde Eltern übersehen oft, wie sehr auch Geschwisterkinder leiden. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Kommt mein Bruder wirklich nie wieder? Trauernde Eltern übersehen oft, wie sehr auch Geschwisterkinder leiden. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eltern, die ein Kind verloren haben, unterschätzen in ihrer Trauer oft, wie groß die Belastung auch für die Geschwister ist. "Das ist häufig schlimmer, als es von uns wahrgenommen wird", erklärt die Psychotherapeutin Ulla Steger. Psychologen geben Tipps, wie Familien die Trauer um ein Kind gemeinsam bewältigen können.

Den Verlust überhaupt zu begreifen - zu verstehen, dass der Bruder oder die Schwester tatsächlich nie mehr durch die Tür kommen wird, ist besonders für kleine Kinder sehr hart und braucht viel Zeit. Richtig verstanden hat Philipp erst zwei Jahre später, dass sein älterer Bruder Felix tot ist. "Ich war damals sechs, er zehn. Er ist im Ferienlager bei einem Unfall gestorben", erzählt der heute 20-Jährige aus Potsdam. Sehr eng sei ihr Verhältnis gewesen. Sie hätten nachts immer noch unter der Bettdecke gelegen und miteinander gesprochen. Bis heute vergehe kein Tag, an dem er nicht an seinen Bruder denkt, sagt Philipp. Der ältere Bruder war sein Idol, sein Vorbild.

Nach dem Tod des Geschwisterkindes ist alles anders

Wenn ein Geschwisterkind stirbt, gerät das Familiengefüge auseinander. Nicht nur die Eltern müssen ihre Trauer verkraften, auch die verbleibenden Geschwister müssen ihr Leben nach dem Schicksalsschlag neu ordnen. In einigen Fällen sind sie plötzlich das einzige Kind in der Familie. Und auch die Beziehung zwischen Kind und Eltern wandelt sich. "Eltern reagieren oft sehr ambivalent. Einerseits sind sie zerrissen vor Trauer, andererseits legen sie sehr stark den Fokus auf das noch lebende Kind und sind panisch, dass ihm auch etwas zustoßen könnte", erklärt Thomas Multhaup, Trauerbegleiter in München. Für die Kinder kann solche Überaufmerksamkeit zur Belastung werden.

"Das ist nicht deine Schuld"

"Ist der Bruder oder die Schwester gestorben, weil ich immer so böse zu ihnen war?" "Hätte ich mein Geschwisterkind vor Krankheit oder Tod schützen können?", das sind Fragen, die viele Kinder nach dem Todesfall beschäftigen. Auf welche Art Geschwister trauern, kann sehr unterschiedlich sein. Während einige zumindest nach außen schnell wieder zur Normalität übergehen, entwickeln andere schwere Schuldgefühle.

Das liegt daran, dass es im Verhältnis von Geschwistern neben Nähe und Zuneigung es auch Konkurrenz und Neid gebe, erklärt Ulla Steger, Psychotherapeutin aus Düsseldorf. "Gerade wenn es nicht so harmonisch war und ein Kind das Gefühl hat, es sei gemein zu dem andern gewesen, kann es ganz schwer werden, Geschwistertrauer zu verarbeiten." In so einem Fall müssten zunächst die Schuldgefühle bewältigt werden, bevor es mit der Trauer klappen kann. Eltern müssten in so einem Fall deutlich machen: "Das ist nicht deine Schuld."

Vor dem Einschlafen über die Trauer sprechen

Gut sei es, wenn es dem Kind gelingt, mit Eltern und Freunden über ihre Gefühle zu reden. Vielen Kindern falle das allerdings unheimlich schwer. Eltern können versuchen, so ein Gespräch anzustoßen. "Das gelingt am ehesten durch offene Fragen." Ein guter Zeitpunkt dafür sei abends vor dem Einschlafen, weil das oft ein Moment großer Nähe sei, erklärt die Psychologin. "Oder bei einem Spaziergang, vielleicht auch bei einer Fahrt im Auto." Das sei zum Beispiel eine Möglichkeit, mit etwas älteren Kindern, die schon in der Pubertät sind, ins Gespräch zu kommen.

Todessehnsucht: "Ich dachte, dann könnten wir wieder spielen"

Gefährlich werde es, wenn sich in der Familie alles nur noch um das verstorbene Kind dreht. "Lebende Kinder bekommen dann das Gefühl 'Und ich?'", warnt die Tübinger Psychotherapeutin Helga Lauchart. Sie könnten den Wunsch entwickeln, ebenfalls sterben zu wollen. "Sie denken, dass ihre Mutter sie vielleicht lieber hat, wenn sie tot sind", warnt die Therapeutin. So ähnlich erging es Philipp: Auch er wollte ein Jahr nach dem Tod seines Bruders nicht mehr weiterleben. "Ich dachte, dann wäre ich bei ihm und wir könnten wieder spielen", schildert er seine damalige Sehnsucht. Geholfen hat ihm schließlich eine Psychologin, bei der er in Betreuung war.

In Trauergruppen für Geschwister finden Kinder Trost

Oft haben Eltern nach dem Tod eines Kindes gar nicht die Kraft, sich intensiv dem Geschwisterkind zu widmen, weil sie mit ihrer eigenen Trauer genug zu tun haben. Dann ist es ratsam, wenn es eine Trauergruppe für Geschwister besuchen kann, die es an vielen Orten gibt.

Eltern erkennen oft nicht, ob und wie gut ihr Kind den Tod von Bruder oder Schwester verkraftet hat. Oft zeigen sich die Knackpunkte erst Jahre später. "Als Faustregel ist es gut, wenn man auf all die Sachen achtet, die vor dem Tod noch nicht da waren", erklärt Lauchart. Starke Änderungen im Verhalten könnten erste Warnzeichen dafür sein, dass das Kind professionelle psychologische Hilfe braucht. Das selbe gelte, wenn sich das Kind plötzlich zurückzieht, aggressiv wird und Spaß an seinen Hobbys und Freunden verliert. Hier sollten Eltern aufhorchen.

Gemeinsame Rituale helfen der trauenden Familie

Auch wenn die Präsenz des toten Kindes nicht zu groß werden darf: Es sollte einen festen Platz in der Familie inne haben und ihn auch behalten. Oft hilft es, symbolisch etwas für das verstorbene Kind zu tun, etwa ein Bild zu malen, einen Brief zu schreiben oder gemeinsam für den Verstorbenen zu singen. "Rituale haben einen tröstenden Charakter", bestätigt Trauerbegleiter Multhaup. Der Gang zum Grab sowie die gemeinsamen Erinnerungen sind für den Trauerprozess deshalb sehr wichtig. So wird es auch in Philipps Familie gehandhabt. Jedes Jahr am Geburtstag fahren alle zusammen an Felix Lieblingsort. Zum Grab geht Philipp hingegen selten: "Ich will ihn lieber lebendig in Erinnerung behalten." Die Standard-Trauerarbeit, die jedem hilft, gibt es nicht.

Ehrlichkeit nach innen und außen

Kinder müssen nach dem Verlust nicht nur das emotionale Chaos innerhalb der Familie bewältigen, sondern werden schon bald mit den Reaktionen der Außenwelt konfrontiert. Spätestens in der Schule oder im Kindergarten ist es soweit: "Sinnvoll ist es, wenn die Eltern vorab mit Erziehern oder Lehrern über das Geschehen reden. Gleichzeitig können sie auch um ein Feedback bitten, wenn ihnen etwas am Kind auffallen sollte", rät Multhaup. Was das Kind aber erzählen möchte und mit welchen Worten, überlassen Eltern am besten ihm selbst. "Wenn man festlegt, was gesagt werden darf und was nicht, bekommt das etwas Verkrampftes", erklärt Helga Lauchart. Auf keinen Fall dürfe das Kind zum Lügen gedrängt werden, meint auch Multhaup.

Wichtig sei es, im Umgang mit dem Tod ehrlich zu bleiben. Gerade wenn das Kind beim Tod des anderen noch sehr klein war, müssen Eltern die Dinge später so benennen, wie sie sind. "Es hilft nichts, wenn sie Erklärungen abgeben wie 'Dein Bruder schläft für immer' oder 'Gott hat ihn zu sich geholt'", sagt Multhaup. Kinder wollten verstehen, was passiert ist, und solche Erklärungen allein, helfen ihnen dabei nicht.

"Ich habe noch einen Bruder"

Überhaupt kann über den Verlust als solchen eigentlich nichts hinwegtrösten. Mit der Zeit lässt der akute Schmerz, die alles zerfressende Trauer zwar nach, doch es bleibt für immer eine Lücke. "Ich ärgere mich heute noch drüber, dass ich mich damals nur flüchtig von Felix verabschiedet habe", sagt Philipp. Ein Gefühl, das er mit vielen Angehörigen teilt, die unerwartet, etwa durch einen Unfall, ein Familienmitglied verloren haben. Als Einzelkind sieht Philipp sich aber bis heute nicht: "Wenn Leute mich fragen, sage ich 'Ich habe noch einen Bruder'."

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