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Erziehung: Du musst, du kannst, du darfst: Welche Erziehungsstile gibt es?

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Du musst, du kannst, du darfst  

Gibt es den idealen Erziehungsstil?

02.05.2013, 17:34 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Erziehung: Du musst, du kannst, du darfst: Welche Erziehungsstile gibt es?. Erziehung: Autoritär, Laissez-faire oder demokratisch? Die Palette der Erziehungsstile ist breit gefächert.  (Quelle: imago)

Autoritär, Laissez-faire oder demokratisch? Die Palette der Erziehungsstile ist breit gefächert. (Quelle: imago)

Was sage ich meinem zweijährigen Sohn, wenn er nicht einschlafen will? Wie reagiere ich, wenn meine fünfjährige Tochter sich weigert, Gemüse zu essen? Und was mache ich, wenn mein dreizehnjähriger Spross unbedingt ein Piercing braucht? Eltern stehen oft ratlos vor solchen erzieherischen Herausforderungen und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Denn im Gegensatz zu früher gibt es heute keinen allgemeinen Konsens mehr darüber, was denn eigentlich "richtige Erziehung" ist. Die Palette der Erziehungsstile ist vielfältig, doch vor allem die autoritäre, antiautoritäre und demokratische Methode mit ihren jeweils variierenden Spielarten und Mischformen haben in den letzten hundert Jahren unsere Kultur geprägt.

Erziehung im Wandel

"Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität", so soll sich bereits Sokrates vor über 2000 Jahren über unerzogene Kinder beschwert haben. Damals wie heute scheint dieser Satz aktuell. Doch die Erziehungsmethoden haben sich geändert. Bis vor rund hundert Jahren machte sich kaum jemand Gedanken über Kindererziehung, geschweige denn über die Möglichkeiten, andere Erziehungsansätze zu finden. Kinder hatten sich vor allem an die familiäre Hierarchie anzupassen, deren Oberhaupt der Vater war. Gehorsam, Pflichterfüllung und Disziplin wurde schon von den Kleinsten erwartet und die Ausübung körperlicher Züchtigung gegen Kinder war gesellschaftlich anerkannt und verbreitet.

Zaghafte Veränderungen

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gab es unter der Sammelbezeichnung Reformpädagogik eine weltweite Bewegung, die neue Konzepte vertrat und sich vor allem gegen die autoritären Paukschulen wendete. Die bekanntesten Vertreter waren Maria Montessori , die mehr Selbstständigkeit nach dem Motto "Hilf mir, es selbst zu tun" propagierte, der Gründer der anthroposophischen Waldorfschule Rudolf Steiner und Alexander Sutherland Neill, der 1921 in England "Summerhill", die erste demokratische Schule gründete und in den 60er Jahren als Pionier und Fürsprecher der antiautoritären Erziehung vereinnahmt wurde.

Zwar brachte die Reformpädagogik viel frischen Wind in den vermufften Erziehungsapparat. Der Wind erreichte jedoch zunächst nur einige aufgeschlossene und elitäre Köpfe. Es änderte sich nur wenig an der starren Erziehungswirklichkeit. Im Nachkriegsdeutschland herrschte bis in die 60er Jahre noch weitgehend gesellschaftliche Übereinstimmung über Erziehungsziele, die vorwiegend auf Autorität und preußische Tugenden setzten. Mit der Studentenbewegung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen, verbreiteten sich schließlich auch die Ideen der antiautoritären Erziehung. Ein neues pädagogisches Zeitalter begann, das Werte wie Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung hervorhob und viele neue Erziehungsmodelle hervorbrachte.

Flut pädagogischer Ratgeber

Heute lastet auf Eltern, Erziehern und Lehrern ein starker Druck. Noch nie hat man so viel und öffentlich über Erziehung nachgedacht und diskutiert wie zurzeit. Und noch nie war die Sehnsucht nach Orientierung und Werten so groß. Wie sonst ist es zu erklären, dass der Markt mit Erziehungsratgebern boomt und im Fernsehen pädagogische Reality-Dokumentationen über Nannys, Tauschmütter oder strenge Leih-Eltern Konjunktur haben.

Überzeugt von der eigenen Erziehung

Fragt man die Eltern, so ist ihnen zwar bewusst, dass Kindererziehung heute schwieriger geworden ist, sie zeigen aber gleichzeitig nur wenig Verunsicherung. Das belegte die Studie "Generationsbarometer" des Allensbacher Instituts für Demoskopie, die 2009 vom "Forum Familie Stark Machen" in Auftrag gegeben wurde. Danach wollten 90 Prozent der Väter und Mütter ihre Kinder zu starken, selbstbewussten und freiheitsliebenden Persönlichkeiten erziehen. Achtzig Prozent der Befragten waren überzeugt, dass sie diesen Job eigentlich gut machen und ihre Ziele vor allem durch Verständnis, Zuspruch und Liebe erreichen.

Veraltetes Modell

Autoritäre Erziehung lehnen die meisten Befragten deshalb heute ab. Doch bis in die 60er Jahre war dieser Stil tonangebend. Tugenden wie Gehorsam, Disziplin Fleiß und Pünktlichkeit gehören zu den pädagogischen Zielen. Eltern und Erzieher beanspruchen uneingeschränkte Autorität. Es herrscht das Prinzip "Du machst, was ich will!"

Dabei erhalten Kinder vorwiegend Anweisungen und Befehle, während gleichzeitig auf ihre Bedürfnisse und Wünsche nur wenig Rücksicht genommen wird. Nur die Erwachsenen verhalten sich aktiv, stark lenkend und kontrollierend. Unerwünschte Verhaltensweisen werden konsequent bestraft - auch durch körperliche Züchtigung. Autoritäre Eltern stellen eine hohe Anforderung an ihr Kind, geben ihnen aber wenig emotionale Unterstützung.

Geringes Selbstwertgefühl und aggressives Verhalten

Auswirkungen des autoritären Stils auf das Kind könnte eine Einschränkung der Kreativität und Spontaneität sein, da die Eltern einen Großteil der Aktivitäten vorgeben und auf wenige Anreize der Kinder eingehen. Zusätzlich werden durch diese Methode die Selbstständigkeit und die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls gehemmt und andererseits aggressives Verhalten gefördert.

Das Kind wird mehr geachtet

Eine abgemilderte und positive Variante der autoritären Methode ist der sogenannte autoritative Stil. Hier wird ebenfalls starke Lenkung und Kontrolle ausgeübt und klare Regeln zugrunde gelegt, allerdings bei höherer Akzeptanz des Kindes. Das heißt: Eine offene Kommunikation ist möglich, bei der auch die Meinung des Kindes eine Rolle spielt, wenn auch das letzte Wort bei der erziehenden Person liegt. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass sich diese Pädagogik im Gegensatz zu seiner strengen Form förderlicher auf die kindliche Entwicklung auswirken: Die Kinder genießen ein relativ hohes Maß an Sicherheit, besitzen soziale und intellektuelle Kompetenz und ein hohes Maß an Eigenkontrolle.

Ohne Regeln, ohne Grenzen

Der radikale Gegenentwurf ist die antiautoritäre Erziehung. Hier gilt uneingeschränkt das Prinzip "Mach, was du willst". Während der Studentenbewegung der späten 60er Jahre zum Ideal erhoben, ist hier jegliche Ausübung von Macht verpönt. Das Kind genießt absolute Freiheit, weitgehend ohne Lenkung und Kontrolle. Oberste Priorität hat die zwangsfreie Selbstentfaltung, bei der das Kind selbst über sein Handeln entscheiden soll und sich so zu einer selbstbewussten und kreativen Persönlichkeit entwickeln kann. Heute genießt diese "Nicht-Erziehung" einen eher schlechten Ruf, denn die meisten Pädagogen wissen mittlerweile, dass eine gesunde kindliche Entwicklung sehr wohl gewisse Regeln, Wertgefüge und Grenzen braucht.

Mangel an Zuspruch und Passivität schadet

"Laissez-Faire" nennt sich eine Variante der antiautoritären Erziehung. Bei diesem Erziehungsstil verhalten sich die Eltern dem Kind gegenüber eher passiv, kontrollieren es kaum. Es werden nur minimale Vorgaben gemacht, so dass der Nachwuchs im Wesentlichen sich selbst überlassen wird. Diese Eltern haben kaum Ansprüche an das Kind und bei Auseinandersetzungen beachten sie nur selten dessen Auffassungen. "Laissez-Faire"-orientierte Eltern versuchen bei der Erziehung nur das zu tun, was nötig ist - im Extremfall kann dies zur Ablehnung und Vernachlässigung des Kindes führen.

Zahlreiche Studien belegen, dass Kinder, die so unkontrolliert und "reibungslos" groß gezogen werden, später nur ein geringes Selbstwertgefühl entwickeln und erhebliche Probleme bekommen beim Aufbauen und Halten von Beziehungen zu Gleichaltrigen, da sie in der Kindheit keine positive emotionale Bindung kennen gelernt haben. Auch in der Schule haben sie meist Schwierigkeiten, sich einzugliedern und anzupassen, denn ihnen wurden zu Hause weder Wertgefüge noch Grenzen vermittelt.

Überbehüten und verhätscheln

Zu kleinen Tyrannen erzieht man seine Kinder, wenn man dem verwöhnend verzärtelnden Erziehungsstil folgt. Dabei ist im Gegensatz zum "Laissez-Faire"-Stil eine überbeschützende Fürsorge charakteristisch, bei denen die Eltern jede Selbständigkeit unterdrücken und für ihren Sprössling handeln. Die Folge: Viele Kinder und Jugendlichen werden so zu ungeduldigen und fordernden Egoisten und haben eine Neigung nörgelig und unzufrieden zu sein, gepaart mit geringem Selbstvertrauen und unterentwickelter Leistungsbereitschaft.

Der pädagogische "Hut mit Ohren"?

Die demokratische und liberale Erziehungsmethode kommt wohl den Vorstellungen am nächsten, die viele Eltern heute von einer "richtigen Erziehung" haben. Hierbei steht die Kommunikation mit dem Nachwuchs im Vordergrund. Wichtige Entscheidungen werden mit den Kindern besprochen, aber dennoch die Rolle der Eltern als Lenker und Verantwortungsträger nicht aufgegeben. So lernen die Kinder ein ausgewogenes Verhältnis von Freiheit und Autorität kennen und sie begreifen, dass sie zwar mitbestimmen, aber ihre Bedürfnisse und Wünsche in einer Gemeinschaft nicht immer berücksichtigt werden können.

Auch im emotionalen Bereich bekommt das Kind durch Wärme, Akzeptanz und Einfühlungsvermögen der Eltern einen "sicheren Hafen" und kann deshalb auch gegenüber Anderen Vertrauen aufbauen. Das hat zur Folge, dass die demokratisch-liberale Erziehung eine gute Grundlage für große emotionale Stabilität, gesundes Selbstbewusstsein und hohe Leistungs- und Lernbereitschaft schafft. Auch können Kinder durch diesen Erziehungsstil große soziale Kompetenzen erlernen. Gefördert werden zum Beispiel Teamfähigkeit, Selbstkritik und die Wertschätzung und Toleranz gegenüber Mitmenschen. Ein bekannter Vertreter dieser Richtung ist der dänische Familientherapeut Jesper Juul. Seine pädagogische Gleichung lautet: Dialog und Austausch statt Belehrung und Strafe, Einbeziehung statt Machtausübung und Interesse statt Kontrolle.

Keine zuverlässige Gebrauchsanweisung

Trotz aller Konzepte, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben, die allein selig machende richtige Erziehung, die wie eine zuverlässige Gebrauchsanweisung funktioniert, gibt es nicht. Doch die meisten Fachleute sind sich über drei wichtige Prinzipien einig, die im Alltag wie Rettungsanker funktionieren und für Eltern ein grobes pädagogisches Fundament darstellen könnten:

1)      Kinder brauchen Eltern, die ihnen Zuneigung entgegen bringen und sich jeden Tag mehrmals konzentriert für sie Zeit nehmen.

2)      Kinder brauchen Eltern, die versuchen, sich ins kindliche Weltbild hinein zu versetzen, Verständnis zeigen und ihnen nicht ihre eigenen Bewertungen überzustülpen.

3)      Kinder brauchen feste Regeln und Grenzen, um sich orientieren zu können und festzuhalten.

Erziehung ist in jeder Entwicklungsphase anders

Dass pädagogische Modelle heute nicht mehr starr, sondern dynamisch sein sollten und sich je nach Entwicklungsphase des Kindes verändern müssen, befürwortet der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck in seinem Buch "Kunst der Erziehung": "Kinder gehören uns nicht, wir dürfen sie nur ein Stück ihres Weges begleiten. Wir erziehen sie, wenn sie noch klein sind, dann geht die Erziehung immer mehr in Beratung über, weil Überzeugung besser ist als Dressur und Zwang." An die Stelle der Erziehung trete schließlich idealerweise eine gefestigte Beziehung, die durch gegenseitiges Vertrauen geprägt ist, so Peter Struck.

Erziehung positiv begreifen

Ähnlich argumentiert auch die Psychotherapeutin und Erziehungsberaterin Ursula Neumann in ihrem Bestseller "Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel". Sie will außerdem unsichere Eltern motivieren, die individuellen Bedürfnisse ihrer Kinder zu erkennen und Erziehung nicht als täglichen Kampf, sondern als lenkende Maßnahme zu begreifen, bei der Konflikte zum natürlichen Loslösungsprozess gehören müssen: "Kinder wollen so angenommen werden, wie sie sind. Sie wollen beim Essen kleckern dürfen, sie wollen nicht nur spielen, sondern auch mithelfen dürfen, sie wollen Angst und Wut nicht verstecken müssen. Sie wollen die Welt erkunden dürfen ohne für jeden Einfall gleich den Stempel 'richtig' oder 'falsch' zu erhalten."

Der dänische Pädagoge Jesper Juul versucht in seinem Buch "Was Familien trägt“ Eltern den Druck zu nehmen, immer perfekte Erzieher zu sein. Fehler zu machen und authentisch zu bleiben, so der Autor, gehöre einfach dazu: "Nur wenn Eltern sich als Menschen mit guten und schlechten Seiten zeigen, zugeben, dass sie mal müde sind oder keine Lust haben, lernen Kinder. Und genau dazu ist Erziehung schließlich da. Um das Kind für das spätere Leben in der Gemeinschaft fit zu machen."

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