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Kindergeburtstag muss immer spektakulärer werden

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Topfschlagen war leider gestern  

Heute kosten Kindergeburtstage mehrere hundert Euro

23.04.2014, 13:27 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de, dpa

Kindergeburtstag muss immer spektakulärer werden. Großevent statt Kinderfest: Ein Geburtstagskuchen allein reicht heute nur noch selten.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Großevent statt Kinderfest: Ein Geburtstagskuchen allein reicht heute nur noch selten. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Für jedes Kind gehört der eigene Geburtstag zu den Höhepunkten des Jahres und wird voller Hochspannung erwartet. Früher bedeutete der Kindergeburtstag meist, einen schönen Nachmittag zu Hause zu verbringen mit Spielen, Kuchen, ein paar Geschenken und Freunden. Heute sind Kindergeburtstage nur noch selten beschauliche Kinderfeste - oft mutieren sie zu logistisch durchgeplanten Events, für die ambitionierte Eltern bereit sind, mehrere hundert Euro auszugeben und von denen mittlerweile eine ganze Dienstleistungsbranche profitiert. Eine Entwicklung, die von Pädagogen kritisch gesehen wird.

Die Zeiten haben sich geändert. Die Kinder von heute sind nicht mehr mit Topfschlagen, Schokokuss-Wettessen, Kartoffelsalat mit Würstchen und Marmorkuchen zufriedenzustellen. Heute werden Partys mit Motto gefeiert, üppige Mitgebe-Tüten für die eingeladenen Freunde gefüllt und auf Indoor-Spielplätzen gespielt.

Durchorganisierte Rundum-Glücklich-Pakete

"Spektakulär und perfekt" heißt die Devise und die Hauptkriterien bunt, stylisch und spannend müssen erfüllt sein. Langeweile und Leerlauf haben hier keine Chance. Bei der Umsetzung solcher Partys sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt - doch ist es zumeist nicht die Fantasie der Eltern. Wer wirklich ein gelungenes Fest für seinen geliebten Sprössling auf die Beine stellen will, delegiert das "Projekt Kindergeburtstag" in fremde Hände. Wie bei "Weddingplanern" existiert deshalb mittlerweile auch eine ganze Armada von Dienstleistern, die sich auf die Organisation von Kinderfesten spezialisiert haben.

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Einer dieser Dienstleister ist die Münchener Agentur "Tollkids - die Kindergeburtstagsmacher", die professionell einen perfekten Tag arrangieren, bei dem alles aus einer Hand geliefert wird. Angesprochen werden hier vor allem Eltern, die beruflich stark eingebunden sind, wenig Freizeit haben oder sich eine Geburtstagsplanung erst gar nicht zutrauen. Denn die Feier-Profis werben auf ihrer Internetseite damit, dass die Ansprüche der Kids immer mehr stiegen und ein besonderes, trendiges Event am Geburtstag am besten gelinge, wenn es von Spezialisten "mit viel Liebe zum Detail" auf die Beine gestellt werde.

Beim Anbieter "kindergeburtstagsplanerin.de" wird versucht den Eltern den Druck und die Nervosität bei der Vorbereitung auf den großen Tag zu nehmen: "Ihre Nerven flattern schon jetzt, wenn Sie an den zappelnden Haufen Kinder denken, der von Ihnen mehrere Stunden beschäftigt werden will? Die letzten Kindergeburtstage waren einfach nur anstrengend? Dann sind Sie hier genau richtig!"

Drei Stunden Geburtstag für 700 Euro

Das Angebot solcher Agenturen ist vielfältig, wobei das Engagement eines Clowns oder eines Zauberers noch zu den bescheidenen Standardvarianten gehört. Besonders ambitionierte Eltern haben auch die Möglichkeit etwa ein maßgeschneidertes Fest mit individuellen Wünschen in Auftrag zu geben, eine Motto-Party à la "Fluch der Karibik", "Prinzessin Lillifee", und "Wilde Kerle" zu ordern oder einen Ausflug in den Hochseilgarten beziehungsweise auf dem Bauernhof für den Sprössling samt Freunden zu buchen.

Sicher ist bei all diesen Veranstaltungen, die meist für Kinder zwischen vier und zwölf Jahren gedacht sind, dass alles "frei Haus" geliefert wird, samt Buffet, Kuchen, entsprechenden Räumlichkeiten und falls nötig Betreuern und Animateuren. Die Eltern haben lediglich die Aufgabe zu zahlen: Und das ist oft nicht wenig. Drei Stunden Geburtstagsspaß können schon mal mit 400 bis 700 Euro zu Buche schlagen. Ein kostspieliges Vergnügen, dass sich nicht jeder leisten kann. Doch diejenigen Väter und Mütter, die so tief in die Tasche greifen, tun es gerne. Denn sie wollen durch den Kauf der Dienstleistung sicherstellen, dass ihr kleiner Liebling samt seiner Gäste einen unvergesslichen Nachmittag erlebt.

Nur das Beste für mein Kind

Gemeinsam haben all diese Angebote, dass die Events perfekt "choreographiert" sind und die Kinder nonstop animiert und bespielt werden. Der Nachteil an solchen Veranstaltungen ist, dass die kindliche Eigeninitiative und Kreativität nicht selten auf der Strecke bleiben, denn alles ist detailliert "nach Drehbuch" durchgeplant, so dass die Kinder zum reinen Konsumenten werden.

Für zahlreiche Psychologen und Pädagogen spiegelt diese Art Kinderfeste zu veranstalten auch das besondere Verhältnis wider, das viele Eltern heutzutage zu ihren Kindern pflegen. Nie wurde Kindern so viel Aufmerksamkeit wie heute geschenkt. Vor allem Kindern aus sozial gut gestellten Familien soll es an nichts fehlen. Nichts soll dem Zufall überlassen werden - gemäß der Devise: "Nur das Beste für mein Kind!"

Der Schweizer Kinderarzt und Fachbuchautor Remo H. Largo bedauert jedoch, dass durch das liebevolle durchgeplante Behüten die Kinder in einem Kokon aufwachsen. Dies schreibt er der Tatsache zu, dass Kinder nicht mehr "schicksalshaft geboren werden". Das hätte zur Folge, dass die Eltern bei ihrem Streben nach Perfektion immer häufiger auf professionelle Hilfe vertrauten - sei es ein Sportverein, eine Musikschule, Nachhilfecoaching oder eben eine Agentur für Kindergeburtstage. Largo stellt den liebenden Eltern trotz bester Absichten deshalb ein weniger gutes Zeugnis aus: "Eltern tragen heute kaum zur Entwicklung ihrer Kinder bei, außer dass sie sie herum karren."

Kindergeburtstag setzt Eltern unter Druck

Die Tendenz zum "Outsourcen" kindlicher Aktivitäten ist mittlerweile Alltag in vielen Familien. Eigentlich stellt dies einen Widerspruch dar: Einerseits wollen die Eltern nicht die Zügel aus der Hand geben und andererseits beauftragen sie Fremde, ihre Kinder bestmöglich zu fördern und zu "bespaßen".

Die Sozialpsychologin Christine Henry-Huthmacher beschreibt dieses Phänomen in der Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung "Eltern unter Druck". Viele Erziehungsberechtigte seien unter der Norm "glückliche Eltern" zu sein von Selbstzweifeln geplagt. In ihrem Bemühen nur das Beste für das Kind zu wollen, suchten sie nach Optimierungsmöglichkeiten, um ihren Kindern in einer zunehmend wettbewerbsorientierten Gesellschaft optimale Ausgangspositionen zu verschaffen: "Eltern unternehmen sehr viel, damit ihre Kinder glücklich werden und scheuen dafür keine Mühen. Dem eigenen Kind Freude zu bereiten und ihm so viel Chancen wie möglich zu bieten, ist ihre Motivation."

Obwohl Eltern immer das Glück ihrer Kinder im Auge haben, können professionell geplante Geburtstagspartys auch zu Prestigeobjekten werden. Hat man einmal seinem Nachwuchs ein solches Event geboten, muss man automatisch für das nächste Jahr eine originelle Steigerung bereithalten. Damit wird eine Spirale in Gang gesetzt, der sich auch andere Eltern häufig nicht entziehen können. Denn haben befreundete Gastkinder ein solches Animationsfest erlebt, wollen sie bei ihrem eigenen Geburtstag nicht zurück stehen und ebenfalls von Mama und Papa eine entsprechende Feier spendiert bekommen. Doch viele Eltern können sich so ein Spektakel gar nicht leisten. Wie viele Eltern dann zuliebe ihrer Kinder mitziehen und der Erwartungshaltung - auch anderer Eltern - nachgeben, ist schwer zu sagen. Fest steht: Der Kreis der Interessenten wird größer und die Nachfrage nach fremdorganisierten Events für Kids steigt.

Weniger ist mehr - vor allem bei Baby-Geburtstagen

Doch es gibt auch Eltern, die sich dem Trend widersetzen und sich sagen: "Weniger ist mehr!" Mutter Sarah schreibt trotzig in einem Elternforum: "Ich habe eine starke Verweigerungshaltung zu diesen 'immer mehr und immer doller als deiner'-Geburtstagen und werde meiner Tochter einen solchen übersteigerten Blödsinn nicht servieren. Für sie ist das auch vollkommen in Ordnung und sie freut sich auf diesen Tag."

Speziell für den ersten Geburtstag des Kindes, der für Eltern etwas Besonderes ist, der das Kind selbst aber wenig beeindruckt, gilt: Eine lange Gästeliste, stapelweise Geschenke und ein aufwendiges Essen können sich Eltern sparen. Eine Feier im kleinen Kreis, in vertrauter Umgebung, mit entspannten Eltern und viel Aufmerksamkeit für das Kind - das sei die richtige Mischung, sagt Gabriele Guth, Diplom-Psychologin in Wesel. Die Stimme von Mama oder Papa, die ein vertrautes Lied singen, ihre freundlichen Gesichter, der Arm, in den sich das Kind hineinkuscheln kann: "So etwas erlebt ein Baby ganz intensiv", sagt Guth.

Dem stimmt auch Professor Fabienne Becker-Stoll vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München zu. Er rät Eltern: "Gestalten Sie die Feier so überschaubar und vertraut wie möglich, und überfluten Sie das Kind nicht mit Reizen." Das beginne schon bei den Geschenken. "Eines reicht völlig aus: ein Ball, eine Puppe, eine Kugelbahn oder auch ein Rutschauto - damit kann sich ein Einjähriges sehr intensiv und immer wieder beschäftigen."

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