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Hip-Hop und Rap: Poesie ist Kult bei Kids

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Fette Beats und coole Reime: Hip-Hop-Poesie ist Kult bei Kids

26.01.2012, 14:33 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Hip-Hop und Rap: Poesie ist Kult bei Kids. Rap und Hip-Hop: es gibt Poeten-Nachwuchs im Land der Dichter und Denker.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Rap und Hip-Hop: es gibt Poeten-Nachwuchs im Land der Dichter und Denker. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

In Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, wächst wieder starker poetischer Nachwuchs heran. Denn gereimte Sprache und die Lust am Wort feiert bei Jugendlichen zurzeit eine Renaissance - sei es im oft derben Sprechgesang der Rapper aus der Hip-Hop Szene oder in lyrischen Kunstwerken bei so genannten "Poetry-Slams". Gemeinsam ist allen Jung-Poeten: Ihre ambitionierten Texte sind selbstgemacht, direkt und nah am Leben.

Eigene Kompositionen im Web testen

"Du willst Freiheit spüren/ Willst die Kraft in dir fühlen/ Lässt dich von der Angst verführen/ Bloß nicht den ersten Schritt zu gehen…“ Dies ist nur ein kleiner Teil aus dem Rap-Text, den der dreizehnjährige Bibo ins Internet gestellt hat. Wie er machen es unzählige Teenager auf unzähligen Webseiten, tauschen sich so mit ihren Eigen-Kompositionen aus und stellen sich dabei gleichzeitig der Kritik. Oft wird auch schon der Straßenbahnwaggon zur Bühne, wenn die Kids nach Schulschluss einfach mal drauflosrappen.

Die Begeisterung für Selfmade-Rap zeigt sich auch bei etlichen Projekten in Jugendzentren oder Gemeinden, die sich bundesweit vor allem in Ballungszentren großer Beliebtheit erfreuen: Auch hier können Hip-Hop-Kids ihr "Dichter-Talent" unter Beweis stellen und rappen, was das Zeug hält.

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"Ich rappe einfach, was mir in den Kopf kommt"

Dies geschieht beispielsweise jeden Dienstagnachmittag im Jugendtreffpunkt "Bunker“ in Berlin-Lankwitz. Hier gibt es sogar ein kleines Tonstudio, ein paar alte Rechner und Mikrofone. Mit dabei sind auch zwei Betreuer, die mit den Kids technisch an den Stücken feilen und außerdem darauf achten, dass die Texte "ethisch vertretbar“ sind und nicht in die aggressive und diskriminierende Sprache des "Gangsta-Raps“ a la Bushido oder Sido abdriften.

Einer der Jugendlichen, die immer in den "Bunker“ kommen, ist Anil: "Hip-Hop ist mein Leben“, erzählt er in einem Beitrag vom Rundfunk Berlin-Brandenburg. Beim Texten geht Anil sehr spontan vor: "Ich rappe einfach, was mir in den Kopf kommt. Wenn dabei zufällig ein guter Part rausrutscht, dann schreibe ich ihn sofort auf.“ Und Hip-Hopper Cem betont, dass seine eigenen Kreationen mehr als nur ein musikalisches Hobby sind: "Ich versuche mein Leben, meine Gefühle in den Track zu packen, Sachen die mein Herz geprägt haben.“ Auch Mitchell gehört zum harten Kern der meist männlichen Jung-Rapper vom "Bunker“. Er hofft mit seinen Versen, mit denen er schon als Achtjähriger begonnen hat, vielleicht eines Tages so wie seine großen Vorbilder zum Star zu werden. Rap ist ein gutes Ventil für Frust und Wut.

Ernsthaft und begeistert

Diplompsychologe Stefan vom Scheidt, der im Lankwitzer "Bunker“ arbeitet, ist vor allem von der Ernsthaftigkeit und Begeisterungsfähigkeit der Nachwuchs-Rapper angetan: "Ich finde es faszinierend, dass die Leute, die zum Teil schon lange nicht mehr in die Schule gehen, hier einen Stift in die Hand nehmen und Texte schreiben“, sagt er in dem Beitrag. Die Verse, die dabei herauskommen, sind für die Teenager aber mehr als gedichtete Worte. Sie nehmen den rhythmischen Sprechgesang bewusst als Ventil wahr und versuchen so Wut und Frust abzubauen.

Dass diese jungen Rapper mit ihrer Leidenschaft Teil der größten und kreativsten Jugendkultur der Welt sind und den Nerv der Zeit treffen, weiß Journalist Klaus Farin, der seit Jahren das "Archiv der Jugendkulturen" in Berlin leitet und dort alles sammelt und auswertet, was mit Jugendszenen und  Trends zu tun hat: "In jeder Stadt in Deutschland gibt es aktive Rapper. Keine Jugendkultur zuvor hat so viele Jugendliche, die angeblich doch immer sprachloser werden, motiviert, sich mit der Sprache auseinander zu setzen, ihre Realität, ihre Ängste, Wünsche und Träume derart intensiv zu reflektieren. Rap ist derzeit das wichtigste authentische kulturelle Sprachrohr der Jugend."

Technik, Flow und Freestyle

Um vollendet zu rappen, reicht allerdings Herzblut und Begeisterung nicht aus. Wer den Sprechgesang beherrschen will, muss eine bestimmte Technik lernen und viel üben. Denn es gilt das Versmaß und die Betonung der Texte mit der Musik und dem Tempo der "Beats" in Einklang zu bringen. Charakteristisch ist auch eine hohe Sprechgeschwindigkeit kombiniert mit einem kontinuierlichen Fluss der Stimme, dem sogenannten "Flow“. Eine besondere Herausforderung ist die Königsdisziplin "Freestylen". Hier versucht der Rapper, der im Fachjargon auch „MC“ (Master of Ceremony) genannt wird, vor Publikum seine Reime zu improvisieren. Häufig geht er dabei inhaltlich auf die konkrete Situation oder das Publikum ein und versucht zusätzlich bissigen Humor im Text unterzubringen. Auch das "Batteln" gehört zu den typischen Hip-Hop-Ritualen. Dann treten die Kids bei sogenannten "Jams“ auf und messen ihre Fähigkeiten untereinander - wie bei einem sportlichen Wettkampf. Das bringt den besonderen Reiz. Dabei ist es auch erlaubt zu "Dissen“ und seinen "Disrespect“ etwa gegenüber einem Rap-Konkurrenten in den Versen zu besingen.

"Es gibt keine wirkliche Anleitung für Rap"

Zwar existieren für gelehrige Rap-Schüler zahlreiche Reim-Anleitungen samt Reimmaschinen zur passenden Wortfindung, doch eingefleischte Hip-Hopper lehnen solche formalen Hilfsmittel strikt als unehrenhaft und unecht ab. Rapper Will macht dieses Credo in einem Chat deutlich: "Es gibt keine wirkliche Anleitung für Rap. Klar könnte man jetzt alles über Doppelreime, Reimschemen, Taktgefühl und so weiter erzählen, aber im Grunde muss das alles vom Gefühl her kommen. Das Beste ist immer noch, sich so viel wie möglich guten Rap anzuhören, dann kommt dieses Gefühl wahrscheinlich irgendwann von alleine."

Wortakrobaten bei Poetry Slams

Dass es angesagte Reimkultur nicht nur bei den Hip-Hoppern gibt, zeigen auch die sogenannten Poetry Slams, die Dichter-Schlachten, die Ende der 90er Jahre aus den USA auf unsere Bühnen kamen. Hier stehen junge Hobby-Poeten - häufig sind es noch Schüler - ohne musikalische Unterstützung auf der Bühne  und tragen ihre Werke, die entweder Gedichte oder Kurzprosa sind, im Wettstreit vor Publikum vor. Dabei steht die Sprachschöpfung im Mittelpunkt. Verboten sind deshalb Rezitationen fremder Autoren sowie Kostüme und Requisiten jeglicher Art. Nur der eigene Text und die Stimme, die in allen Nuancen von Flüstern bis zum Schreien eingesetzt werden kann, zählen bei der etwa fünf Minuten langen Performance. Das heißt allerdings nicht, dass die Poesie immer literarisch ernst und schwer daherkommen muss. In der Regel sind diejenigen "Slammer" am erfolgreichsten, die ähnlich wie Commedians auf Humor und lustige Wort-Jonglage setzen.

Champion Julian Heun "slammte" schon als Schüler

Der Kult um diese "Dichter-Wettkämpfe“ ist mittlerweile so groß, dass es regelrechte Star-Poeten gibt. Die besten und originellsten haben bei Youtube nicht selten mehr als eine Viertelmillion Klicks. Das ist beachtlich für literarische Beiträge. Einer der erfolgreichsten Wortakrobaten ist der Berliner Julian Heun. Der heute Zweiundzwanzigjährige, dem der Spiegel den Titel "Poetry-König“ verlieh, ist mittlerweile schon ein alter Hase, denn er hat bereits als 15-jähriger Schüler mit Unterstützung von Workshops begonnen poetische Texte zu schreiben und leidenschaftlich zu "slammen“. Das hat ihm hierzulande bis heute mehrere Meistertitel eingebracht und 2009 den vierten Platz bei der Slam-Weltmeisterschaft in Paris.

Eine tiefere Bedeutung muss nicht sein

Julian Heun bezeichnet sich selbst auf seiner Webseite als "Versverfertiger“ und Entertainer und beschreibt gegenüber dem Jugend-Onlinemagazin "Blaue Narzisse", dass poetische Kreativität nicht immer eine tiefere Bedeutung haben muss: "Etwas sagen zu wollen, ist eine leicht naive und schwer wundervolle Sache. Fantastisch, wenn Zuhörer etwas mitnehmen, wenn ein Text länger im Denkraum steht, als sein Schall… Dabei muss auch nicht immer alles eindeutig sein… Wie schrecklich wäre es, wenn man immer alles auf der Welt verstünde."

Als einzige Gemeinsamkeiten zwischen Rappen und Slammen sieht Julian Heun allerdings nur die äußere "poetische“ Form und dass die Performances als Wettstreit vor Publikum ausgetragen werden. Deshalb kann er sich nicht vorstellen seine Verse mal im Stil des Hip-Hop zu präsentieren: "Ich höre auch Rap, aber ich schaue mir ja auch Bilder an, ohne dauernd malen zu müssen. Das ist letztendlich nicht meine Ausdrucksform und ich könnte es auch nicht so gut."

Schulen nutzen die Lust am Reimen

Gemeinsam ist beiden "Dichter-Disziplinen" aber auf jeden Fall, dass die selbstgemachte Poesie bei Jugendlichen hoch im Kurs steht. Diese wiederentdeckte Lust auf Sprache machen sich nun vermehrt auch Pädagogen zunutze. Seit einigen Jahren gibt es nämlich die Bestrebungen, vor allem das "Slammen“ als lebendige Vermittlungsform für Literatur möglichst vielen Schülern nahe zu bringen. Mithilfe von Fortbildungen für Lehrkräfte und Workshops an Schulen hat sich so mit der Zeit das Phänomen ausgebreitet, und viele ambitionierte Nachwuchspoeten treten jetzt auch in kleineren Städten bei regelmäßig stattfindenden Poetry Slams für Kinder zwischen acht und vierzehn Jahren (Poetry-Kids) oder für unter 20-Jährige (U20-Poetry Slam) an. Der siebzehnjährige Ralf, der auch Geschmack am Dichten gefunden hat, bringt die Vorteile der Wettbewerbe auf lesen-in-deutschland.de. - einer Platform zur Leseförderung - auf den Punkt: "Durch U20-Slams entdecken viele Jugendliche ihr Talent und werden motiviert für ihr Hobby zu kämpfen. Von Dichtern in unserem Alter weiß man ja sonst eigentlich gar nicht, dass sie existieren.“

Lebensgefühl der Kids spiegelt sich wieder

Was den speziellen Reiz dieser trendigen Dichtung gerade für Jugendliche ausmacht, weiß die ehemalige Gymnasiallehrerin und Medienforscherin Petra Anders, die 2007 in Berlin auch den U20-Poetry Slam organisierte: "Die jungen Slammer sprechen vor allem über Alltagssituationen, die jedem vertraut sind. Außerdem sind Slam-Texte oft durch Jugendsprache und Zitate aus den Medien  gekennzeichnet, so dass Jugendliche an ihre eigene Lebenswelt und ihre authentische Sprache anknüpfen können“, erklärt sie in lesen-in-deutschland.de. So signalisierten Slams durch ihre umgangssprachlichen Ausdrücke eine große Spontaneität und eine gewisse Lässigkeit, die das Lebensgefühl der Kids perfekt widerspiegelten. Pädagogische Studien fanden außerdem heraus, dass auch die kompakte und überschaubare Form, ähnlich wie bei Songtexten, den Kids sehr entgegen kommt und auch die kommunikative Grundhaltung, nämlich Poesie mündlich vorzutragen beziehungsweise zu hören, eine viel intensivere Wahrnehmung von Sprache erzielt,als sie nur zu lesen.

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