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Interview mit Professor Gunther Moll

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Interview mit Gunther Moll  

Wie können Eltern den Charakter ihres Kindes stärken?

05.03.2014, 11:20 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Interview mit Professor Gunther Moll. Gunther Moll (Quelle: Gunther Moll)

Gunther Moll (Quelle: Gunther Moll)

Gunther Moll engagiert sich auf allen Ebenen für die psychische Gesundheit von Kindern. Neben seiner Tätigkeit als Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg schreibt er Bücher und ist auch als Politiker aktiv. Schließlich, so sagt er, könne er als Kinderpsychiater die Dinge nicht verändern, als Politiker aber könne er Missstände angehen und verbessern. Im Gespräch mit der Elternredaktion von T-Online.de erklärt Moll, was wir mitbringen auf diese Welt und wo die Aufgabe der Eltern und des Umfelds liegt.

T-Online.de: Ist die Persönlichkeit eines Menschen angeboren oder anders gefragt: Was bringt er tatsächlich mit auf die Welt?

Moll: Vereinfacht ausgedrückt, zwei Teile. Der erste enthält unsere Vorgeschichte als Menschheit und ist im DNA-Code, dem Genom, festgeschrieben. Die beiden wichtigsten Eigenschaften sind ein Urantrieb, alles selbst machen zu wollen, sowie ein auf ein Miteinander angelegtes prosoziales Verhalten.

Der zweite Teil enthält die Lebenserfahrung und -weise der engeren Familie und ist durch "Schalter" auf diesem Code ("Epigenom") festgehalten. Diese sind in schwächerer Ausprägung durch die Großeltern und den Vater, und stark bestimmend durch die Lebensweise der Mutter während der Schwangerschaft gesetzt. Diese "Schalter" bestimmen, welche Abschnitte der DNA ein- beziehungsweise ausgeschaltet und somit aktiv oder stumm sind. Die "Prägung" dieses sogenannten epigenetischen Codes hängt nur von der Umgebung ab und wird nach der Geburt insbesondere durch unser Erleben, unsere Ernährung und unser Verhalten weiter fortgeschrieben.

Wie entscheidend die Lebensweise einer Schwangeren für ihr Kind ist, zeigen zwei kurze Beispiele. Über die Menge und Qualität der Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft wird das Hungrig- oder Sattsein - und damit das Risiko für Übergewicht, Fettsucht und Diabetes ihres Kindes - und über ihre ruhig-fröhliche oder hektisch-besorgte Lebensweise die Stärke der Stress- und Angstempfindlichkeit - und damit im negativen Falle das Risiko für Angststörungen und Depressionen - im Gehirn ihres Nachwuchses voreingestellt. Und dies mit lebenslanger Wirkung!

T-Online.de: Gibt es Umstände, die dazu führen können, dass sich eine Persönlichkeit im Laufe des Lebens gravierend verändert? Und wenn ja, was ist dazu notwendig?

Moll: Ja, im Guten wie im Bösen. Zu letzterem gehören Misshandlung und Missbrauch, die Kinder zerstören können. Sie führen unter anderem dazu, dass schreckliche Erinnerungen und Alpträume den Tag und die Nacht zur Qual werden lassen. Dies kann bei einem solchen Erlebnis in Sekundenschnelle eintreten, in dem oben genannte "Schalter" für immer gesetzt oder verändert werden. Dadurch ist ein Mensch nicht mehr derselbe wie zuvor.

Langsamer geht es bei fehlender Geborgen- und Sicherheit. Hier können Kinder nicht erlernen, ihre Ängste zu kontrollieren und stärker als sie zu werden. Ihnen wird dadurch der Mut und vielleicht sogar der Lebenswille genommen, und Angststörungen und Depressionen sind die Folge.

Neben körperlichen Erkrankungen, zum Beispiel einen Hirntumor, der die Persönlichkeit stark verändern kann, ist ein weiterer Umstand die Möglichkeit unseres Gehirns, süchtig zu werden. Dabei können Drogen oder Computerspiele die Macht übernehmen und das ganze weitere Leben beherrschen.

Es geht aber auch im Guten. Das schönste Beispiel ist das Sich-Verlieben. Hier kann, auch von jetzt auf sofort, das gesamte Gehirn umgestellt werden, so dass das Leben plötzlich federleicht und wunderschön ist. Weiter können wir, wieder etwas langsamer, aufgrund unseres prosozialen Urempfindens "angesteckt" werden und mit unserer ganzen Kraft gemeinsam für ein Ziel eintreten, wenn wir eine Ungerechtigkeit erkennen oder unseren Lebensraum gefährdet sehen.

T-Online.de: Könnte man auch selbst bestimmen, seinen Charakter ändern zu wollen und damit Erfolg haben?

Moll: Ja, denn wir bestimmen die Ausbildung unseres Charakters durch unsere Steuerzentrale und den dieser zugrunde liegenden frontokortikalen Nervenzellsystemen selbst entscheidend mit.

Diese bilden sich in unseren ersten zehn bis zwölf Lebensjahren aus und ermöglichen die eigenständige Steuerung und Kontrolle von Gefühlen, Denken und Verhalten. Das selber aktiv Sein wird darüber hinaus durch unsere Belohnungssysteme verstärkt. Diese strukturieren nicht nur die weitere Gehirnentwicklung, sondern führen zudem zu Wohlbefinden, Freude und Glück. Das Motto lautet: selber machen und erfolgreich sein.

Je eigenständiger und vielfältiger unsere Kinder diese Steuerzentrale ausbilden, um so stärker und freier wird ihre Persönlichkeit sein. Eines müssen wir aber beachten: Diese Systeme sind höchst störanfällig. Sie können durch falsche Informationen und Lügen im Denken und Verhalten ihre Echtheit und Eigenständigkeit sowie durch Verbote, Begrenzungen und Passivität ihren Urantrieb nach und nach verlieren oder von Aufmerksamkeitsräubern wie flachen Fernsehprogrammen oder virtuellen Medien "eingefangen" und manipuliert werden.

T-Online.de: Wie viel Einfluss hat die Umwelt, haben die Eltern auf die Charakterentwicklung ihres Kindes?

Moll: Den Allergrößten! Das muss uns jeden Tag bewusst sein. Unsere Gehirne müssen alles erlernen. Laufen, Essen, Sprechen, Spielen, Lesen, Schreiben und Rechnen, das Zusammenleben und die Liebe. Wir sind nur gesund, wenn wir gesund leben. Wir können nur lieben, wenn wir in Wärme und Geborgenheit aufwachsen. Wir lernen nur das, was wir erfahren, erleben und tun. Wir sind nur mitmenschlich, wenn wir uns sicher fühlen und soziale Werte verinnerlicht haben.

Dabei müssen wir bei Kleinkindern besonders beachten, dass sie in den ersten Lebensjahren nicht nur das Sprechen und die Sprache erlernen, sondern damit auch die Wertvorstellungen, also was richtig oder falsch, gut oder schlecht, wahr oder böse ist. Und hier müssen wir Eltern sehr gut überlegen, wer dies unseren Kindern beibringen und, sozusagen, die "Schalter" auf der DNA setzen soll. Wir selbst, oder fremde Personen, die vielleicht nur bestimmte Interessen oder staatlich vorgegebene Erziehungsinhalte verfolgen und Kinder anpassen und normieren wollen. Um so früher eine Prägung erfolgt, um so wirksamer und stabiler ist sie. Das wissen viele Eltern nicht, dafür aber - denken wir nur an Nahrungsmittel und Computerspiele - Wirtschaft und Industrie.

T-Online.de: Welche Rolle spielt die Erziehung?

Moll: Die Entscheidende! Wobei eine gute Erziehung aus drei Teilen besteht. Erstens das Vorbild, nach dem schönen Satz von Karl Valentin, "Kinder brauchen nicht erzogen werden, sie machen uns eh alles nach." Dieses Vorbild sein gilt nicht nur für Eltern, Großeltern und Geschwister, sondern auch für Krippenbetreuerinnen, Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen. Deshalb müssen wir Eltern diese Personen, die unsere Kinder stark beeinflussen können, genauestens ansehen.

Zweitens, und deshalb ist die Familie so wichtig, die Liebe. Dies hat Astrid Lindgren mit dem Satz "Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein" treffend formuliert.

Und drittens die Freiheit, weshalb diese auch das höchste Rechtsgut auf Erden ist. Dies bedeutet, Urantrieb, Neugierde und natürlichen Freiheitsdrang von Kindern so wenig wie möglich stören und dabei nur, falls es zum Beispiel gefährlich werden könnte, korrigierend eingreifen. Dann wird das, was Erich Kästner schon vor über 50 Jahren mit Schrecken vorhersah, nicht gelingen, nämlich dass Staat, Politik, Wirtschaft und Finanzwelt aus unseren "Früchtchen" nur noch "Spalierobst" machen und die Macht schon über die Gehirne unserer Kinder gewinnen.

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