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Vater im Gefängnis - die Familie wird unschuldig mitbestraft

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Papa ist im Knast  

Unschuldig mitbestraft

14.04.2014, 16:05 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Vater im Gefängnis - die Familie wird unschuldig mitbestraft. Die meisten Kinder kommen nur schwer damit zurecht, wenn der Vater im Gefängnis sitzt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die meisten Kinder kommen nur schwer damit zurecht, wenn der Vater im Gefängnis sitzt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Allein in Deutschland gibt es rund 100.000 Kinder, die damit leben müssen, dass ein Elternteil im Gefängnis sitzt. Bei über 80 Prozent ist es der Vater. Welche Auswirkungen eine solche Situation auf die betroffenen Kinder hat, wurde lange Zeit außer Acht gelassen. Dabei hat eine erstmals kindzentrierte europaweite Studie jetzt gezeigt, dass es notwendig ist, genauer hinzusehen. Denn rund 75 Prozent dieser Kinder zeigen seelische und körperliche Auffälligkeiten. Sie leiden unter dem Gefängnisaufenthalt, so wie Julia und Celine. Die beiden waren drei und fünf Jahre alt, als ihr Vater verhaftet wurde.

"Das Erste, was ich gesagt habe, war: Stecken Sie doch bitte die Waffen weg, die Kinder sind doch noch so klein!" Die Erinnerung an den Tag, an dem plötzlich mehrere Polizeibeamte in der Tür standen, nimmt Cornelia M. heute noch mit. Dass ihr Mann, wie sie sagt, "Dreck am Stecken" hatte, hat sie geahnt. Aber nicht in welchem Umfang. Cornelia hat sich auf ihren Sascha verlassen, ihm geglaubt, dass keine Gefahr besteht. Plötzlich saß er in U-Haft, die Wohnung der Familie wurde durchsucht. Der Vorwurf: Schmuggel im großen Stil, Bandenkriminalität, Steuerhinterziehung. "Das war der totale Schock. Da steht man plötzlich mit zwei kleinen Kindern da und der Mann ist weg. Sitzt im Knast." Nach dem Schock kam die Wut. Und mit ihr die Frage, warum er ihnen das angetan hat.

Unterstützung für Angehörige deutschlandweit noch selten

"Hier ist es wichtig zu wissen, dass man nicht alleine ist", erklärt Christel Brendle, Bereichsleiterin der Beratungsstelle für Angehörige von Inhaftierten beim Verein Treffpunkt in Nürnberg. Seit über 20 Jahren kümmert sie sich gemeinsam mit ihren Kolleginnen um Menschen, die ein Familienmitglied im Gefängnis haben. "Die Frauen, die den Weg zu uns und zu unseren Gesprächsgruppen finden, leiden sehr unter der Inhaftierung ihres Mannes, haben viele Fragen und brauchen Unterstützung." Sie haben das Gefühl, das System bestraft sie und ihre Kinder unschuldig mit. Angst und Unsicherheit sind groß. Wovon werden wir in Zukunft leben? Wann darf ich meinen Mann sehen? Wie viel darf nach außen dringen? Wie schütze ich meine Kinder vor sozialer Ablehnung? Und wie sage ich ihnen überhaupt, dass der Papa im Gefängnis ist?

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Welche Werte versuchen Sie Ihrem Kind zu vermitteln?

Papa hat einen Fehler gemacht, dafür muss er grade stehen

"Kinder bekommen viel mehr mit, als man manchmal denkt", erklärt die Familientherapeutin.  "Es ist daher wichtig, dass man kindgerecht mit dem Thema umgeht. Kein Familiengeheimnis daraus macht und Fragen beantwortet. Jede Frau hat da ihren eigenen Weg." "Ich habe sofort Kindergarten und Schule informiert, damit sie die Kinder auffangen können, wenn etwas sein sollte", erinnert sich Cornelia. "Und ich habe es meinen Mädchen schon in der ersten Woche gesagt."

Dabei war ihr wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass der Papa zwar etwas falsch gemacht hat und dafür bestraft wird. Dass er aber niemandem wehgetan hat. "Ich habe sie mitgenommen ins Gefängnis, damit sie sich kein falsches, möglicherweise noch bedrückenderes Bild machen. Ich finde das besser, als den Kindern zu erzählen, der Papa sei auf Montage oder müsse so viel arbeiten, dass er keine Zeit habe, sie mal anzurufen, so wie andere das machen."

So oft es ging, hat Cornelia ihren Mann gemeinsam mit den Kindern besucht. Und wenn es nur für eine halbe Stunde war. "Das mit den Mädchen hat ihm schon sehr wehgetan." Sascha hat die Einschulung seiner Großen verpasst, hat nicht miterlebt, wie die kleine Tochter das erste Mal allein Fahrrad fuhr. "Auch bei den Besuchen ist es grausam: Da sitzt man da in dieser Umgebung, die alles andere als kindgerecht ist, zwischen sich so eine Glasscheibe, und die Kinder dürfen nicht einmal auf den Schoß ihres Papas. Da gab es viele Tränen."

Die Familie wird mitbestraft

Dass eine solche Situation für die Kinder seelisch sehr belastend ist, rückt langsam in den Fokus der Wissenschaft. Nicht zuletzt aufgrund der Coping-Studie, die sich mit den europaweit rund 800.000 Kindern von Inhaftierten beschäftigt hat: sie zeigt, welche Auswirkungen es haben kann, wenn man hier die Bedürfnisse der betroffenen Kinder außen vor lässt. "Manche Mütter glauben, ihr Kind bekäme nichts mit und dann malt es plötzlich Gitterstäbe", so die Sozialwissenschaftlerin. "Andere Kinder reagieren mit extremen Verlustängsten. Wir haben Frauen hier, die dürfen nicht einmal ohne ihre Kinder auf die Toilette. Vor lauter Angst, die Mutter könne auch plötzlich aus ihrem Leben gerissen werden."

Auch Julia und Celine leiden noch heute, sie können nicht mehr alleine ein- und durchschlafen. Ein eigenes Zimmer wollen sie gar nicht, die Angst sitzt tief. Emotionale Schwierigkeiten, Verhaltensstörungen, Einnässen, Albträume, Konzentrationsschwierigkeiten, Depressionssymptome - all das können Folgen der Situation sein. Und doch gibt es auch Kinder, die die Haft als Erleichterung empfinden. Dann allerdings sind häufig Suchtprobleme und vor allem körperliche beziehungsweise seelische Gewalt im Spiel.

Sozialpädagogisch betreute Vater-Kind-Gruppen stärken die Beziehung

Um es betroffenen Kindern etwas einfacher zu machen, engagieren sich manche Städte bereits dafür, zumindest das Treffen in der Haft zwischen Vater und Kind besser zu gestalten. Denn man hat inzwischen erkannt, dass es hier nicht um Hafterleichterung geht, sondern um das Recht unschuldiger Kinder auf ihren Vater. "Wir haben hier zum Beispiel gemeinsam mit der JVA Nürnberg eine Vater-Kind-Gruppe eingerichtet, in der Inhaftierte ihre Kinder in einer ungezwungeneren Umgebung sehen können. Hier kann man kuscheln, spielen und reden. Ohne Trennscheibe und ohne Beamte", erklärt Brendle.

"Ich bin gewachsen und er ist kleiner geworden!"

Cornelia M. hat jedes Angebot dankbar angenommen, zunächst gegen den Willen ihres Mannes. "Er dachte, das würde alles noch mehr hochkochen." Allerdings ist die 35-Jährige der Meinung, es müsste noch viel mehr getan werden für Familien in einer solchen Situation - auch und gerade in der Zeit nach dem Gefängnisaufenthalt. Denn dann fangen die Probleme oft erst so richtig an. "Ich bin in der Zeit, in der er im Knast war, gewachsen, stärker geworden. Im Gegensatz zu ihm. Und dann kommt er heim und glaubt, alles ist wie früher. Irgendwie ist es, wie wenn man in einem ICE sitzt und der Mann versucht, einfach so aufzuspringen." Dass die Männer nach einem Gefängnisaufenthalt alle einen "Knacks weg" haben, da ist sich Cornelia sicher. Und dass Eifersucht für viele Paare ein großes Problem ist. Sie ist überzeugt davon, dass die Familien dann noch einmal Hilfe von außen bräuchten, um wieder richtig zueinander zu finden.

Jugendliche tun sich mit der Situation besonders schwer

Für die kleineren Kinder ist es oft einfach schön, dass der Papa jetzt wieder da ist. "Wenn die Beziehung vorher gut war und die Kinder ihren Vater regelmäßig gesehen haben, dann wächst die Familie oft noch mehr zusammen", bestätigt Brendle. Größere Kinder aber, vor allem Jugendliche, machen es dem Entlassenen nicht immer einfach. "Unsere Große ist jetzt 14 und kritisieren lässt sie sich von ihrem Vater schon mal gar nicht. Sie haut ihm dann um die Ohren, dass er ja wohl auch nicht fehlerlos sei, denn sonst hätte er ja nicht sitzen müssen. Das geht ihm dann schon sehr nah, damit hat er zu kämpfen."

Brendle sieht hier eine weitere Gefahr: "Manche Kinder und vor allem Jugendliche entwickeln aufgrund der Inhaftierung ihres Vaters einen Hass auf die Polizei und die Justiz und das gibt eine falsche Richtung vor. Hier ist es wichtig, dass die Mütter den Kindern vermitteln, dass es Regeln gibt, die man einhalten muss. Und der Vater selbst für seine Taten verantwortlich ist. Nicht das System."

Das Umfeld spielt eine große Rolle

Cornelia hatte Glück im Unglück. Ihre Familie und die ihres Mannes halfen, wo es ging. Und: Ihre Kinder gingen nicht am Wohnort in Kindergarten und Schule, sondern mehrere Kilometer entfernt. "Dadurch ist auch den anderen Eltern gar nicht aufgefallen, dass er nicht da war. Wir sind erst später in diese Gegend gezogen und konnten so einen unauffälligen Neuanfang starten."

Dieser Neuanfang enthält auch ein weiteres Kind: Jonas. Der Kleine ist heute vier und noch weiß er nicht, dass sein Papa mal gesessen hat. Wenn er es erfahren soll, wird Cornelia sich Rat holen. Bei Christel Brendle und ihren Kolleginnen.

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