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Tabuthema: von der Mutter missbraucht

28.09.2011, 14:55 Uhr | Caroline von Eichhorn und Joseph Röhmel, Spiegel Online

Tabuthema: Von der eigenen Mutter missbraucht. Missbraucht von der eigenen Mutter - eine Spirale von Leid und Gewalt beginnt. (Quelle: imago)

Missbraucht von der eigenen Mutter - eine Spirale von Leid und Gewalt beginnt. (Quelle: imago)

Sie liebkosen Kinder, manipulieren sie, vergehen sich an ihnen. Sexueller Missbrauch durch Frauen ist ein Tabu, die Opfer werden oft nicht ernst genommen. Andreas Marquardt musste jahrelang mit seiner Mutter schlafen, heute spricht er offen darüber, was sie ihm antat.

Verhärtet wie ein Eisblock

Einmal hat Andreas Marquardt fünf Baseballschläger zertrümmert, in weniger als fünf Sekunden. Das ist Weltrekord, ein Pokal in seinem Sportstudio in Berlin-Neukölln erinnert daran. Früher war der ganze Kerl wie seine Hand, die er nach jahrzehntelangem Karatetraining nicht mehr öffnen kann. Wie abgeriegelt. "Ich war steif wie ein Eisblock", sagt er, wenn er von seinem alten Leben spricht.

Vom Opfer zum Frauenpeiniger geworden

Marquardt war Zuhälter, ein Frauenhasser. Er peinigte seine Nutten, instruierte sie: Den Freiern sollten sie alle Wünsche erfüllen. Er wollte nicht irgendein Zuhälter sein, sondern der beste, der härteste. Nur gegenüber einer Frau hatte er keine Macht - seiner Mutter. Als er noch ein Kind war, hat sie ihn sieben Jahre lang missbraucht. Täglich lockte sie ihren Sohn ins französische Bett. "Ich habe nicht begriffen, was da überhaupt passiert", sagt Marquardt.

Tabuthema: Missbrauch durch Frauen

Wie kann eine Mutter so grausam sein? Mutterliebe, das ist doch Liebkosung, Aufmerksamkeit und Hingabe. Doch Missbrauch durch Frauen ist keine Seltenheit. Meist geschieht er im familiären Umfeld und meist bleibt er ohne Konsequenzen für die Täterin. Betroffene gehen kaum zur Polizei, ihr Urvertrauen wurde zerstört, häufig wird den Opfern kein Glauben geschenkt. Laut Marquardts Therapeuten Jürgen Lemke ist Missbrauch, verübt durch Frauen, ein absolutes Tabuthema. Für die Opfer macht es das umso scheußlicher.

Zehn Prozent der Täter sind Frauen

"Es ist schlimm zu erfahren, dass Frauen so etwas tun", sagt die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Christine Bergmann. Nach einer Studie ihrer Geschäftsstelle werden zehn Prozent der Missbrauchsfälle von Frauen verübt. Der Psychologe Alexander Homes hat weltweit recherchiert und spricht sogar davon, dass die Hälfte aller Missbrauchstäter weiblich ist. So genau weiß es niemand, die Dunkelziffer ist hoch, es werden nur wenige Daten erfasst. Laut Bergmann ist es dringend notwendig, dass Betroffene über die Tat sprechen, und dass ihnen geglaubt wird.

Der Knast als Ausweg

Marquardt hat 40 Jahre lang geschwiegen. Heute will er reden. Er hat seine Geschichte im Buch "Härte" festgehalten, gemeinsam mit seinem Therapeuten Lemke. Acht Jahre Knast liegen hinter ihm, die Polizei war Marquardts brutaler Zuhälterei auf die Schliche gekommen. Im Gefängnis angekommen, tobte er tagelang, hämmerte gegen die Tür. Dann stellte seine Verteidigerin ihm eine einfache Frage: "Herr Marquardt, warum sind sie nur so geworden?"

Der frühere Zuhälter weinte, versuchte von da an mit verschiedenen Therapeuten seine verdrängte Vergangenheit aufzuarbeiten. Einige glaubten ihm nicht, viele gescheiterte Gespräche liegen hinter ihm. Bis er Jürgen Lemke traf - mit ihm konnte er reden.

Mit Streicheln fing es an

"Meine Mutter war sehr schlau damals", erinnert sich Marquardt. "Sie hat mit Streicheleinheiten angefangen. Daraus wurde immer mehr." Da war der heute 55-Jährige sieben Jahre alt und zu jung, um zu begreifen, dass seine Mutter nicht nur Zärtlichkeit fühlte, wenn sie seinen Penis berührte und küsste.

Auf der einen Seite fand er faszinierend, was sie machte, gleichzeitig stieß es ihn ab. Als Marquardt elf Jahre alt war, schliefen sie täglich miteinander. Der Junge glaubte jahrelang, dass er selber schuld war an seiner Situation. Schließlich genoss er ja auch die Erektion, er war ein junger Kerl.

Durch Drohungen der Mutter gefügig gemacht

Erst im Sexualkundeunterricht in der Schule erfuhr er: Inzest ist nicht normal. Doch gegen seine Mutter war er wehrlos. Wollte er nicht mit ins Schlafzimmer, drohte sie ihm: Wenn du nicht mitmachst, stecke ich dich ins Heim. "Ich habe mich jeden Tag übergeben", sagt Marquart, "ich hatte Schüttelfrost, wenn ich an die nächtlichen Eskapaden dachte." Mit 16 schaffte er es endlich, von zu Hause auszuziehen.

Perverse Rechtfertigungsstrategie

"Mütter gestehen sich die Tat meistens nicht ein", sagt Therapeut Lemke, "im Gegenteil: Sie rechtfertigen den Missbrauch als besondere Fürsorge." Selten wenden sie körperliche Gewalt an, stattdessen: Liebreiz, Verlockung, Manipulation. Immer wieder sagte Marquardts Mutter, sie wolle aus ihrem Sohn einen exzellenten Liebhaber machen. Frauen sollten sich nach ihrem Sohn die Finger lecken. Es kam, wie sie wollte. Als Zuhälter verführte Marquardt Frauen am laufenden Band. Anschließend brachte er sie auf den Strich.

Viele Täterinnen waren früher selbst Opfer

Diakon Wolfgang Ruprecht weiß wie Frauen agieren, die Kinder missbrauchen. Er arbeitet als Seelsorger im Frauenknast in Aichach. "Im Nachhinein bereuen die Sexualstraftäterinnen ihre Taten", sagt Ruprecht. In langen Gesprächen mit ihnen erkennt der Diakon oft, wie früh ein Leben in Unordnung geraten kann. Ruprecht hat bisher keine einzige Täterin erlebt, die nicht selbst verprügelt oder misshandelt wurde. Und der Kreislauf setzt sich fort. Für die Opfer bedeuten die Taten oft: Kriminalität, Sucht, gestörtes Sexualleben.

Die letzte Konfrontation mit der Mutter

Marquardt hat seine Wut an Frauen ausgelassen. Als Zuhälter verachtete er seine Huren. Sie waren nur Lustobjekte, dienten seinem Profit. "Ich konnte mit Frauen kein normales Gespräch führen." Heute kann er es. In Karatekursen bringt er Kindern bei, wie man sich wehrt. Ihnen soll nicht widerfahren, was ihm passiert ist.

Auch als er ein neuer Mensch war, traute sich Marquart lange nicht, mit seiner Mutter über den Missbrauch zu sprechen. Schließlich ging er zusammen mit seinem Therapeuten zu ihr, in die vertraute Wohnung, im Schlafzimmer stand immer noch das französische Bett. Seine Mutter saß im Rollstuhl und musste ihm zuhören. Sie rührte stumm in ihrem Kaffee, fast eine Stunde lang. Dann blickte sie ihrem Sohn direkt ins Gesicht und sagte: "Ich hoffe, du kannst mir verzeihen."

Drei Wochen später starb sie an ihrer Alkoholsucht.

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