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Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom: Kind mit Überdosis Salz getötet

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Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom  

Wenn Mütter ihre Kinder absichtlich krank machen

09.04.2015, 16:04 Uhr | Simone Blaß, AFP, t-online.de

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom: Kind mit Überdosis Salz getötet. Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom: Die Amerikanerin Lacey Spears ist zu 20 Jahren Haft verurteilt worden, weil sie ihren Sohn mit einer Überdosis Salz vergiftete. (Quelle: AP/dpa/The Journal News, Joe Larese, Pool)

Die Amerikanerin Lacey Spears ist zu 20 Jahren Haft verurteilt worden, weil sie ihren Sohn mit einer Überdosis Salz vergiftete. (Quelle: The Journal News, Joe Larese, Pool/AP/dpa)

Weil sie ihren fünfjährigen Sohn mit einer Überdosis Salz getötet hat, ist im US-Bundesstaat New York eine 27-jährige Frau zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Was bringt eine Mutter zu einer solch unfassbaren Tat? Der Fall aus den USA ist ein Beispiel für das sogenannte Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, einer psychoneurotischen Störung. Sie bringt Mütter dazu, ihre Kinder zu quälen und krank zu machen.

Der kleine Garnett-Paul Spears war jahrelang immer wieder aus unerklärlichen Gründen erkrankt und im Krankenhaus behandelt worden, bei seinem letzten Aufenthalt im Januar 2014 schließlich starb er, nachdem ihm seine Mutter durch die Ernährungssonde Unmengen von Salz zugeführt hatte.

Nach Auffassung des Richters leidet die Frau am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Das entschuldige nicht die "unfassbare Grausamkeit" ihrer Tat. Sie habe ihren Sohn fünf Jahre lang unnötiger Qual und Leid ausgesetzt. "Warum haben Sie nie versucht, sich helfen zu lassen", fragte er die 27-Jährige während der Gerichtsverhandlung, doch die reagierte nicht.

Hinter vorgetäuschter Fürsorge steckt grausame Kindesmisshandlung

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom trifft meist Mütter. Sie zeigen sich nach außen als fürsorglich und besorgt. Doch hinter verschlossenen Türen geschieht das Gegenteil. Sie quälen ihre Kinder, um den Krankenstatus aufrechterhalten zu können, täuschen Krankheitssymptome vor, erzeugen sie künstlich oder verschlimmern bereits vorhandene Krankheiten mit Absicht. Diese Frauen gieren nach Anerkennung und Aufmerksamkeit von außen, wollen als aufopferungsvolle Heldin gesehen werden und scheinen nicht einmal zu registrieren, was sie ihren Kindern antun.

In Deutschland spricht man von Einzelfällen, doch die Dunkelziffer sei vermutlich viel größer, bestätigt Cordula Lasner-Tietze vom Deutschen Kinderschutzbund gegenüber t-online.de.

Betroffene Mütter sind psychisch stark gestört

Wie kann man so etwas tun?, fragt man sich, wenn man zum ersten Mal vom Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom hört. Wie krank muss eine Seele sein, dass ein Mensch in der Lage ist, ein Kind zu quälen, und dann auch noch das eigene?

Die meisten der betroffenen Frauen sind alleine mit ihren Kindern, überdurchschnittlich intelligent und verfügen über ein gewisses medizinisches Vorwissen. Sie fühlen sich minderwertig, einsam und isoliert und sind nicht in der Lage, vertrauensvolle Beziehungen nach außen aufzubauen. Das Kind ist ihr Lebensmittelpunkt.

Aber es gehört deutlich mehr dazu, um eine psychische Störung mit derart drastischen Ausmaßen zu entwickeln: Der Großteil der Täterinnen war selbst Opfer von Missbrauch, Gewalt, Feindseligkeit und Vernachlässigung. Zudem berichten viele von direktem Kontakt zu Krankheiten, beziehungsweise zahlreichen medizinischen Behandlungen am eigenen Leib. Viele litten oder leiden unter Essstörungen, haben Depressionen, Persönlichkeitsstörungen oder das Borderline-Syndrom.

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom bleibt oft verborgen

Ähnlich wie Mütter, die den Missbrauch ihrer eigenen Kinder durch männliche Täter dulden, scheinen sie keine Empathie zu empfinden, ein gestörtes Körperempfinden zu haben und sie zeigen keinerlei Krankheitseinsicht. Es scheint, als würden zwei völlig gegensätzliche seelische Zustände nebeneinander existieren - ohne Bezug zueinander. Eine Therapie ist fast unmöglich, "denn dafür wären Motivation und Problembewusstsein notwendig. Beides ist hier nicht gegeben", so Lasner-Tietze.

Personen mit Münchhausen-by-proxy-Syndrom (MBPS), wie es auch genannt wird, zu identifizieren, ist sehr schwer. "Eine besondere Strategie dieser Eltern ist Ärzte-Hopping, damit die seltsame Häufung von Krankheitsbildern dem Kinderarzt nicht auffallen kann. Abgesehen davon ist es nicht nur schwer zu glauben, sondern auch sehr schwer zu erkennen, dass das durch äußere Einflüsse entwickelte Krankheitsbilder sind." Wer käme schon auf die Idee, eine fürsorgliche Mutter zu verdächtigen?

Verdächtige Verhaltensmuster erkennen

Der Deutsche Kinderschutzbund kritisiert, dass es an Studien zum Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom fehlt und Kinderärzte nicht entsprechend geschult sind. Ärzte sollten Verdacht schöpfen, wenn eine Mutter massiv invasive Eingriffe fordert, statt zu versuchen, sie zu vermeiden, um dem Kind nicht wehzutun. Auffallend ist auch, dass es dem Kind schlagartig besser geht, sobald die Mutter nicht mehr in der Nähe ist. Anzeichen sind zudem zahlreiche Krankenhausaufenthalte mit ständig wechselnden Symptomen und die übermäßige Einmischung der Mutter in Behandlung und Pflege des Kindes.

"Man muss hier leider sehr misstrauisch denken. Denn diese Mütter haben sehr ausgefeilte Strategien. Sie sind stark aufs Vertuschen und Vermeiden ausgerichtet. Schließlich hätten sie einen großen Verlust, wenn sie erkannt werden würden." Nicht zuletzt deshalb reagieren viele mit Depressionen und Selbstmordversuchen, wenn man sie entlarvt.

Auf die Schliche kommen MBPS-Kranken häufig erst spezielle Gutachter vor dem Familiengericht. Doch auch Richter müssen nach Meinung des Kinderschutzbundes diesbezüglich besser fortgebildet werden. "Manchmal wird der Mutter nur die Gesundheitssorge entzogen, das heißt, ein Vormund übernimmt diesen Bereich, damit die Handlungen, die das Syndrom aufrechterhalten, unterbrochen werden. Es kann aber durchaus sein, dass zum Schutz des Kindes und seiner Geschwister eine Trennung sein muss."

Kleinkinder werden am häufigsten zu Opfern

Obwohl die betroffenen Kinder oft spüren, dass etwas nicht stimmt, zeigen sie doch eine außergewöhnlich starke Loyalität zu ihrer Peinigerin. In den meisten Fällen ist die Beziehung zwischen Kind und Mutter sehr eng. Nur selten vertrauen sich die Kinder anderen Menschen an, und wenn, wird ihnen meist nicht geglaubt. In der Regel sind sie ohnehin noch sehr klein, zwischen drei und vier Jahren alt. Manche müssen noch länger leiden und werden erst später gegen jüngere Geschwister "ausgetauscht".

Schwere seelische Schäden bei den Kindern

Diese Kinder erleiden durch das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ihrer Mutter schwerste psychische Schäden. Sie neigen zu Persönlichkeitsstörungen, verlieren jegliches Vertrauen in sich und ihren Körper, entwickeln später Ess- und Verhaltensstörungen und Halluzinationen. Manchmal setzt sich das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom über mehrere Generationen fort.

In Deutschland ist es noch schwerer als in anderen Ländern, Täterinnen auf die Spur zu kommen, denn Kameras in Behandlungsräumen zu installieren ist bei uns verboten. Die Persönlichkeitsrechte der Eltern und Kinder, aber auch die des Klinikpersonals würden dadurch verletzt. Selbst bei Verdacht ist es für Kinderärzte schwierig, die Person einfach anzusprechen. In solchen Fällen bieten bieten die Jugendämter die Vermittlung fachkundiger Beratung an.

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