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Studie: ADHS-Diagnose oft falsch

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Fehldiagnosen  

ADHS-Diagnose oft falsch

02.04.2012, 09:40 Uhr | t-online.de

Studie: ADHS-Diagnose oft falsch. Die ADHS-Diagnose ist bei "Wilden Jungs" häufig falsch. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die ADHS-Diagnose ist bei "Wilden Jungs" häufig falsch. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Der Verdacht besteht schon lange, nun belegt es eine Studie: Die Diagnose ADHS wird zu häufig gestellt. Forscher der Ruhr-Universität Bochum und der Universität Basel fanden heraus, dass Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater ihr Urteil eher anhand von Faustregeln fällen, anstatt sich eng an die Diagnosekriterien zu halten. Insbesondere bei Jungen stellen sie deutlich mehr Fehldiagnosen als bei Mädchen.

Bundesweit nahmen 473 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater an der Befragung teil. Sie erhielten je eine von vier unterschiedlichen Fallgeschichten, sollten eine Diagnose stellen und eine Therapie vorschlagen. In drei der vier Fälle lag anhand der geschilderten Symptome gar kein ADHS vor, nur ein Fall war eindeutig als Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung diagnostizierbar. Da die Forscher auch noch das Geschlecht der "Patienten" variierten, wurden insgesamt acht verschiedene Fälle beurteilt. Daraus ergab sich bei je zwei gleichen Fallgeschichten ein deutlicher Unterschied: Leon hat ADHS, Lea nicht.

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Männlich und auffällig: der "Prototyp" macht's

Viele Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater gehen dabei offensichtlich eher nach der Schätzmethode vor und entscheiden nach prototypischen Symptomen. Der Prototyp ist männlich und zeigt motorische Unruhe, mangelnde Konzentration oder Impulsivität. Die Nennung dieser Symptome löst bei den Diagnostikern in Abhängigkeit vom Geschlecht unterschiedliche Diagnosen aus. Treten diese Symptome bei einem Jungen auf, bekommt er die Diagnose ADHS, die identischen Symptome bei einem Mädchen führen jedoch zu keiner ADHS-Diagnose. Es spielt aber auch eine Rolle, wer die Diagnose stellt: Mann oder Frau. Männliche Therapeuten diagnostizierten signifikant häufiger ein ADHS als weibliche.

Inflationäre Diagnosen, mehr Medikamente

Fast schon inflationär hieß es in den vergangenen Jahrzehnten bei den Zappelphilipps und schwierigen Kindern: Diagnose ADHS. Zwischen 1989 und 2001 stieg die Anzahl in der klinischen Praxis um unglaubliche 381 Prozent. Die Ausgaben für ADHS-Medikamente haben sich in einem vergleichbaren Zeitraum von 1993 bis 2003 verneunfacht - beispielsweise für das leistungssteigernde Methylphenidat. In Deutschland berichtet die Techniker Krankenkasse für ihre Versicherten der Altersgruppe sechs bis 18 Jahre einen Anstieg der Methylphenidat-Verschreibungen um 30 Prozent in der Zeit von 2006 bis 2010. In diesen Jahren haben sich auch die Tagesdosierungen im Schnitt um zehn Prozent erhöht.

Bemerkenswertes Forschungsdefizit

Nimmt man nur diese Zahlen, so ergibt sich ein erhebliches Forschungsdefizit. "Dem großen öffentlichen Interesse steht eine bemerkenswert geringe Basis an empirischen Studien zu diesem Thema gegenüber", so Professor Silvia Schneider und Dr. Katrin Bruchmüller, Leiterinnen der aktuellen Studie. Gab es in den 1970er und 1980er Jahren einen "gewissen Aufschwung" in der Untersuchung von Häufigkeit und Ursachen von Fehldiagnosen, beachtet die Forschung dies seitdem kaum noch. Die Studie zeigt: Um eine falsche Diagnose bei ADHS und eine vorschnelle Behandlung zu verhindern, ist es entscheidend, sich nicht auf seine Intuition zu verlassen, sondern sich klar an den festgelegten Kriterien zu orientieren. Das gelingt am besten mit Hilfe von standardisierten Befragungsinstrumenten, zum Beispiel diagnostischen Interviews.

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