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Autismus: Krankheit erkennen, behandeln und mit autistischen Kindern leben

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Autismus  

Autismus: Eltern und Umwelt bleiben ausgesperrt

31.08.2016, 15:09 Uhr | Simone Blaß; rw, dpa, t-online.de

Autismus: Krankheit erkennen, behandeln und mit autistischen Kindern leben. Autismus: Von einer unsichtbaren Wand von der Umwelt ausgesperrt. (Quelle: imago)

Von einer unsichtbaren Wand von der Umwelt ausgesperrt. (Quelle: imago)

Das Mädchen mag nicht mit anderen Kindern im Sandkasten sitzen. Stattdessen beschäftigt es sich lieber ausgiebig allein mit einem Spielzeug. Auf das Lächeln anderer Menschen reagiert es nicht, vermeidet den direkten Augenkontakt. Solche und ähnliche Auffälligkeiten können auf Autismus hindeuten.

Autistische Kinder haben große Schwierigkeiten, an der Gesellschaft teilzunehmen. Wie eine unsichtbare und undurchdringliche Wand, trennt der Autismus sie von ihrer Umwelt.

Autismus als Krankheit mit erheblichem Leidensdruck wahrnehmen

Auf hundert Kinder kommt eines, das an Autismus leidet, haben britische Forscher herausgefunden. Und man muss hier tatsächlich von "leiden" sprechen, da ist sich Inge Kamp-Becker von der Universität Marburg sicher. "Denn auch wenn vor allem im Internet vielfach eine Sichtweise propagiert wird, die Autismus als eine neue Form des Daseins beschreibt und die Symptome von autistischen Störungen ins Positive umformuliert, so bestehen in der Regel doch starke Schwierigkeiten, an der Gesellschaft teilzunehmen und sich zu integrieren. Vor allem, wenn keine kognitive Beeinträchtigung vorliegt, nehmen die Kinder ihre 'Andersartigkeit' durchaus wahr und leiden darunter, da sind sich die meisten Kliniker und Wissenschaftler einig", erklärt die Leiterin der Marburger Spezialambulanz für Autismus-Spektrum-Störungen.

Diagnose am besten durch den Spezialisten

Oft sind es Kleinigkeiten, die irgendwann auffallen: Das Kind reagiert nicht auf ein Lächeln, lacht selbst nicht und spielt lieber alleine als mit anderen Kindern. Treten solche frühen Anzeichen einer autistischen Störung auf, sind viele Eltern verunsichert. Doch nicht jede Verzögerung der Entwicklung muss gleich auf Autismus hinweisen. Darüber hinaus sind autistische Störungen bei jedem Kind unterschiedlich stark ausgeprägt. "Die Symptome sind sehr vielfältig und erfordern eine differenzierte und ausführliche diagnostische Untersuchung. Hierzu wird mit standardisierten Methoden gearbeitet, die die gesamte Symptomatik in ihrer Vielfalt berücksichtigen, was fachliche Expertise und Erfahrung erfordert", erklärt Kamp-Becker.

Es gibt typische Symptome

Bei aller Vielfalt gibt es aber auch ganz typische Kernsymptome von Autismus, auf die Eltern achten können. "Wir haben gemerkt, dass etwas nicht stimmt, als einer unserer Söhne mit einem Nachbarjungen zusammen im Sandkasten saß", berichtet die Vorsitzende des Regionalverbands Autismus Göttingen von ihren eigenen Erfahrungen. "Ob da noch jemand saß oder nicht, war unserem Sohn vollkommen egal." Autistische Kinder wirken oft unnahbar. Sie weichen Blickkontakten und Berührungen aus und ihre Interessen beziehen sich meist auf wenige Gebiete, in denen sie sich dann aber zu wahren Experten entwickeln können.

Verschiedene Formen autistischer Störungen

Die bekannteste Form autistischer Störungen ist der frühkindliche Autismus, auch Kanner-Syndrom genannt. Diese Kinder sind oft unterdurchschnittlich intelligent und benötigen meist lebenslang Hilfe und Unterstützung. Anders Kinder mit dem Asperger-Syndrom oder auch dem so genannten atypischen Autismus, beides mildere Formen, bei denen gute Chancen auf ein selbstständiges Leben bestehen. Der frühkindliche Autismus kann bereits im Säuglingsalter auffallen. Entsprechende Anzeichen sollte man sofort zum Anlass nehmen, eine spezifische Diagnostik einzuleiten, um möglichst früh eingreifen zu können.

Kinder mit Asperger-Syndrom oder dem atypischen Autismus fallen damit frühestens im Kindergartenalter, oft auch erst in der Grundschule auf. Sie nehmen nur sehr begrenzt Kontakt zu anderen Menschen auf und wirken isoliert. Einige sind sehr intelligent, kennen sich in bestimmten Gebieten perfekt aus, haben aber trotzdem Lernprobleme. Sie wirken oft altklug und sehr ernst, führen häufig Selbstgespräche und reden mit einer auffälligen Sprachmelodie. Ein Eingehen auf den anderen und das von ihm Gesagte ist ihnen nur schwer möglich. Wutausbrüche und eine ungelenke Körpersprache sind ebenfalls typisch. Neben verstärkten Ängsten können auch Schlafstörungen und Tics auftreten.

Jeder Einzelfall erfordert eine individuelle Therapie

Nicht zuletzt aufgrund der Vielfältigkeit der Symptome und der verschiedenen Autismus-Formen ist es schwer, eine exakte Diagnose zu stellen. "Zunächst einmal ist eine differenzierte diagnostische Untersuchung notwendig, an die sich eine ausführliche und intensive Beratung der Eltern anschließen sollte", erklärt Inge Kamp-Becker. "Ziel ist es, ein genaues Bild über die Stärken und Schwächen des Kindes zu erhalten und einen individuellen Behandlungsplan zu erstellen, wobei sich verhaltenstherapeutische Maßnahmen als besonders hilfreich erwiesen haben." Man arbeitet hier oft mit einem Verhaltenstraining, das sich Applied Behavior Analysis (ABA) nennt und das sich, vereinfacht gesagt, am Belohnungsprinzip orientiert. Manchmal ist es auch sinnvoll, Krankengymnastik sowie Logopädie in den Behandlungsplan mit einzubauen. Vollständig heilbar ist Autismus allerdings nicht.

Vorsicht vor dubiosen Heilsversprechen

"Das bedeutet aber nicht, dass man Menschen mit Autismus nicht fördern kann und damit die Symptomatik reduziert. Forscher und Ärzte sind sich darüber einig, dass eine frühe diagnostische Zuordnung und damit ein frühes Eingreifen durchaus geeignet sind, den Verlauf der Störung positiv zu beeinflussen." Bei der Therapie geht es letztlich darum, den Kindern zu helfen, mit anderen in Kontakt zu treten und Beziehungen aufzubauen. Sie sollte sich immer genau an dem betroffenen Kind ausrichten, seine individuellen Einschränkungen genauso beachten wie seine Stärken.

Bei der Auswahl eines geeigneten Therapieangebots ist allerdings Vorsicht geboten. "Leider ist es so, dass ein breites Angebot an verschiedensten therapeutischen Ansätzen existiert, die den Eltern teilweise 'Wunder', 'Heilung' oder 'ein normales Funktionsniveau' mit 'normalem Schulbesuch' und 'normalem Intelligenzquotienten' versprechen, die 'wissenschaftlich nachgewiesene' Methoden anpreisen, ohne dass klar ist, was damit überhaupt gemeint ist", warnt die Autismus-Spezialistin. Eltern bräuchten hier Unterstützung und Beratung, da es leider auch manch einen Ansatz gäbe, der viel Geld, Aufwand und Hoffnung koste, sich aber schon längst als unwirksam erwiesen habe.

Die Rolle der Eltern

Überhaupt verdienen die Eltern autistischer Kinder besondere Aufmerksamkeit. Viel sperren sich zunächst, wollen nicht wahrhaben, dass ihr Kind Autist ist. "Das ist auch ganz verständlich, schließlich handelt es sich um eine lebenslange Diagnose", so Martin Sobanski, Leiter der Abteilung für Entwicklungsstörungen am Heckscher-Klinikum München. Akzeptanz ist aber wichtig, denn sie ist die Voraussetzung dafür, dass schnell mit einer Therapie begonnen werden kann. Betroffenen Eltern rät der Münchner Mediziner sich Hilfe bei anderen, erfahreneren Betroffenen zu suchen. "Der Austausch hilft bei der Trauerarbeit und liefert oft auch ganz praktische Ratschläge im Umgang mit der Entwicklungsstörung", erklärt Sobanski.

Warum ein Mensch überhaupt an Autismus erkrankt, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Frühere Theorien, dass autistische Kinder von ihren Eltern innerlich abgelehnt werden und sich daraufhin in ihre eigene Welt zurückziehen, sind heute nicht mehr aktuell. "Die These der so genannten 'Kühlschrankmütter' ist zweifelsfrei überholt und nicht haltbar!", macht Inge Kamp-Becker eindringlich klar. "Dennoch sollte man beachten, dass die Eltern von Kindern mit Autismus einen Einfluss auf den Verlauf der Störung haben. Es ist erwiesen, dass es hilfreich ist, die Eltern in die Förderung beziehungsweise Therapie ihres Kindes mit einzubeziehen und dass sie sogar für den Erfolg dieser Maßnahmen entscheidend sein können."

Biologische Ursachen stehen im Vordergrund

Bei der Suche nach Krankheitsursachen geht die medizinische Forschung inzwischen davon aus, dass neben den als sicher geltenden erblichen Faktoren auch Infektionskrankheiten eine entscheidende Rolle spielen. Erkrankt eine Mutter zum Beispiel während der Schwangerschaft an Röteln, dann erhöht sich das Autismus-Risiko um das Zehnfache. Ein Zusammenhang zwischen der Mumps-Masern-Röteln-Impfung und Autismus konnte allerdings in einer Studie der McGill University in Montreal ausgeschlossen werden.

Wissenschaftler der University of California haben sich dagegen mit Umweltfaktoren und deren Wirkung auf die mit Autismus in Zusammenhang gebrachten Gene beschäftigt und im vergangenen Jahr Forschungsergebnisse veröffentlicht, in denen sie auch das Verwenden bestimmter Pflanzenschutzmittel für die Entstehung von Autismus verantwortlich machen. Im Verdacht stünden unter anderem Pyrethrine, die auch in einigen Anti-Läusemitteln und Haustiershampoos enthalten sind. Kamp-Becker warnt in diesem Zusammenhang aber vor voreiliger Panikmache. "Hier handelt es sich um eine erste Studie, daher ist das Ergebnis vorläufig noch mit Vorsicht zu behandeln. Denn schon Ergebnisse, die autistische Störungen mit Impfungen im Zusammenhang gebracht haben und die viele Eltern verunsicherten und ängstigten, haben sich als nicht haltbar erwiesen."

Das Kinderkrankheiten-Lexikon bietet einen Überblick über die häufigsten Kinderkrankheiten. In den Artikeln werden Symptome, Behandlung und mögliche Folgen der Kinderkrankheiten erklärt. Eltern erfahren, bei welchen Anzeichen das Kind schnell zum Arzt muss und bei welchen Krankheiten auch Hausmittel helfen können. Sie finden auch die Information, ob und wie lange Kinderkrankheiten ansteckend sind. Manchen Kinderkrankheiten kann man durch Impfung vorbeugen. Einen Überblick über die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen bietet ergänzend unser Impfkalender
Wichtiger Hinweis: Die Informationen in diesem Kinderkrankheitenlexikon liefern Anhaltspunkte, können aber keinesfalls die Diagnose eines Kinderarztes ersetzen. Sicherheitshalber sollten Eltern auffällige Symptome bei ihrem Kind vom Arzt abklären lassen.

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