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Essverhalten von Kindern: Vorsicht, bitter! Achtung, sauer!

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Essverhalten von Kindern: Vorsicht, bitter! Achtung, sauer!

14.06.2011, 10:36 Uhr | Spiegel Online

Essverhalten von Kindern: Vorsicht, bitter! Achtung, sauer!. Bäh, Gemüse! Warum Kinder bestimmte Lebensmittel verschmähen. (Foto: imago)

Bäh, Gemüse! Warum Kinder bestimmte Lebensmittel verschmähen. (Foto: imago)

Das Essverhalten der Kinder ist oft eine Nervenprobe für die Eltern. Warum mögen Kinder Gummibärchen, aber so gut wie nie Salat oder Rosenkohl? Wie bringt man den Nachwuchs zu gesunder Ernährung? Der Mediziner Herbert Renz-Polster serviert in "Gehirn und Geist" überraschende Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung.

Warum sind Kinder beim Essen so stur?

"Gemüse? Schön wär's - Leo isst ausschließlich Nudeln pur", seufzt die Mutter eines Dreikäsehochs auf dem Spielplatz. "Da habt ihr ja noch Glück!", so eine andere: "Bei Sarah muss überall Ketchup dazu. Aber wehe, sie entdeckt auf dem Teller ein winziges Stück Tomate!" "Und dann immer dieses Gematsche mit den Händen …"

Beim Thema Essen eint Eltern der Frust. So gern würde man den Nachwuchs an eine gesunde Ernährung und Tischmanieren heranführen! Doch gerade hier verfehlt alles Bitten und Schimpfen seine Wirkung. Die fünfjährige Lina etwa sitzt stur vor dem gefüllten Teller und verweigert jede Nahrungsaufnahme: "Da sind Kräuter drauf!" Max (dreieinhalb) isst Farfalle grundsätzlich mit der Hand oder gar nicht. Und darf der vierjährige Benno das Brötcheninnere nicht zu Kügelchen rollen, folgt ein Wutanfall, der sich gewaschen hat. Warum verhalten sich viele Kinder beim Essen scheinbar so kompliziert? Können Eltern hier überhaupt etwas ausrichten - und wenn ja, wie schaffen sie das?

Angeborene Schutzmechanismen prägen den Geschmack

Tatsächlich kann die einzigartige Entwicklungsgeschichte des Menschen viele kindliche Essvorlieben erklären. Homo sapiens besiedelte im Lauf der Zeit praktisch sämtliche Klimazonen der Erde, von den üppigen Tropen bis hin zur gemüsefreien Arktis. Dabei galt es, immer wieder neue Nahrungsquellen zu erschließen. Eine gefährliche Aufgabe: Denn das jeweils vorgefundene Angebot enthielt nicht nur Nahrhaftes, sondern vergleichsweise noch viel mehr Unverträgliches, ja sogar Tödliches. Und das kann sich so ähnlich sehen wie Heidelbeere und Tollkirsche!

Bei der Entscheidung für ein Nahrungsmittel musste der Mensch also äußerst kritisch vorgehen. Einige angeborene Präferenzen verbesserten seine Erfolgschancen. So half unseren Vorfahren ihr Geschmackssinn, das Sortiment schon einmal grob zu sortieren: Süßes, Eiweißhaltiges und Fettes deuten auf problemlose, energiereiche Nahrung hin. Bitteres und Saures dagegen sind mit Vorsicht zu genießen, denn sie stehen für Unreifes, möglicherweise Verdorbenes oder sogar Giftiges.

Opfer der "Generation Spinat"

Diese genetischen Voreinstellungen sicherten das Überleben des Menschen Hunderttausende von Jahren lang - und prägen uns bis heute. Kein Wunder, dass auch unsere Kinder mit ihren noch wenig belastbaren Organen auf Gemüse meist abwehrend reagieren. Denn obwohl die heutigen Gemüsesorten weniger herb schmecken als ihre wilden Vorläufer, enthalten sie doch - für empfindliche Kinderzungen durchaus erkennbar - Spuren von Bitterstoffen.

Viele Opfer der "Generation Spinat" berichten, wie sie stundenlang vor dem grünen Brei saßen und ihn dann in einem unbeobachteten Moment im Blumentopf verschwinden ließen. Andere nahmen schlimme Strafen in Kauf, nur um das Zeug nicht essen zu müssen. Dies wurde von ihren Eltern meist als Ungezogenheit angesehen. Evolutionspsychologisch betrachtet handelt es sich aber ganz einfach um eine aversive Verhaltensdisposition - eine mit bestimmten Reizen verknüpfte unbewusste Abwehr.

Warum der Mensch Kalorienbomben liebt

Umgekehrt zeigt dieser Blick in die menschliche Evolutionsgeschichte auch, warum der Nachwuchs statt auf Selleriestängel auf Schokokreme und fettige Pommes frites steht. Kalorienbomben halfen dem Menschen nun einmal am besten über die nächste Hungerphase. Diese schnell herunterzuschlingen (wer weiß, wie lange man ungestört bleibt!), war äußerst sinnvoll. In den heutigen Industrienationen gibt es Lebensmittel im Überfluss. Doch ist die Vorliebe für kalorienreiche Überlebensnahrung geblieben - und bei viel Appetit auch die Neigung zu hastigem Essen.

Als Baby problemlos, als Kindergartenkind wählerisch

Aber warum reagieren die meisten Kinder so skeptisch, wenn Mama einmal etwas Neues auf den Tisch bringt? Warum wollen manche gar fast immer dasselbe essen? "Als Mario noch ein Baby war, probierte er alles: Pesto, Schafskäse, Olivenstückchen, Krabben …", erzählt sein Vater rückblickend. Inzwischen fordere das Kindergartenkind von Montag bis Sonntag vehement: "Ich will Fischstäbchen mit Kartoffelbrei!"

Diese auch als Neophobie - Angst vor Neuem - bekannte Verhaltensweise half Menschenkindern, in ihrem ursprünglichen Lebensraum Giftunfälle zu vermeiden. Solange die Kinder gestillt wurden und immer nah bei der Mutter waren, brauchten sie nicht wählerisch zu sein. Schließlich wachten kluge und vertraute Erwachsene darüber, was den Säuglingen so alles in den Mund rutschte. Eine grundsätzliche Abwehrhaltung wäre zu diesem Zeitpunkt wenig überlebensförderlich gewesen.

Das änderte sich, sobald der Nachwuchs begann, die Umwelt auf eigenen Beinen zu erforschen. Nun konnte die Mutter nicht mehr alle Beeren und Knollen kontrollieren, die in die Reichweite der kleinen Finger kamen. Das Überleben der Kinder sicherte jetzt die genetisch programmierte Verengung ihres Auswahlhorizonts: Alles Unbekannte wurde hartnäckig gemieden - insbesondere, wenn es dazu noch grün war oder bitter schmeckte.

Lebenswichtige Angst vor Neuem

Übrigens findet sich diese Neophobie auch bei anderen "Allesfressern" wie Ratten oder Kapuzineräffchen. Sie leiden unter demselben Dilemma wie Homo sapiens. Einerseits sind sie nicht auf ein bestimmtes Futter festgelegt. Andererseits müssen insbesondere die unerfahrenen und anfälligen Jungtiere Giftiges unbedingt meiden. Das bedeutet für Mensch wie Tier: Erst mit der Zeit lernt der Nachwuchs von den Erwachsenen, gute und schlechte Nahrung sicher zu unterscheiden. Gleichzeitig reifen die kindlichen Organe und werden immer robuster gegenüber Giftstoffen. Im späteren Kindesalter kann sich der Geschmackshorizont daher wieder öffnen.

So verläuft die Neophobie

Auch wenn unsere Kinder ihr Essen nicht mehr direkt aus der freien Natur beziehen und im Kühlschrank nur ungiftige Lebensmittel stehen: Der kindliche Körper folgt auch heute noch dem einst entwickelten Erfolgsprogramm. So verläuft die Neophobie bei allen Kindern nach einem ähnlichen Muster. Im Alter zwischen vier und sechs Monaten ist sie am geringsten ausgeprägt - die meisten Säuglinge probieren in diesem Alter praktisch alles, was ihnen angeboten wird. Ab etwa dem 18. Monat verengt sich die Auswahl allmählich, der Blick wird kritischer, der Mund öffnet sich immer zögerlicher.

Kindergartenkinder sind die schlechtesten Esser

Im späten Kleinkind- und Kindergartenalter erreicht die Skepsis gegenüber Neuem dann ihr Maximum: Kinder sind jetzt wirklich schlechte Esser und lehnen neue, geschmacklich komplexe oder eventuell bitter schmeckende Nahrungsmittel oft vollständig ab. Erst zwischen acht und zwölf Jahren ändert sich dies wieder, fassten Leann Birch und Jennifer Fisher an der Pennsylvania State University (USA) bereits 1998 die Forschungslage zusammen. Kinder beginnen jetzt mit vorher undenkbaren Nahrungsmitteln wie Pilzen, kräftigeren Käsesorten und auch Gemüse wie Brokkoli zu experimentieren.

Auch Suppenkasper werden groß

Aus evolutionsbiologischen Erwägungen müsste man nun postulieren, dass sich Kleinkinder mit stark eingeschränktem Speiseplan trotzdem gesund entwickeln, solange sie nur genug essen. Tatsächlich beobachteten Betty Carruth und Jean Skinner von der University of Tennessee (USA) im Jahr 2000, dass extrem wählerische Kinder genauso schnell wachsen wie andere.

Die Evolution scheitert im Supermarkt

Sollten wir die kindlichen Essvorlieben also einfach hinnehmen und warten, bis Leo und Lina früher oder später von selbst leckeren Salat probieren? Leider sind unsere evolutionären Schutzprogramme an eine Umwelt angepasst, die es so nicht mehr gibt. Neophobie und Aversion gegen Bitterstoffe sind heute, wo die Regale der Supermärkte garantiert tollkirschenfrei sind, eigentlich überflüssig, ja sogar lästig geworden. Evolutionsbiologen bezeichnen solche inzwischen ins Leere laufenden Voreinstellungen auch als Passungsproblem, englisch Missmatch.

Überlebensinstinkt artet in Übergewicht aus

Die ewig hungrigen Fettzellen etwa, die dem Menschen früher halfen, auch bei ausbleibendem Jagdglück zu überleben, sind in der Überflussgesellschaft zum Mismatch geworden: Übergewicht bei Kindern ist ein verbreitetes Problem. Und das gilt auch für die Schwäche für Süßes. Natürlich war diese Verhaltensdisposition einmal ein überlebenswichtiges Lockprogramm, das dafür sorgte, dass Kinder nur die reifen, kalorienreichen Früchte aßen. Nur lockt es heute unsere Kinder eben weniger zu den reifen Heidelbeeren als zu Schokolade und noch stärkeren Zuckerhämmern. Eltern sollten sich hier nicht wirklich auf die Weisheit der Natur verlassen.

Teil zwei: mit welchen Tricks man Kinder dazu bringt, gesunde Lebensmittel zu essen

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