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Kinderpsychologie: Hunde als Therapeuten

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Wie Hunde emotional gestörte Kinder "therapieren"

28.11.2011, 15:13 Uhr | Kurt Kotrschal, Spiegel Online

Kinderpsychologie: Hunde als Therapeuten. Schon Freud erkannte die beruhigende Wirkung von Tieren auf seine Patienten. (Quelle: imago)

Schon Freud erkannte die beruhigende Wirkung von Tieren auf seine Patienten. (Quelle: imago)

Auf den Hund zu kommen kann auch eine segensreiche Sache sein, zumindest in der Psychotherapie. Ein Team um den Verhaltensforscher Kurt Kotrschal fand heraus: Die flauschigen Vierbeiner sind besonders für verschlossene Kinder ein sehr hilfreicher Co-Therapeut.

Tierische Begegnung mit Folgen

Eines Tages kam es in der Praxis des Kinderpsychologen Boris Levinson zu einer überraschenden Begegnung: Einer seiner Patienten - ein neunjähriger, extrem verschlossener Junge, der mit niemandem sprach - war zu früh zum Termin erschienen und traf in Levinsons Praxis dessen Hund Jingles. Sofort begann der Junge enthusiastisch mit dem Tier zu reden und zeigte sich auch im Verlauf der folgenden Sitzung ungewohnt offen und vertrauensvoll. Der Therapeut nahm den Golden Retriever von da an häufiger mit zur Arbeit. In seiner Publikation "Pet-oriented child psychology" von 1969 berichtet er von der verblüffenden Wirkung des Tiers auf seine jungen Klienten.

Ähnliche Berichte gab es schon vor Levinson. So soll Sigmund Freud seine Chow-Chow-Dame Jofie regelmäßig in Therapiesitzungen mitgenommen haben. Wie er feststellte, wirkte die Anwesenheit des Hundes beruhigend auf seine Patienten.

Tiere als "Türöffner" zum Unbewussten

Dass Menschen emotionale Beziehungen zu Tieren aufnehmen, ist der Evolution geschuldet: Weil unsere Stammesgeschichte kontinuierlich und nicht etwa sprunghaft verlief, teilen wir nicht nur physiologische und kognitive Mechanismen mit Hund und Katz, sondern auch Hirnstrukturen für soziales Verhalten. Außerdem sind Menschen auf Grund ihres langen Jäger-und-Sammler-Daseins "biophil". Mit diesem Begriff bezeichnete der US-amerikanische Biologe Edward Osborne Wilson bereits in den achtziger Jahren die Neigung des Homo sapiens, mit Tieren zusammenzuleben und ein beinahe instinktives Interesse an der Natur zu zeigen. Wie der Zoologe James Serpell etwa zur selben Zeit vermutete, können Tiere als "Türöffner" zum Unbewussten des Menschen und seinen Emotionen dienen.

Tiere werden zur Trauma-Therapie eingesetzt

Heute existieren viele Therapieformen, die auf die Hilfe von tierischen Co-Therapeuten setzen - trotz anfänglicher Spötteleien: Als Levinson 1961 auf einem Kongress von seinen Erkenntnissen berichtete, reagierten die anwesenden Psychologen skeptisch. Doch mit den Jahren kam die "Animal-Assisted Therapy" (tiergestützte Therapie) auch in Österreich und Deutschland immer häufiger zum Einsatz: in psychischen Einrichtungen, in Seniorenheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen.

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen die Wirksamkeit der Methode, sind aber noch verhältnismäßig rar. Janelle Nimer und Brad Lundahl von der University of Utah fassten im Jahr 2007 für eine Metaanalyse mehrere Studien zusammen und stellten fest, dass Tiere die Behandlung traumatisierter Patienten unterstützen können.

Hunde haben eine Stress mindernde Wirkung

Würden sich insbesondere Menschen mit Bindungsstörungen, denen der Umgang mit anderen Personen schwerfällt, Tieren gegenüber leichter öffnen können? Auf dieser Überlegung aufbauend, entwickelten Andrea Beetz, Henri Julius und ich eine kürzlich durchgeführte Studie. Wir untersuchten rund 80 Jungen mit unsicherem oder desorganisiertem Bindungsmuster in einer Situation, die mäßigen sozialen Stress hervorruft. Die Kinder waren zwischen sieben und zwölf Jahren alt und hatten größtenteils familiäre Gewalt, Verlust oder Vernachlässigung erfahren.

Nach einer Eingewöhnungsphase baten wir unsere Teilnehmer, in Gegenwart von zwei fremden Erwachsenen eine Geschichte zu Ende zu erzählen und Kopfrechenaufgaben zu lösen. Ein Drittel der Probanden erhielt Unterstützung durch einen freundlichen Erwachsenen. Die anderen Kinder bekamen dagegen Gesellschaft von einem Hund oder einem Stoffhund. Nach dieser Aufgabe durften sich die Teilnehmer eine Weile entspannen. Der Versuch dauerte knapp eine Stunde, und wir nahmen in dieser Zeit jeweils fünf Speichelproben von den Jungen, um die Konzentration des Stresshormons Cortisol zu bestimmen. Wir filmten zudem das gesamte Prozedere und werteten die Aufnahmen später detailliert aus.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Hund, kaum aber der Erwachsene oder der Stoffhund eine Stress mindernde Wirkung hatte. In Anwesenheit des echten Hundes hatten die Jungen abgesehen von einer anfänglichen Aufregung keine erhöhten Cortisolwerte. Auch in der anschließenden Entspannungsphase fanden wir bei dieser Gruppe wesentlich geringere Konzentrationen des Botenstoffs als bei den anderen Kindern.

Enormes therapeutisches Potenzial

Entscheidend war dabei das Ausmaß, in dem sich die Kinder mit dem Tier beschäftigten: Besonders entspannt waren die Probanden, die intensiv mit dem Tier sprachen oder es streichelten. Diesen starken Effekt hatte der Hund aber nur auf die unsicher oder desorganisiert gebundenen Jungen. Eine Kontrollgruppe sicher gebundener Kinder zeigte die größte Stresshormondämpfung im Beisein des Erwachsenen.

Offenbar können Hunde Menschen bei Stress ähnlich emotional unterstützen wie andere Personen. Bei Kindern mit Bindungsstörungen kann der Vierbeiner sogar effektiver Vertrauen schaffen als ein Erwachsener! In dieser Erkenntnis steckt ein erhebliches therapeutisches Potenzial. So könnten Hunde den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Therapeut und Patient beschleunigen. Der Einsatz der Vierbeiner wäre sowohl aus psychologischer als auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll, da er die Dauer der Therapie verkürzen könnte.

Weitere Untersuchungen sinnvoll

Dies gilt zudem wohl nicht nur für Kinder. Auch vielen erwachsenen Patienten fällt es leichter, sich im Beisein eines Hundes zu öffnen, wie etwa zwei jüngere Studien von Forschern der Berliner Charité zeigen. Die Wissenschaftler um Undine Lang ließen Patienten mit schwerer Depression eine halbe Stunde lang über ihre Erfahrungen mit Tieren und ihre Beziehung zu Hunden erzählen. Bei der Hälfte der Patienten befand sich dabei tatsächlich ein Hund im Raum.

Nach den 30 Minuten hatten sich in dieser Gruppe Angst und Stress deutlich verringert, während sich bei den Probanden ohne Beisein des Tiers kaum eine Veränderung zeigte. Ein Jahr später wiederholte das Team der Charité diese Untersuchung mit Schizophreniepatienten und kam zum selben Ergebnis: Waren Tiere anwesend, so milderte das die Angst der Betroffenen und trug merklich zu deren Entspannung bei.

All das spricht dafür, dass Sigmund Freud und Boris Levinson mit ihrer Tierliebe gar nicht so falsch lagen. Was sie zu ihrer Zeit bereits ahnten, scheint sich heute mehr und mehr zu bestätigen. So sollten Forscher tiergestützte Verfahren weiter intensiv untersuchen, damit sich die Methode möglicherweise als eigenständige Therapieform etablieren kann.

Dieser Text stammt aus "Gehirn & Geist", Ausgabe Dezember 2011

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