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Schluckimpfung ist süß - aber Kinderlähmung noch nicht ausgerottet

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Polio  

Kinderlähmung ist noch nicht ausgerottet

31.08.2016, 14:49 Uhr | Sophia Weimer, dpa

Schluckimpfung ist süß - aber Kinderlähmung noch nicht ausgerottet. Per Schluckimpfung wurde Kinderlähmung in Deutschland erfolgreich bekämpft. (Quelle: imago)

Per Schluckimpfung wurde Kinderlähmung in Deutschland erfolgreich bekämpft. (Quelle: imago)

"Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam": Diesen Slogan aus der Kampagne zur Polioimpfung dürfte die heutige Eltern- und Großelterngeneration noch kennen. Seit 50 Jahren gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine Impfung gegen Polio, in der ehemaligen DDR noch länger. Die Krankheit ist aber nicht ausgerottet.

Es hat plötzlich mit hohem Fieber angefangen, dann sind Nackenstarre und Atemlähmungen dazugekommen. Das kleine Mädchen kam in der Uniklinik Erlangen in die sogenannte Eiserne Lunge - eine Druckkammer, die die Beatmung des Patienten übernimmt. "Ich wurde tagelang beatmet, sonst wäre ich gestorben", sagt Carola Hiedl heute über den Ausbruch der Kinderlähmung. Sie war damals, 1952, drei Jahre alt. In der Bundesrepublik Deutschland wurde der erste wirksame Impfstoff gegen die Krankheit erst zehn Jahre später in Bayern verabreicht. Das war vor 50 Jahren am 5. Februar 1962.

Empörung über "Bonbons mit Polio-Viren"

Nach dem Ausbruch der Krankheit konnte sich Hiedl kaum noch bewegen. "So kleine Rollstühle gab es nicht, weshalb meine Eltern mich in einem Kinderwagen rumfahren mussten, da haben die Leute natürlich gelacht", erzählt sie. Wenige Jahre danach, im Frühjahr 1957, spritzten westdeutsche Ärzte einen ersten Polio-Impfstoff. Dessen Wirkung war aber umstritten, wie der "Spiegel" später berichtete. Als in der DDR 1961 die erste Schluckimpfung mit Lebendimpfstoff eingeführt wurde, waren Experten der Bundesrepublik kritisch. Mehr noch: Die Gesundheitsbehörden waren aufgeschreckt, als sie erfuhren, dass man im Osten "waggonweise" Bonbons mit abgeschwächten Polio-Viren verteilte, heißt es in dem Artikel von 1961.

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Schluckimpfung zeigt schnell Wirkung

Anfang Februar 1962 führte Bayern als erstes Land der Bundesrepublik den Lebendimpfstoff ein. Mit den Worten "Der Trunk schmeckt gut" leerte Bayerns Innenminister Alfons Goppel laut "Spiegel" das Zuckerwasser mit den abgeschwächten Viren. Die deutsche Kampagne unter dem Motto "Schluckimpfung ist süß - Kinderlähmung ist grausam" zeigte schnell Wirkung: Waren 1961 nach Angaben des Paul-Ehrlich-Institutes noch mehr als 4600 Menschen erkrankt, waren es 1962 nur etwa 290.

Kinderlähmung ist noch nicht ausgerottet

Von da an sanken die Zahlen auch in vielen anderen Ländern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) startete 1988 ein Programm zur Ausrottung der Kinderlähmung. Doch das Ziel "eine Welt ohne Polio" wurde bislang nicht erreicht. Vor allem Pakistan, Afghanistan und Nigeria bereiten den Experten Sorgen. Aus Indien wurde seit rund einem Jahr kein neuer Fall gemeldet. Zu einzelnen Ausbrüchen in anderen Ländern kommt es aber immer noch. Schuld sind vor allem zu geringe Impfraten. So gab es laut "Ärzte ohne Grenzen" 2010 in Tadschikistan mehrere hundert Fälle.

Schluckimpfung ist einfacher - birgt aber Risiken

Der Lebendimpfstoff wird in Deutschland seit 1998 nicht mehr eingesetzt. Ärzte spritzen heute den abgetöteten Erreger, da es Einzelfälle gab - bis zu drei im Jahr - bei denen das abgeschwächte Virus zum Ausbruch der Krankheit führte. Im Ausland ist das anders. "Für Massenimpfungen ist die Spritze schwierig", sagte der medizinische Verantwortliche bei "Ärzte ohne Grenzen", Sebastian Dietrich. Vor allem in Krisengebieten setze man weiter auf die Schluckimpfung. "Die hat die Vorteile, dass sie einfach zu verabreichen ist - auch wenn der Hygienestandard vor Ort nicht so hoch ist. Und man kann die Aktionen im Ausland gut durchführen, weil die Schulung des Personals viel einfacher ist."

Symptome der Kinderlähmung

Eine Therapie gibt es nicht. "Wenn wir Polio diagnostizieren, können wir nur hoffen, dass die Kinderlähmung nicht ausbricht", sagt Sebastian Dietrich. Denn nicht jeder, der sich mit Polio infiziert, bekommt die Kinderlähmung - das hängt auch von der körpereigenen Abwehr ab. Die ersten Symptome sind laut Sabine Diedrich vom Robert-Koch-Institut oft schwierig zuzuordnen und grippeähnlich. Nach ein paar Wochen komme es zu einem Fieberschub. "Danach folgt eine Meningitis mit Kopf-, Rücken- und Gliederschmerzen", sagt sie. Weitere Symptome in diesem Stadium sind Bewusstseinseintrübung, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit, Nackenstarre. Einige Tage später setze dann die Lähmung ein. Die Expertin rät, Kinder unbedingt gegen Polio impfen zu lassen.

Betroffene rät eindringlich zur Polio-Impfung

Carola Hiedl konnte erst ab dem Gymnasium in die Schule gehen - die Volksschule war nicht für Körperbehinderte geeignet. Dennoch schaffte sie das Abitur und studierte Psychologie. Sie appelliert an Eltern, ihre Kinder immunisieren zu lassen: "Mein Leben wäre mit Impfung ein komplett anderes gewesen."

Das Kinderkrankheiten-Lexikon bietet einen Überblick über die häufigsten Kinderkrankheiten. In den Artikeln werden Symptome, Behandlung und mögliche Folgen der Kinderkrankheiten erklärt. Eltern erfahren, bei welchen Anzeichen das Kind schnell zum Arzt muss und bei welchen Krankheiten auch Hausmittel helfen können. Sie finden auch die Information, ob und wie lange Kinderkrankheiten ansteckend sind. Manchen Kinderkrankheiten kann man durch Impfung vorbeugen. Einen Überblick über die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen bietet ergänzend unser Impfkalender
Wichtiger Hinweis: Die Informationen in diesem Kinderkrankheitenlexikon liefern Anhaltspunkte, können aber keinesfalls die Diagnose eines Kinderarztes ersetzen. Sicherheitshalber sollten Eltern auffällige Symptome bei ihrem Kind vom Arzt abklären lassen.

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