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Mandeloperation  

Wann die Mandeln wirklich raus müssen

12.09.2014, 11:29 Uhr | Nicola Menke, dpa-tmn

Mandeloperation: Wann die Mandeln wirklich raus müssen. Mandeloperation: Wie viele Infektionen sind normal? Wann müssen die Mandeln raus? Das fragen sich viele Eltern. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wie viele Infektionen sind normal? Wann müssen die Mandeln raus? Das fragen sich viele Eltern. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mandeln drin lassen oder herausnehmen? Vor dieser Entscheidung steht, wer wiederholt an eitrigen Mandelentzündungen leidet. Bei Kindern unter vier Jahren versuchen Mediziner, die Mandeln wegen ihrer Rolle beim Aufbau der Immunabwehr zu erhalten.

Die Gaumenmandeln spielen eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr. Manche bezeichnen sie daher als Barriere oder Schutzwall, andere als Pförtner. Doch wer häufig oder gar chronisch an einer Mandelentzündung leidet, dem fallen sie bald zur Last. Dann werden sie in der Regel entfernt. Grundsätzlich sind Mediziner dabei aber heute zurückhaltender als früher, insbesondere bei Kindern, deren Immunsystem noch nicht voll ausgereift ist.

Mandeln - Filter im Rachen

Die Mandeln, fachsprachlich Tonsillen genannt, sind das Herzstück des sogenannten lymphatischen Rachenrings. "Man könnte von einem Filter sprechen. Alles, was geschluckt oder durch den Mund eingeatmet wird, kommt an den Tonsillen vorbei, und die schädlichen Stoffe werden erkannt", erklärt Professor Werner Hosemann von der HNO-Klinik der Universität Greifswald.

Das Frühwarnsystem unter den Immunorganen

Tiefe Spalten durchziehen die Mandeln. Dadurch ist ihre Oberfläche vergrößert, es kommt zu intensivem Kontakt zwischen Viren, Bakterien oder Pilzen und den Immunzellen in den Mandeln. Letztere werden umgehend aktiv: Sie bekämpfen die Krankheitskeime und melden sie wie eine Art Frühwarnsystem an die anderen Immunorgane. "Darüber hinaus merken sie sie sich und tragen so zur Entwicklung des immunologischen Gedächtnisses bei - und damit auch zum Aufbau der körpereigenen Abwehrkräfte", erklärt der Immunologe Werner Solbach vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck.

Früher oft zu schnell entfernt

Doch manchmal machen die Mandeln auch Ärger: Häufige oder gar chronische Mandelentzündungen sind das spürbare Zeichen. Dann stellt sich die Frage, ob die Mandeln nicht besser herausgenommen werden sollten. "Früher wurden die Tonsillen tendenziell zu oft entfernt, heute ist das Gegenteil der Fall", erklärt Winfried Goertzen vom Landesverband Bayern des Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte.

Ausschlaggebend dafür ist nicht zuletzt die Befürchtung, der Mandelverlust könne das Immunsystem schwächen. "Tatsächlich trifft das nur zu, wenn operiert wird, bevor das immunologische Gedächtnis eines Menschen sich ausgebildet hat", erklärt Solbach.

Bei Kindern zurückhaltend operiert

Steht das immunologische Gedächtnis erst einmal - was im Alter von etwa sechs Jahren der Fall ist -, wirke sich eine Mandelentfernung nicht mehr auf die Abwehrfähigkeit aus. Dementsprechend ist es auch eine Altersfrage, ob operiert wird oder nicht: "Bei Kindern wird zurückhaltender operiert. Besonders, wenn sie unter vier Jahren sind, versucht man die Mandeln wegen ihrer Rolle beim Aufbau der Immunabwehr zu erhalten", sagt Goertzen. "Bei einem ausgereiften Immunsystem ist die Wächterfunktion der Gaumenmandeln nicht mehr so wichtig." Abgesehen davon lasse ihre Aktivität mit dem Alter nach und sie schrumpften.

"Wenn jemand ständig eitrige Infekte hat, die mit Fieber und Schmerzen einhergehen, ist eine Tonsillektomie dringend anzuraten", betont Hosemann. Nicht nur, weil die Dauerentzündung Körper und Immunsystem stark belaste, sondern auch wegen der Folgen, die sie nach sich ziehen kann. "Die Infektion kann sich im Halsgewebe ausbreiten, und es kann sich ein Peritonsillar-Abszess bilden, also eine Eiteransammlung im Gewebe", gibt er ein Beispiel. Die könne im schlimmsten Fall in die Blutbahn einbrechen und zu einer Blutvergiftung führen.

Dauerentzündungen sind gefährlich

Doch das ist nicht die einzige Gefahr. "Über das Blut können die Erreger wandern und Sekundärinfektionen verursachen", erklärt Solbach. Das reicht von relativ harmlosen wie einer Mittelohrentzündung bis hin zu gravierenden wie einer Herzklappeninsuffizienz. Ist das der Fall, gilt eine OP als unvermeidbar, ansonsten zählt die Entzündungsfrequenz: Obergrenze bei Kindern sind vier bis sechs, bei Erwachsenen drei schwere Infektionen pro Jahr. Sind es mehr oder halten sie über Monate an, raten die Fachleute zur Entfernung.

Risikoarmer Eingriff

Die Tonsillektomie ist ein risikoarmer Routineeingriff. In Einzelfällen kann es aber zu Nachblutungen kommen. Deshalb ist von einer ambulanten OP abzuraten. Außerdem gilt es, nach der OP einige Regeln zu beachten - etwa Anstrengung vermeiden und nicht zu scharf oder heiß essen. Bei Blutungen, die mehrere Minuten andauern, sollten Patienten ihren Arzt aufzusuchen.

Auch vergrößerte Mandeln sollten raus

Sind die Mandeln vergrößert, tendieren Experten ebenfalls zur Entfernung. "Wenn die Mandeln so groß sind, dass sie beim Atmen behindern, müssen sie raus", erklärt der Hals-Nasen-Ohrenarzt Winfried Goertzen. Denn ständige Luftknappheit kann zu Kopfweh, Dauermüdigkeit und eingeschränkter Leistungsfähigkeit führen.

Im Extremfall lebensbedrohlich

Lebensbedrohlich kann die Vergrößerung zum Beispiel werden, wenn die ohnehin engen Atemwege durch einen Infekt noch mehr zuschwellen oder die Zunge im Schlaf zurückfällt und es zur Komplettblockade des Rachen und Atemaussetzern kommt.

Bei Kindern unter acht Jahren ist alternativ zur Entfernung auch eine Mandelkappung möglich, erklärt Professor Werner Hosemann von der Uni Greifswald. Dies habe den Vorteil, dass Teile der Mandeln und damit auch ihre immunologische Funktion erhalten blieben. Voraussetzung für die Teilentfernung ist, dass die Kinder nicht an eitrigen Infekten leiden. Bei Erwachsenen ist sie keine Alternative, da ihre Mandeln schon so viele Keime gesammelt haben, dass bei ungünstiger Narbenbildung Bakteriennester entstehen können.

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