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Selektiver Mutismus: Warum Konrad (7) einfach nicht spricht

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Kinderpsychologie  

Selektiver Mutismus: Warum Konrad (7) einfach nicht spricht

31.08.2016, 15:32 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Selektiver Mutismus: Warum Konrad (7) einfach nicht spricht. Wenn Kinder nicht sprechen: Selektiver Mutismus könnte als Ursache dahinter stecken. (Symbolbild)  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wenn Kinder nicht sprechen: Selektiver Mutismus könnte als Ursache dahinter stecken. (Symbolbild) (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Konrad ist stumm. Nicht immer - aber immer wieder und in den immer wieder gleichen Situationen. Der Blick des Siebenjährigen wird dann starr, sein ganzer Körper wirkt wie eingefroren und über seine Lippen kommt kein Ton. Selektiver Mutismus heißt die Diagnose, die die Störung zwar nicht verständlicher werden lässt, ihr aber wenigstens einen Namen gibt.

Offiziell sind weniger als ein Prozent aller Kinder vom Selektiven Mutismus betroffen. Inoffiziell dürften es, so schätzen Experten, deutlich mehr sein. Zu finden sind sie in Gedankenschubladen mit der Beschriftung "Trotz", "Bockigkeit" oder "Schüchternheit". All diese Kinder leben mit den gleichen Etiketten, die auch Konrad immer wieder aufgedrückt bekommt. "Am schlimmsten finde ich eigentlich, dass man weiß, was andere denken. Viele halten ja auch nicht hinterm Berg damit", beklagt sich seine Mutter Sabine. "Das geht soweit, dass mir schon gesagt wurde, dass ich einfach nicht in der Lage wäre, den Jungen 'auf die Spur' zu bringen, oder noch schlimmer, er bräuchte nur mal eine gehörige Tracht Prügel, dann würde sich das Problem von allein lösen", erzählt sie. "Solche Sprüche würden einen ja schon bei einem normalen Trotzverhalten auf die Palme bringen. Wenn man aber weiß, dass das Kind nicht aus seiner Haut kann, unter dem Schweigen genauso leidet wie wir, dann wird es schwierig."

Zu Hause holen die Kinder das Versäumte oft nach

Dass ihr Kind nicht "aus seiner Haut" kann, das hat sie früh bemerkt, dass es leidet, auch. Aber dass es unter etwas leidet, das einen Namen hat, das wollte sie lange nicht wahrhaben. Auch der Umgebung fällt es schwer, zu glauben, dass der Junge, der zu Hause so aufgeweckt und offen ist, eine Störung hat, die nur in bestimmten Situationen auftritt und die auch peinlich werden kann. Denn wenn es ihm zu viel wird, verschwindet Konrad unter dem Tisch. Und schweigt dort weiter.

Verständnis ist dünn gesät

Konrads Vater, der nicht mit der Familie zusammenlebt und den Jungen nur gelegentlich sieht, hat für das "Theater", wie er es nennt, gar kein Verständnis. "Wie steh‘ ich denn da jedes Mal da?" Johann presst diesen Satz mehr durch seine Lippen, als dass er ihn ausspricht. "Mein Nachbar fragt ihn etwas und plötzlich wird der Junge zur Schaufensterpuppe. Schultern hochgezogen, kein Blickkontakt, das Gesicht starr wie eine Maske. So bockig kann man sich vielleicht aufführen, wenn man zwei ist, aber doch nicht in diesem Alter!" Was mit seinem Sohn wirklich los ist, will er nicht wahrhaben. "Wo ist denn der krank? Daheim hält er ja auch keinen Moment lang den Mund und quasselt, was das Zeug hält. Können tut er’s also. Was soll denn das dann?", erbost er sich.

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Je länger ein Kind nicht spricht, desto schwieriger wird es

Ein psychologisches Phänomen: Den Kindern verschlägt es die Sprache. Häufig fällt die Störung zum ersten Mal im Kindergarten auf. Denn es gibt zwar viele Kinder, die dort anfangs tage-, manchmal auch wochenlang nicht reden, schüchtern sind und weit davon entfernt, sich ins Getümmel zu stürzen. Aber irgendwann fangen sie an, sich zu öffnen. Doch solche wie Konrad bleiben geschlossen wie eine Muschel. "'Das wächst sich aus!' - ich weiß gar nicht, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe", stöhnt Sabine. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Je länger ein Kind in bestimmten Situationen nicht spricht, desto schwieriger wird es, ihm da wieder herauszuhelfen. "Die Kinder lernen die Rolle des Schweigenden, werden von außen immer mehr darauf fixiert und die anderen Kinder stellen sich erstaunlich schnell darauf ein", erklärt die Psychotherapeutin Gabriele Biegler-Vitek. Sie weiß aus Erfahrung: "Das Kind braucht Hilfe, wenn es lange nicht gesprochen hat. Die Rolle des Sprechenden muss dann erst wieder erarbeitet werden."

Die Kinder entwickeln ziemlich erfolgreiche Strategien

Auch Konrads Mutter hat nicht das Gefühl, dass "es" sich auswächst. Es scheint dem Jungen nur immer besser zu gelingen, sein Schweigen zu kompensieren. "Im Kindergarten hatte man am Anfang ganz viel Verständnis, aber irgendwann schien die Geduld am Ende." Und jetzt in der Schule? "Konrads Lehrer hat mir mal gesagt, er stelle ihm einfach nur noch sogenannte geschlossene Fragen, also solche, die er entweder mit einem Nicken oder einem Kopfschütteln beantworten kann. Dann würde es schon funktionieren." Freunde hat der Junge kaum. Eigentlich nur einen und der fungiert für ihn in schwierigen Situationen als Sprachrohr.

"Ich kann jemand zum Essen zwingen, wenn er Nahrung verweigert, aber zum Reden kann ich niemanden zwingen. Das wäre auch überhaupt nicht sinnvoll", bestätigt auch Biegler-Vitek. Stattdessen sei es besser, das Kind direkt auf sein Schweigen anzusprechen, in Form von "ich merke, es ist schwer, mir zu antworten. Vielleicht gelingt es ein anderes Mal."

Ist das Schweigen ein Schrei der Seele?

Viel weiß man noch nicht über den selektiven Mutismus. Man hat aber festgestellt, dass bei 75 Prozent der bekannten Fälle mindestens ein Elternteil unter Depressionen leidet. Fragt man nach, dann stellt sich oft sehr schnell heraus, dass es in der Familie schon öfter sehr scheue und zurückhaltende Menschen gab. "Während die Ursache mit hoher Wahrscheinlich eine genetische Disposition hat, kann man aber sagen, dass die aufrechterhaltenden Faktoren durch das erzieherische Verhalten der Eltern ganz stark beeinflusst werden", weiß Biegler-Vitek aus jahrelanger Erfahrung mit betroffenen Kindern. "Diese Eltern schwanken zwischen Mitleid mit dem Kind und einer durchaus verständlichen Aggression. Vor allem Mütter fixieren sich dann auf die Angst des Kindes, glauben, ihm zu viel zuzumuten. Sie brauchen Beratung, um zu verhindern, dass das Kind durch sein Schweigen die Rolle des Besonderen einnimmt. Beim selektiven Mutismus geht es um die Gratwanderung, das Kind zu fordern, aber nicht zu überfordern."

Nicht auf der Welle der Angst mit schwimmen

Selektiver Mutismus ist ein Symptom für Sozialangst. Eine Angst, aus der das Kind keinen anderen Ausweg kennt, als zu schweigen. Sich unsichtbar zu machen - oder besser: unhörbar. "Es ist wichtig, die Not und die Angst des Kindes ernst zu nehmen, aber es bringt nichts, mit der Angst mitzuschwimmen, wie es vielen Eltern oft passiert." Obwohl das Kind regelrecht Panik hat, im Mittelpunkt zu stehen, sich entscheiden zu müssen oder zu versagen, bringt es sich gerade durch das Schweigen immer wieder in schwierige Positionen.

Biegler-Vitek, die auch Psychodramatherapeutin ist, erklärt, welche außergewöhnlichen Rollen sich gerade diese Kinder suchen: "Entweder suchen sie sich eine sehr dominante Rolle oder sie wählen genau das andere Extrem. Die Rollen dazwischen müssen erst therapeutisch entwickelt werden." Zwei Extreme leben die Kinder auch im "richtigen" Leben aus: in bestimmten Situationen verschlossen wie eine Auster, zu Hause dafür extrem dominant. "Manche tyrannisieren ihre Familie regelrecht, vor allem ihre Mütter."

Netzwerke sind wichtig

Johanna Burda war als Kind selbst betroffen. Auch sie ist, genau wie vorher schon ihre Mutter, immer wieder mal unter dem Tisch verschwunden, wenn alles zu viel wurde. Heute ist sie Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin und engagiert sich im Verein Stillleben. Hier finden Ratsuchende Antworten auf ihre Fragen - auch hinsichtlich eines geeigneten Therapeuten. "Je kleiner ein Kind nämlich ist, desto leichter kann man es therapieren. Doch oft ist es schon schwer, einen Kinderarzt zu finden, der offen für das Thema ist und die Eltern nicht vertröstet." Die Art, wie die Kommunikationsstörung sich zeigt, ist sehr unterschiedlich. "Umso wichtiger ist das Bilden von Netzwerken - in Vereinen genauso wie im Privaten."

Ein Trauma scheint nur selten der Grund

"Ein schweigendes Kind löst häufig die Fantasie aus, dass etwas Furchtbares geschehen sein muss", schreibt die Logopädin und Psychotherapeutin Ornella Garbani Ballnik in ihrem Buch "Unser Kind spricht nicht". Doch nicht nur die Eltern suchen Erklärungen dafür, warum ihr Kind schweigt. "Im Zuge der gehäuften Informationen über Gewalt in Familien und sexuellen Missbrauch wird bei schweigenden Kindern auch an derartige traumatische Erfahrungen als Ursache gedacht. Es kann vorkommen, dass ein Kind aufgrund eines Traumas schweigt. Ein Trauma führt aber nicht unbedingt zum Schweigen."

Die Heilungschancen sind gut

Die Diagnose ist also nicht einfach. Die Störung wird häufig nicht erkannt, nicht oder falsch verstanden. Dabei sind die Heilungsaussichten recht gut, vorausgesetzt man greift früh genug ein. Doch, so viele Auslöser es für den selektiven Mutismus gibt, so viele Therapiemöglichkeiten gibt es auch. Ausprobiert hat Sabine noch keine, sie scheut sich nach wie vor, ihrem Kind das "anzutun", wie sie es nennt. "Es gibt in unserem Umfeld keine wirklichen Experten, was dieses Verstummen angeht. Man müsste hier und da probieren, schlimmstenfalls bekommt er irgendwann Medikamente - das will ich nicht. Das kann ja nicht ewig dauern, ich habe noch keinen erwachsenen Mann unterm Tisch sitzen sehen." Sie sitzt es also aus. Und Konrad? Der schweigt.

Das Kinderkrankheiten-Lexikon bietet einen Überblick über die häufigsten Kinderkrankheiten. In den Artikeln werden Symptome, Behandlung und mögliche Folgen der Kinderkrankheiten erklärt. Eltern erfahren, bei welchen Anzeichen das Kind schnell zum Arzt muss und bei welchen Krankheiten auch Hausmittel helfen können. Sie finden auch die Information, ob und wie lange Kinderkrankheiten ansteckend sind. Manchen Kinderkrankheiten kann man durch Impfung vorbeugen. Einen Überblick über die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen bietet ergänzend unser Impfkalender
Wichtiger Hinweis: Die Informationen in diesem Kinderkrankheitenlexikon liefern Anhaltspunkte, können aber keinesfalls die Diagnose eines Kinderarztes ersetzen. Sicherheitshalber sollten Eltern auffällige Symptome bei ihrem Kind vom Arzt abklären lassen.

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