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Frühchen: Die Langzeitfolgen einer Frühgeburt

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Frühchen  

Sie waren Frühchen und sind es noch: Die Langzeitfolgen einer Frühgeburt

19.05.2014, 10:29 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Frühchen: Die Langzeitfolgen einer Frühgeburt. Die Folgen einer zu frühen Geburt machen oft noch viele Jahre später den Alltag schwierig. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die Folgen einer zu frühen Geburt machen oft noch viele Jahre später den Alltag schwierig. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Etwa jedes zehnte Kind in Deutschland kommt zu früh zur Welt. Mittlerweile überleben selbst unreifste Frühchen. Sie haben zum Teil nur etwas mehr als 20 Wochen, die Hälfte der normalen Schwangerschaftszeit im Mutterleib verbracht. Die Folge sind häufig gesundheitliche Defizite, die die Kinder lange einschränken. Ein unreifer Start ins Leben kann auch erhebliche Auswirkungen auf die geistige und seelische Entwicklung haben und sich in späteren Jahren beispielsweise nachteilig auf das Schul- und Sozialleben auswirken. Das haben internationale Langzeitstudien mittlerweile nachgewiesen.

Die Fortschritte in der Therapie von Frühchen sind zweifellos enorm: Durch ausgeklügelte intensivmedizinische Betreuung konnte die Grenze des Geburtsgewichts immer weiter nach unten verschoben werden. Dabei zählte zunächst vor allem der Erfolg, einem Frühchen überhaupt den Weg ins Leben geebnet zu haben. Welche Qualität dieses Leben aber im weiteren Verlauf, vor allem während der Schulzeit und Pubertät hat, war lange für die Forschung nur von untergeordnetem Interesse. Man wusste dementsprechend wenig über die Langzeitfolgen einer Frühgeburt.

Die kognitive und seelische Entwicklung ist häufig gestört

Erst in den letzten Jahren setzten sich verschiedene internationale Langzeitstudien mit der Thematik auseinander. Zu den wichtigsten gehört die britische Epicure Studie, die der deutsche Entwicklungspsychologe Dieter Wolke von der University Warwick leitete. Flächendeckend wurden dabei alle Frühchen nachuntersucht, die 1995 nach 26 Schwangerschaftswochen und weniger auf Neonatalstationen in Großbritannien und Irland geboren wurden. Das Fazit der Forschungen, die sich vor allem auf kognitive Leistungen und die emotionale und soziale Entwicklung der Frühgeborenen bezieht, ist ziemlich ernüchternd. Zum Beispiel tauchten bei Frühchen öfter Probleme bei den mathematischen Fähigkeiten auf - vor allem bei logisch abstrakten Aufgabestellungen, bei denen gleichzeitig eine Vielzahl von Informationen verarbeitet werden müssen, um eine komplexen Rechengang durchzuführen.

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Studie: Je kürzer die Schwangerschaft desto niedriger ist der IQ

Außerdem fand das Team um den Entwicklungspsychologen heraus, dass Frühchen zweimal häufiger unter Aufmerksamkeitsstörungen leiden als Normalgeborene, drei bis viermal häufiger Angst- und Depressionsstörungen haben, introvertierter sind, weniger von ihrem sozialen Umfeld wahrgenommen werden, oftmals einen sehr verhaltenen Umgang mit sozialen Beziehungen haben und im Schnitt öfter Opfer von Mobbing werden.

Zudem, so fasste der renommierte Wissenschaftler seine Erkenntnisse in einem Vortrag beim Landesverband "Früh-und Risikogeborene Kinder Rheinland Pfalz e.V." zusammen, sei auch der IQ der betroffenen Kinder von ihrer Reife bei der Geburt abhängig. Jede Woche weniger Zeit im Mutterleib beeinträchtige die Entwicklung des Gehirns und bedeute einen Verlust von 0,3 IQ-Punkten, vor der 33. Woche sogar einen Verlust von 2,7 IQ-Punkten.

Defizite werden vor allem im Schulalltag deutlich

Auch die 21-jährige Maike und die 17-jährige Melissa, beide sehr früh geborene Schwestern, haben heute mit Defiziten zu kämpfen, obwohl sie bereits im Kleinkinderalter in der Sendung "Stern TV" als medizinische Wunder gefeiert wurden, weil sie sich augenscheinlich - insbesondere körperlich - normal und gut entwickelten. Spätestens als die beiden in die Schule kamen, begannen die Probleme.

Die Mädchen lernten deutlich langsamer als Gleichaltrige, kämpften mit Mathematik und Rechtschreibung und fühlten sich bald unzulänglich, klein und unterlegen, "fast wie behindert", wie ihre Mutter in einem Hörfunkbeitrag des Hessischen Rundfunks berichtet. Diese Entwicklung setzte sich in der Pubertät fort. Vor allem bei der älteren Schwester Maike. Sie wurde immer schlechter in der Schule und zog sich zunehmend zurück, weil sie sich nicht als vollwertig fühlte und sich selbst in Frage stellte. Mit 16 schließlich bricht sie zusammen und versucht sogar sich das Leben zu nehmen. Ihre schweren Depressionen wurden danach in einer Klinik behandelt.

Frühchen 
Eine Hand voll Leben auf der Frühchenstation

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Frühchen sind oft hochsensibel

Im Radiointerview erzählt die junge Frau, dass sie immer gespürt habe, dass sie die Welt offenbar sensibler als andere wahrnehme, weil sie alle Eindrücke und Schwingungen extrem intensiv empfinde und aufsauge und sie sich deshalb umso mehr die Dinge zu Herzen nehme, sei es im schulischen und familiären Kontext oder bei Freundschaften und der ersten Liebe. So konnte sie ihre Gefühle nur schwer verarbeiten und kanalisieren, so dass ihre Verletzbarkeit noch zusätzlich verstärkt wurde. All das schreibt sie ihrer viel zu frühen Geburt zu.

Der Entwicklungspsychologe Wolke stützt diese Ansicht: Er vermittelt in seiner Studie, dass die häufigen emotionalen und psychischen Probleme von Frühchen damit zu tun haben, dass sie aufgrund ihrer Gehirnentwicklung unfähig sind, verschiedene Informationen, die auf sie einprasseln, gleichzeitig zu verarbeiten und dabei Prioritäten zu setzen. Außerdem fällt es ihnen schwer, Emotionen anderer zu ergründen und zu deuten. 

Frühchen meiden den Vergleich mit Gleichaltrigen

Dass sie anders sind als Gleichaltrige, bekommen Frühchen vor allem mit Beginn des Schullebens zu spüren. Dann stellen sie schnell fest, dass sie häufig langsamer und schlechter lernen und so hinter ihren Klassenkameraden zurückstehen. Das führe dazu, dass die betroffenen Kinder beispielsweise bestimmte Strategien entwickelten, um dem Vergleich mit ihren Altersgenossen zu entgehen, erklärt Katarina Eglin vom Bundesverband "Das frühgeborene Kind" e.V.: "Sie verbringen ihre Zeit deshalb oftmals bevorzugt mit deutlich jüngeren oder älteren Kindern oder mit Erwachsenen. So können sie sicher sein, dass sie sich nicht messen und mit jemandem in Konkurrenz stehen müssen. Und beim Zusammensein mit Kleineren können sie sogar ein Gefühl der Überlegenheit ausleben."

Das Stigma "Frühchen" verarbeiten die Kinder unterschiedlich

Für das Schulleben hat dies zur Folge, dass frühgeborene Kinder schnell zu Außenseitern werden können. Die Initiative sich abzuschotten, ginge da aber in den meisten Fällen von den Frühchen aus, so die Expertin weiter. Sie vermieden so gezielt die schmerzliche Erfahrung, möglicherweise vor der Gruppe nicht bestehen zu können.

Das Selbstwertgefühl der Kinder wird auf diese Weise dauerhaft auf eine harte Probe gestellt, zumal sich auch der Alltag der Frühchen durch eine ganze Palette von langwierigen Therapieprogrammen wie etwa Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie häufig um ihre Defizite dreht - ein allgegenwärtiges Stigma, das die Kinder aber unterschiedlich verarbeiten: "Die Jungs kompensieren das oftmals dadurch, dass sie auch laut und aufgedreht sein können und in der Schule dann in die Rolle des Klassenclowns schlüpfen", erläutert Eglin. "Die Mädchen fressen dagegen ihren Kummer eher in sich hinein, sind traurig und depressiv. Das kann so weit gehen, dass sie sich hassen und komplett ablehnen. Nicht selten sind sie in der Folge von Magersucht oder selbstverletzendem Verhalten, wie etwa dem sogenannten Ritzen, betroffen."

Die Sorgen der Frühchen-Eltern bleiben

Für die Eltern, die so lange für das Leben ihres Nachwuchses gekämpft haben, ist es schwer zu ertragen, wenn ihre Kinder unglücklich sind und darunter leiden, dass sie Frühchen sind. So nagen an den Väter und Müttern oftmals noch viele Jahre nach den bangen Wochen auf der Frühgeborenen-Intensivstation Ängste und Zweifel.

Auch die Mutter von Melissa und Maike kennt die ständige Sorge um ihre Töchter und sie weiß, dass die geburtsbedingten Entwicklungsstörungen und Defizite eben nicht schon nach wenigen Jahren in der frühen Kindheit ausgestanden sind. Deshalb frage sie sich bei allem, was ihre heute erwachsenen Töchter an Problemen und Schwierigkeiten meistern müssten: "Ist das so, weil sie zu früh geboren wurden?" Sie mache sich zudem Selbstvorwürfe, dass sie ihre Kinder über all die Jahre vielleicht zu sehr behütet und begluckt habe und ihnen aufgrund ihrer Lebensgeschichte zu wenig zutraute - immer in dem Bewusstsein, dass den Winzlingen in der ersten schweren Zeit der Schutz und die Geborgenheit des Mutterleibes fehlte und damit, so die Überzeugung der Mutter, auch das unerschütterliche Urvertrauen in die Welt.

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