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Betroffene Familie erzählt  

Johannes nahm schon mit zwölf Drogen

04.08.2014, 12:22 Uhr | Anja Speitel; Carola Engler, t-online.de

Drogen: Johannes nahm schon mit zwölf Drogen. Wenn das eigene Kind Drogen nimmt, bricht für die Eltern oft eine Welt zusammen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wenn das eigene Kind Drogen nimmt, bricht für die Eltern oft eine Welt zusammen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mindestens ein Prozent aller Deutschen konsumiert regelmäßig Cannabis. Von harten Drogen wie Heroin oder Kokain sind etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung abhängig. Und man schätzt, dass über fünf Prozent der Bundesbürger ihren Alkoholkonsum nicht kontrollieren können. Klingt eigentlich wenig. Doch wenn das eigene Kind in die Drogenfalle gerät, ist das eine Katastrophe für alle Beteiligten. Eine betroffene Familie erzählt ihre tragische Geschichte - mit einem Happy End nach 13 Jahren. 

Johannes ist ein Sonnenschein - und gleichzeitig ein Sorgenkind: Schon mit zwölf nahm er das erste Mal Drogen. Später schwänzte er die Schule, brach mehrere Lehrstellen ab, wurde in Schlägereien verwickelt und mehrfach beim Dealen erwischt. Es folgten etliche Therapien und immer wieder Rückfälle. Dennoch ist er heute, mit 25, stabil und arbeitet erfolgreich in seinem Traumberuf.

Der Junge hatte von Anfang an kein leichtes Leben

Sein Vater Dirk Schmit* aus München erzählt: "Woran es lag, weiß ich nicht genau. Er war ein absolut lieber Junge. Aber Johannes musste viel mitmachen: Wir zogen wegen meines Berufes viel um, als er klein war; das hat ihn gestresst. Außerdem wurden wegen einer Fehlstellung seine Füßchen viele Monate lang eingegipst. Das war schrecklich für ihn und er hatte oft große Schmerzen, auch danach. Er lief lange nur auf Zehenspitzen, weil es ihm sonst zu weh tat. Im Kindergarten galt er als auffällig: Er hatte ein Sprachproblem entwickelt, da er wegen seiner Fußschmerzen oft am Schnuller nuckelte. Wir gingen mit ihm zum Logopäden und es wurde besser. Trotzdem empfahl man uns dringend, den Kleinen lieber in eine Sonderschule zu geben. Heute denke ich, dass das die erste falsche Entscheidung von vielen darauf folgenden war. Aber wir meinten es gut."

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Johannes fühlte sich ausgegrenzt

Dass sein Vater die Entscheidung für die Sonderschule so einschätzt, bestätigt Johannes*: "Wir lebten inzwischen in einem Dorf im Allgäu. Jeder kannte jeden. Alle anderen Kinder durften mit dem Schulbus in die normale Schule fahren. Nur ich wurde separat abgeholt. Das fühlte sich fürchterlich an. Meine Schule fand ich schlimm, es hat mich gelangweilt und gleichzeitig überfordert. Gute Freunde fand ich da nicht, die waren alle ziemlich seltsam drauf, einige sogar schwer behindert. Noch dazu war mein sechs Jahre älterer Bruder der absolute Überflieger. Der hat ständig Bestnoten heimgebracht. Wir haben uns zwar immer super verstanden, aber ich fühlte mich ihm unterlegen: Ich war langsamer, ich war ungelenker, kleiner, ich war schlechter in der Schule. Ich gehörte einfach nirgendwo dazu."

Die Eltern waren überfordert

Als er zwölf wird, versucht Johannes sich Freundschaften und Erfolgserlebnisse zu erkaufen und klaut deswegen einen Geldbeutel. "Die Polizei stand plötzlich vor der Tür", erinnert sich seine Mutter Ida*. "Das war schrecklich. Zudem hatten wir sowieso schon finanzielle Sorgen und enormen Stress im Beruf. Ich brauchte immer höhere Dosen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln."

Früher hatte sie diese Medikamente nur ab und zu geschluckt: "Ich bin da so reingerutscht. Wir lebten wegen des Berufs meines Mannes ein paar Jahre auf Mallorca. Ich sprach kein Spanisch, hatte kaum Freunde dort. Die Kinder waren noch klein - und anstrengend. Für alle anderen sah es wie ein Traum aus: Leben auf der Insel, Strand, Sonne. Für mich war es oft die Hölle. Ich war einsam und unglücklich. Um zu funktionieren nahm ich immer öfter Beruhigungsmittel. Und als Johannes abgerutscht ist, hab ich halt wieder zum Bewährten gegriffen, um das Leben wenigstens einigermaßen zu ertragen. Ich weiß, dass das keine Lösung ist, aber das redet sich so leicht."

Auch Johannes' Vater gleitet in Depressionen ab: "Schon seit meiner Jugend leide ich an einer bipolaren Störung: himmelhochjauchzend - zu Tode betrübt. Mit Psychopharmaka hatte ich das ganz gut im Griff. Doch damals bekam ich erneut schwere Schübe, musste meine Medikation ändern. Das half jedoch nichts, die Verzweiflung, die Selbstvorwürfe, die panische Angst blieben."

Den ersten Joint rauchte Johannes mit zwölf

Die Eltern wussten irgendwann nicht mehr weiter und schicken ihren jüngsten Sohn auf Anraten der Ärzte schweren Herzens in ein betreutes Wohnheim. "Dort war es echt Scheiße", erinnert sich Johannes. "Und dort habe ich angefangen zu kiffen, mit zwölf. Aber dadurch gehörte ich endlich dazu, hatte ich wenigstens ein paar Freunde. Trotzdem wollte ich unbedingt raus da, ich wollte heim."

Nach zwei Jahren kommt Johannes wieder nach Hause. Er schließt die Schule mit Ach und Krach ab und beginnt eine Bäckerlehre. Die schmeißt er jedoch nach eineinhalb Jahren wegen seelischer und körperlicher Probleme sowie Zerwürfnissen mit dem Meister. Johannes beginnt die nächste Lehre, bricht diese ebenfalls bald wieder ab und so weiter. Insgesamt sieben verschiedene Ausbildungsstellen hält er nicht durch. Johannes ist inzwischen dünnhäutig geworden, kann sich schlecht konzentrieren, hängt lieber mit Freunden rum, kifft inzwischen täglich, nimmt auch mal andere Drogen wie Ecstasy, Magic Mushrooms, LSD.

Sich ausprobieren müssen ist für Jugendliche normal

Für jede Mutter und jeden Vater ist es eine Horrorvorstellung, dass der geliebte eigene Sprössling in den Drogensumpf geraten könnte. Doch viele Jugendlichen probieren weiche Drogen wie beispielsweise Cannabis. Gleich ein Grund zur Sorge? "Nein," meint Siegfried Gift, Abteilungsleiter der Suchthilfe von Condrobs München. "Grenzen überschreiten, mal etwas Verbotenes tun, den Erfahrungshorizont erweitern, all das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Davon wird man normalerweise nicht suchtkrank." Der Fachmann rät dazu, lieber ein offenes Ohr und ein weites Herz für alle Erfahrungen, Träume und Ängste seines Teenagers zu haben, statt in Panik zu verfallen oder gar mit Strafen zu drohen. Denn: "Eine liebe- und verständnisvolle Kommunikation ist die allerbeste Suchtprävention."

Wann Eltern Hilfe von außen brauchen

Falls allerdings der Verdacht auf problematischen Konsum besteht, massive Verhaltensänderungen auftreten, ein Gespräch nicht möglich ist oder zu nichts führt, sollten sich Eltern nicht scheuen, Hilfe beim Jugendamt oder einer anderen Beratungsstelle zu suchen. "Viele Eltern warten zu lange, weil sie sich schämen und Angst haben, dass man ihre Erziehungskompetenz anzweifelt. Dabei wollen die Mitarbeiter dieser Institutionen nur eines: Helfen! Das können und das tun sie auch", sagt Gift.

Ebenso rät er allen Müttern und Vätern, die von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt sind, selbst therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. "Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortungsbewusstsein und Stärke."

Johannes fällt der Polizei immer wieder auf

Johannes geriet durch seinen Drogenkonsum immer mehr in die entsprechende Szene und wurde in Schlägereien verwickelt. Zudem erwischte ihn die Polizei mehrfach beim Verkauf von Marihuana: "Ich hab nie viel verkauft, nur wenige Gramm alle paar Monate im Auftrag von Freunden", sagt Johannes. "Blöderweise wurde ich halt öfter dabei geschnappt. Und klar verpfeife ich dann meine Freunde nicht, sondern nehme das auf meine Kappe." Jedes Mal kam er mit Bewährungsstrafen davon.

Unterstützung von Eltern und Bewährungshelfern

"Ich hatte gute Bewährungshelfer", erinnert sich Johannes. "Meine Eltern und mein Bruder haben mir da auch immer toll zur Seite gestanden." Johannes wird sich langsam bewusst, dass er sein Leben vergeigt, wenn er so weiter macht. Er zieht sich von seinen drogenabhängigen Freunden zurück, geht freiwillig in verschiedene Therapien, sogar stationär.

"Die ideale Therapie gibt es leider nicht", weiß Gift. "Für jeden ist etwas anderes hilfreich." Sowohl Angehörigen wie auch Suchtbetroffenen rät der Experte, sich auch im Internet zu informieren. "Es gibt unzählige Foren, wo man - auch anonym - seine Erfahrungen berichten, sich seine Probleme von der Seele reden und Empfehlungen geben kann."

Johannes glaubte trotz allem an seine Träume

Der Rückhalt der Familie, Therapien und die Betreuung durch Bewährungshelfer bestärkten Johannes, sich niemals aufzugeben. Er will seine Träume verwirklichen. Er ist jetzt, mit guten 25, auf einem guten Weg: Vor zwei Jahren ist er zu Hause ausgezogen, lebt nun in Köln und arbeitet mit Begeisterung als Visagist, seinem Traumberuf. Er hat die Drogensucht in den Griff bekommen: "Ich kiffe schon manchmal am Wochenende, einfach so, zum Spaß oder um runter zu kommen. Andere trinken halt Bier dafür. Komischerweise wird das weder geächtet noch geahndet bei uns - obwohl ich finde, dass Alkohol weitaus schlimmer zudröhnt, als ein Joint."

Das Fazit von Vater Dirk lautet: "Johannes ist ein hochsensibler, sehr intelligenter und überaus freundlicher Junge. Fast schon zu freundlich. Deswegen gerät er auch immer in so seltsame Situationen. Er ist naiv. Ida und ich machen uns oft noch Vorwürfe, weil wir vielleicht was falsch gemacht haben in seiner Kindheit und Jugend. Aber wir konnten ja nicht anders. Wir wollten immer nur das Beste. Wir lieben Johannes und sind sehr stolz, dass er seinen schwierigen Weg so genial gemeistert hat. Heute haben wir eine sehr enge Beziehung zueinander. Wir reden über alles - zumindest über fast alles. Das ist schon Gold wert."

* alle Namen der Familie von der Redaktion geändert

Weitere Infos: www.condrobs.de

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