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Behinderte Geschwister: Kinder in der zweiten Reihe

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Jeni (14) hat einen autistischen Bruder  

Manchmal "möchte ich ihm den Kopf abreißen"

29.03.2015, 13:01 Uhr | Valentin Frimmer, dpa

Behinderte Geschwister: Kinder in der zweiten Reihe. Die 14-jährige Jeni (li.) mit ihrem autistischen Bruder Kevin: Beim Reiten steht endlich einmal sie im Mittelpunkt. (Quelle: dpa/Ole Spata)

Die 14-jährige Jeni (li.) mit ihrem autistischen Bruder Kevin: Beim Reiten steht endlich einmal sie im Mittelpunkt. (Quelle: Ole Spata/dpa)

Behinderte oder chronisch kranke Kinder verlangen von den Eltern fast permanent die volle Aufmerksamkeit. Der gesamte Alltag dreht sich beinah ausschließlich um sie. Ihre Brüder und Schwestern gehen dabei leicht unter, stehen fortwährend in der zweiten Reihe. Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland haben behinderte oder chronisch kranke Geschwister. Die 14-jährige Jeni ist ein solches Geschwisterkind. Und so sehr sie ihren autistischen Bruder Kevin auch liebt: "Es gibt Situationen, da möchte ich ihm den Kopf abreißen."

Kevin fetzt von der Mama zur Tür, von der Tür zum Papa und wieder zurück. Der blonde 12-Jährige ist ruhelos, immer in Bewegung und unterbricht scheinbar ungeniert alle Gespräche. Es ist kaum möglich, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, als auf den herumtigernden Jungen. Kevin ist Autist und entwicklungsverzögert. Sein größtes Hobby sind Verschlüsse. "Kevin hat einen Korkenfetisch", sagt seine Pflegemutter Birte Schütte und lacht. Doch um Kevin soll es in dieser Geschichte nicht gehen. Sondern um seine nicht-behinderte Schwester Jeni.

Zwei Millionen Kinder haben behinderte oder kranke Geschwister

Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland haben behinderte oder chronisch kranke Brüder und Schwestern, schätzt die Stiftung Familienbande, die von einem Pharmakonzern finanziert wird und Angebote für die gesunden Geschwisterkinder unterstützt. Das ist wichtig, denn allzu oft spielen sie im Familienalltag nur die zweite Geige. "Man kann sich nicht zerteilen", erklärt Birte Schütte, die Mutter von Kevin und der 14-jährigen Jeni.

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Um nicht immer die Nummer Zwei zu sein, geht Jeni Freitags reiten. "Da habe ich was für mich, wo ich Spaß habe", sagt sie. Ihre Eltern fahren sie dann zu einem Reit- und Therapiezentrum in Braunschweig. Das "Geschwisterkinder Netzwerk", das an der Medizinischen Hochschule Hannover angesiedelt ist, baut hier einen speziellen Stützpunkt für solche Kinder auf. Endlich stehen einmal sie im Mittelpunkt. Es gibt geschulte Reitlehrer, die Eltern bekommen Infos zu Beratungs- und Freizeitangeboten an die Hand. "Was für andere Yoga ist, ist für mich das Pferd", sagt Jeni. Cinderella heißt es, ist pechschwarz, riesig und folgt brav Jenis Anweisungen.

Geschwisterkinder im Zwiespalt ihrer Gefühle

Jenis Mutter gerät ins Schwärmen, wenn sie davon redet, wie sich ihre Tochter um den Bruder kümmert - zum Beispiel, wenn die beiden Geschwister abends alleine zu Haus sind. "Dann macht sie für ihn Abendbrot und bringt ihn ins Bett."Das größte Problem von Geschwisterkindern sei es, dass sie scheinbar keine Probleme haben. "Sie funktionieren im Alltag", sagt Claudia Heins von der Stiftung Familienbande. Die jungen Menschen seien gezwungen, mehr das "Wir" zu sehen und weniger das "Ich". Das kann Geschwisterkinder fürs Leben stärken.

Allerdings könne die besondere Rolle auch widersprüchliche Gefühle hervorrufen. "Sie lieben ihren Bruder oder ihre Schwester, aber manchmal sind sie schlicht neidisch, wütend oder fühlen sich ungerecht behandelt." Diese Emotionen habe ein Kind zwar auch bei gesunden Geschwistern, sagt Heins. "Gegenüber behinderten oder chronisch kranken Geschwistern mischen sich diese Gefühle aber häufig mit einem schlechten Gewissen und der Frage: 'Darf ich überhaupt wütend sein?' Dieses Gefühlschaos ist oft schwer zu verarbeiten."

"Es gibt Situationen, da möchte ich ihm den Kopf abreißen"

Jeni gibt sich tapfer, wenn man sie nach ihrer Rolle als Geschwisterkind fragt. "Das mit dem Benachteiligt-Sein ist nicht immer so", sagt sie. Aber manchmal hätten die Eltern eben keine Zeit, weil sie sich um ihren Bruder Kevin kümmern müssen. Doch sie gibt auch zu: "Es gibt Situationen, da möchte ich ihm den Kopf abreißen."

Spezielle Angebote für Geschwisterkinder gibt es nicht überall

Zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen, kann für Geschwisterkinder negative Konsequenzen haben, weiß Birgit Möller, Psychologin am Universitätsklinikum Münster. "Besonders, wenn die Kinder mit ihren Ängsten alleine und überfordert sind." Dann kann es unter Umständen zu Verhaltensauffälligkeiten, Schlafproblemen oder Traurigkeit kommen.

Doch nicht alle Geschwisterkinder belastet ihre Situation gleich, betont Möller. Es komme darauf an, wie offen eine Familie mit dem Thema umgeht und ob genug Raum für das nicht-behinderte Kind bleibt. Auch spezielle Gruppenfreizeiten können helfen. "Die Kinder sehen, dass sie nicht alleine sind", sagt Möller. Oft gebe es Angebote für Geschwisterkinder und ihre Eltern aber nur in Ballungsgebieten. "Da gibt es noch einen Nachholbedarf."

Jeni hat ihren Freiraum immer freitags auf dem Reiterhof. Regt es sie eigentlich manchmal auf, dass ihr Bruder so oft im Mittelpunkt steht? "Ja", schießt es prompt aus ihr heraus. Um sie herum wuselt Kevin schon wieder und möchte jetzt ganz dringend über den bevorstehenden Stadtlauf sprechen. Der Vater konstatiert: "Das ist Normalzustand."

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