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Bulimie und Magersucht: Emma kämpft gegen ihre Essstörung an

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Therapie von Essstörungen  

Gramm für Gramm kämpft Emma gegen die Magersucht an

07.08.2015, 08:20 Uhr | Jörg Schurig, dpa

Bulimie und Magersucht: Emma kämpft gegen ihre Essstörung an. Magersucht: Ein kleiner Teller Nudeln wird zu einer großen Herausforderung, wenn Magersüchtige in einer Therapie wieder normales Essverhalten lernen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ein kleiner Teller Nudeln wird zu einer großen Herausforderung. Magersüchtige müssen in einer Therapie wieder normales Essverhalten lernen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Unser Kind hat Magersucht. Für Eltern ist diese Erkenntnis ein Schock. Sie sind überfordert, fühlen sich oft schuldig und haben Angst, dass ihnen das Kind vor vollen Tellern verhungert. Meistens hilft nur eine professionelle Therapie, um die Essstörung zu überwinden. Die zwölfjährige Emma lernt in 100-Gramm-Schritten, steigendes Körpergewicht zu akzeptieren und wieder normal zu essen.

Emma ist ein hübsches Mädchen und zählt auf dem Gymnasium zu den Besten in ihrer Klasse. Sie wirkt wie ein unbeschwertes Kind an der Schwelle zum Teenager. Doch da ist die heimliche Angst vor der Waage. Die gibt jede Woche an, wie es um Emma steht. Das Mädchen leidet seit rund zweieinhalb Jahren an Magersucht. An einen konkreten Auslöser kann sie sich nicht erinnern - oder sie verschweigt ihn.

"Emma hatte kein Problem mit ihrer Optik", glaubt ihre Mutter. Mit einem Geburtsgewicht von mehr als 4000 Gramm und auch später sei sie ein "kerniges Kind" gewesen. In der Schulzeit hätten sich Probleme eingestellt: "Vielleicht war das stressbedingt. Emma ist eine Perfektionistin, will immer gute Leistungen bringen und hat sich möglicherweise zu sehr unter Druck gesetzt."

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"Angst, dass mein Kind verhungert"

Im Herbst 2012 war der Mutter klar, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt. "Anfangs will man das nicht wahrhaben. Man denkt, das sind Flausen, die gehen auch wieder weg." Zunächst habe sie mit ihrem Mann das Problem allein zu lösen versucht: "Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man nicht mehr kann. Ich habe nachts davon geträumt und bekam Angst, dass mein Kind verhungert." Die Kinderärztin erkannte die Erkrankung nicht. "Wir hatten uns eine Grenze gesetzt: Wenn Emma bei 28 Kilogramm anlangt, muss sie in die Klinik", erzählt die Mutter, die zwei weitere Töchter hat.

Der Punkt war schnell erreicht. Das Mädchen kam als Notfall auf die Spezialstation für Essstörungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Dresdner Uniklinikum. Elf Wochen blieb sie auf der Station. In den ersten eineinhalb Wochen musste sie viel ruhen, dann begann eine Verhaltenstherapie.

Handy gegen Kilos

"Ständiges Gedankenkreisen um Themen wie Essen und Gewicht sowie ständiger Bewegungsdrang sind oft quälend für die Betroffenen und ihre Familien. Deswegen helfen wir bei vielen Entscheidungen oder machen auch Vorgaben", erklärt Klinikchef Veit Roessner. Damit sich die Patienten auf die Therapie konzentrieren können, gibt es Regeln: Ein Handy oder freien Ausgang gibt es nur bei steigendem Gewicht.

Die Mädchen und Jungen sollen mindestens 700 Gramm pro Woche zunehmen, aber nicht mehr als 1,5 Kilo. Dann bekommen sie Schritt für Schritt mehr Verantwortung, etwa bei der Auswahl der Essensportionen. Wenn eine bestimmte Gewichtsgrenze erreicht ist, kommt auch wieder Sport dazu. Die Unterstützung der Gruppe hilft. "Eine gute Gruppendynamik wirkt manchmal Wunder", sagt Roessner.

Nach der Station begann für Emmas Familie eine Gruppentherapie in der Familien-Tagesklinik. Bis zu sechs Familien teilen dort ein ähnliches Schicksal. Viele Gespräche werden per Video aufgezeichnet und ausgewertet. Die Teilnehmer können sich auch zu anderen Kindern äußern: "Das bewegt manchmal mehr, als wenn wir hundertmal das Gleiche sagen", betont Roessner. Den Eltern mache er klar, dass sie liebevoll, aber konsequent bleiben müssen: "Ein Kind muss auch mal zehn Minuten am Tisch sitzen bleiben."

Die Familie nutzte das Angebot nur kurze Zeit. Weil Emma die Jüngste in der Runde war, fürchtete ihre Mutter, der Kontakt mit den Größeren könne die Situation verschärfen. "Die haben sich nur darüber unterhalten, ob sie sich noch im Schwimmbad im Bikini zeigen können", erinnert sich das Mädchen.

Gramm für Gramm zurück zum Normalgewicht

Seit eineinhalb Jahren ist Emma bei der Psychotherapeutin Cornelia Zimmermann in Behandlung. Emma ist mit ihrer Mutter gekommen, um über die vergangenen Wochen zu berichten und neue Ziele festzulegen. Für diesen Tag waren 45 Kilogramm ausgemacht. Zimmermann beginnt jede Sitzung mit Wiegen und Messen. Was Emma auf die Waage bringt, reicht noch nicht. 300 Gramm fehlen, so dass sie vorerst auf ihr Handy verzichten muss.

Da Emma zuletzt deutlich gewachsen ist, muss das Mindestgewicht neu bestimmt werden. Bei 1,62 Meter Körpergröße müsste sie eigentlich 47 Kilo wiegen - so lautet nun die neue Zielmarke: "Dein Körper braucht Kraft", macht Zimmermann dem Mädchen klar.

Bei der einstündigen Sitzung dreht sich vieles ums Essen, aber auch um Selbstbewusstsein und Körperwahrnehmung. Die Therapeutin und Emma sprechen über den Alltag, ob Emma gut schläft, ob sie vor etwas Angst hat, was ihre Hobbys sind. Das Mädchen liebt Fußball und bewegt sich gern. Zimmermann stellt in Aussicht: "Du darfst dich erst mehr bewegen, wenn du zunimmst." Die Therapeutin rät ihr, immer einen Müsliriegel oder Studentenfutter dabei zu haben: "Wichtig ist, das Essen über den Tag gleich zu verteilen, damit du in keine Löcher fällst. Du trägst Verantwortung für dein Essen."

Was Mädchen in die Magersucht treibt

Essstörungen zählten zu den häufigsten Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sagt Professor Ulrich Voderholzer. Er leitet mit der Schön Klinik Roseneck am Chiemsee eine der bundesweit größten Einrichtungen zur Behandlung solcher Störungen. "Risikofaktoren sind Ängstlichkeit, Unsicherheit, ein geringes Selbstwertgefühl, starke Leistungsorientierung und Perfektionismus. Auslöser sind oft eine Diät sowie negative Bemerkungen wichtiger Bezugspersonen über Figur und Aussehen." Auch das Schlankheitsideal in der Gesellschaft spiele eine Rolle.

Professor Stefan Ehrlich, Chef des Zentrums für Essstörungen in Dresden, hat festgestellt, dass in betroffenen Familien überdurchschnittlich viel über Essen oder Diäten gesprochen wird: "Da gibt es Kinder, die nicht so werden wollen wie ihre Eltern. Oder aber sie möchten bei Diäten die Besten sein."

Einer von 100 Jugendlichen hat eine Essstörung

Die Schätzungen, wie viele Menschen in Deutschland betroffen sind, gehen weit auseinander. Voderholzer rechnet mit 200.000 bis 300.000 Magersüchtigen und 500.000 bis 700.000 Ess-Brech-Süchtigen. In der Pubertät sei ein Jugendlicher von 100 betroffen – überwiegend Mädchen. Der Anteil der Jungen liegt derzeit bei nur drei Prozent, allerdings jedoch mit steigender Tendenz.

Und noch einen Trend stellen Experten fest: Die Patienten werden immer jünger. Das hängt in erster Linie mit der früher einsetzenden Pubertät zusammen. Aber in Dresden werden schon Kleinkinder mit Essstörungen behandelt. Ehrlich berichtet von einem fünfjährigen Mädchen, das nur noch Pudding aß.

Der Bundesfachverband Essstörungen, ein Zusammenschluss von Ärzten, Therapeuten und Beratern, verweist auf eine weitere Entwicklung: Die Zahl der jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depression, Borderline oder Zwangsstörungen wächst. Manchmal treten sie zusammen mit Essstörungen auf. "Der Druck auf Jugendliche wird immer größer", sagt Verbandschef Andreas Schnebel.

Jeder zehnte Betroffene stirbt

An vielen deutschen Universitäten wird heute an Essstörungen geforscht. In Dresden hat man sich unter anderem auf Schrumpfungen der Hirnrinde konzentriert. Das Team um Professor Ehrlich fand heraus, dass sich die Dicke der Hirnrinde im akuten Stadium der Magersucht stark verringert - bei vollständiger Therapie meist aber wieder regeniert. "Das Ausmaß der Veränderungen am Hirn ist denen bei einer Alzheimer-Erkrankung beobachtbaren Abbauprozessen sehr ähnlich", beschreibt Ehrlich die Folgen der Essstörung.

"Etwa zehn Prozent der Patienten mit einer Essstörung sterben daran oder nehmen sich später das Leben", sagt Ehrlich. Rund die Hälfte könne man heilen. 40 Prozent der Betroffenen neigten zu Rückfällen, vor allem in Stress- und Krisensituationen. Meist unterscheiden sich Essgestörte im Verhalten. Wer an Ess-Brech-Sucht (Bulimie) leidet, schämt sich oft und bleibt in der Defensive. Bei Magersucht-Patienten (Anorexie) spürt man bisweilen einen gewissen Stolz. Alle sozialen Schichten sind betroffen.

Für Emma und ihre Eltern dürften Statistiken zweitrangig sein. Im Rückblick habe die Krise die Familie gestärkt, sagt die Mutter. "Emma ist auf einem sehr guten Weg", findet Cornelia Zimmermann. Das Mädchen werde es schaffen.

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