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Warum junge Frauen lieber schön als schlau sein wollen

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Rollenvorbilder  

Warum junge Frauen lieber schön als schlau sein wollen

16.05.2011, 09:46 Uhr | amr, t-online.de

Warum junge Frauen lieber schön als schlau sein wollen. Bratz-Puppe mit lila-blondem Haar mit Buchcover von Natasha Walter.

Muss Kinderspielzeug so sexy sein? (Foto: dpa, Fischer Verlag)

"Wenn eine Achtzehnjährige sich statt einer Weltreise eine Brustvergrößerung wünscht, scheint etwas falsch gelaufen zu sein mit der Emanzipation." Die meisten Frauen glauben ihr Leben und ihre Sexualität selbstbestimmend im Griff zu haben, in Wahrheit jedoch sind sie der Annahme verfallen, dass Erfolg und Misserfolg im Leben weitestgehend von ihrer persönlichen Attraktivität abhängig ist. "Living Dolls - Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen" lautet der Titel des Buches von Natasha Walter, in dem die britische Publizistin dem Schönheitsideal der Frau als "lebendigen Puppe" nachgeht. Sie öffnet die Augen für das Phänomen des wieder erstarkenden, aggressiven Sexismus, der von Frauen nicht nur geduldet, sondern fälschlicherweise auch als neue weibliche Freiheit und Unabhängigkeit gepriesen wird.

Die Frau als "Lebendige Puppe"

Ein Leben als Puppe ist für viele Frauen heutzutage offensichtlich erstrebenswert geworden. Blondierte Rollenmodelle - perfekt geschminkte, operierte und in modisch freizügige Kleidung gepresste Vorbilder gibt es viele. Die amerikanische Schauspielerin und Sängerin Hilary Duff sagte gegenüber dem Musiksender MTV: "Als ich jünger war, hat mich Barbie sehr inspiriert. Ich finde ihren Stil und ihre Person toll." Die Sexindustrie bestimmt das Bild der Frau und das fängt schon bei Kinderspielzeug an. Auf dem Weg zur Schule werden kleine Mädchen von perfekt gestylten "Bratz"-Puppen begleitet - Aufdrucke von Hannah Montana und anderen Hollywoodstars schmücken ihre T-Shirts, Schultaschen und Haarspangen. Den Barbie-Ballerinas entwachsen, interessieren sich die Mädchen für "Germany's Next Topmodel" und stürzen sich in ein Projekt aus Selbstverschönerung, Diäten und Shopping.

Sexy Kinderspielzeug

Was noch vor einer Generation undenkbar war, haben Marketing-Abteilungen führender Spielzeugmarken auf geniale Weise geschafft - das Mädchen und die Spielzeugpuppe miteinander verschmelzen zu lassen. Die Verknüpfung von Weiblichkeit und Erotik beginnt im Kindesalter. In den 1970er Jahren wurde Barbies perfektes Aussehen, ihre Wespentaille und ihr großer Busen von Feministinnen verurteilt. Trotzdessen - sie wurde den Mädchen als Pilotin oder Ärztin präsentiert. Die Bratz-Puppen haben ausschließlich Klamotten, um Shoppen, Flirten und "Clubben" zu gehen. Mit überdimensional großem Gesicht, schillernden Augen und dickem rosa Schmollmund, schicken Outfits mit Netzoptik, Miniröcken und Lederstiefeln liefen die Bratz-Puppen der Barbie in den letzten Jahren den Rang ab und verhalfen dem Hersteller MGA zu Millionenumsätzen knapp an der Milliardenmarke.

Zu viele einseitige Vorbilder für Mädchen

Eltern akzeptieren bereitwillig, mit welchen Produkten für kleine Mädchen der Spielzeugmarkt aufwartet. Konditioniert durch Medienbilder mit teils subtiler, teils progressiver Erotik, hängt heute die Toleranzgrenze vieler Menschen sehr tief. Und allein bei den Puppen bleibt es nicht, denn im Kino und Fernsehen werden sie lebendig und treffen sich zum Einkaufen, Ausgehen, Anziehen und Umziehen. Varietät finden die kleinen Zuschauerinnen bestenfalls in den unterschiedlichen Farben von Haar und Kleidern, nicht aber in der Persönlichkeit der Figuren. Walter stellt die Frage nach differenzierten Rollenvorbildern und kommt zum Schluss, dass diese vernachlässigt werden oder generell nicht vorhanden sind. Lisa Shapiro, verantwortlich für die Bratz-Lizenzvergabe in Großbritannien, sagte in einem Interview der Zeitschrift "Guardian": "Wir möchten, dass die Mädchen das Leben der Bratz führen - die Wimperntusche verwenden, das Haarprodukt benutzen,... bei Bratz geht es um das reale Leben. Das muss so sein." So wird Mädchen schon früh die Welt als Laufsteg, mit Einkaufsläden und Schönheitssalons als Dreh- und Angelpunkte des Lebens erklärt.

Mädchen eifern Idolen nach

Der Druck auf junge Frauen geht von Magazinen der Mode- und Musikbranche aus, die Frauen zu Objekten degradiert. In einer neuen Analyse populärer Musikvideos fanden Forscher heraus, dass 84 Prozent der Videos sexuelle Bilder, insbesondere aufreizend gekleidete Frauen zeigen. Sehr bemerkenswert ist jedoch, dass alle Sängerinnen mit erotischer, vulgärer Ausstrahlung gerade von jungen Mädchen bewundert wurden. Sie wollen ihren Idolen nacheifern und geben sich auch nicht mit der Zuschauerrolle zufrieden. Soziale Online-Plattformen bieten dabei die beste Möglichkeit sich selbst darzustellen. Auf manchen Fotos präsentieren sich Elf-, Zwölfjährige mit einem Styling, was eher einer Sechzehnjährigen entspricht. Doch wen wundert das, wenn Geschäfte wattierte BHs und Reizwäsche für unter Zehnjährige anbieten oder T-Shirts mit dem Aufdruck: "So viele Jungs, so wenig Zeit" für Mädchen unter sechs Jahren zum Kauf angeboten werden. Bei jungen Mädchen, die noch herauszufinden versuchen, welches Verhalten ihnen Billigung und Bewunderung einträgt, dürfte die alleinige Fokussierung auf ein reizvolles Äußeres die Bandbreite ihrer Alternativen eher verengen als erweitern.

Immer mehr Frauen in der Sexbranche

Walter weist auch kritisch auf den Zuwachs der aufboomenden Glamour-Modeling-Branche hin. Zu diesem Teil der soften Sexbranche wollen immer mehr junge Frauen dazugehören. "Die Mädchen wären ganz versessen darauf bis auf den Slip entkleidet, erotisch posierend fotografiert zu werden." Tabledance und Prostitution werden unter dem Deckmantel pseudofeministischer Errungenschaften schöngeredet."Ich hatte noch nie einen Job, in dem ich mich so stark und mächtig fühlte" so zitiert Walter eine Stripperin.

Dass Frauen heute unabhängig sind und keiner herrschenden Sexualmoral mehr unterstehen ist sehr positiv. Dass aber alle sexualisierten Bilder in den Medien und der Werbung und sogar Prostitution als Indizien für eine wachsende Freiheit und Macht der Frauen verkauft werden, ist erschreckend, so Natasha Walter.

Kindern Freiraum lassen, schaffen und anbieten

Mädchen sollen alles toll finden, was rosa ist und glitzert. Viele halten dieses Verhalten für eine Folge der veränderungsresistenten Biologie des Weiblichen, ohne die kulturellen Aspekte zu betrachten, die die Kinder in ihrem Denken formen. Für Natasha Walter ist es an der Zeit, die übertriebene Weiblichkeit, die den Frauen dieser Generation als Ideal vermittelt wird, in Frage zu stellen. "Für unsere Töchter muss die Rolltreppe nicht auf der Puppenetage enden." Man sollte Mädchen und Jungen gleichermaßen den Freiraum lassen, sich selbst zu entdecken und sie dabei frei entscheiden lassen. Dazu sollten Eltern die Vielseitigkeit von Rollenvorbildern präsentieren, damit Kinder entscheiden können, ob sie blau, rosa, oder eben gelb oder grün bevorzugen. Wenn wir uns von vermeintlich biologisch festgelegten Auffassungen lösen, könnten traditionelle "männliche" und "weibliche" Verhaltensweisen für jeden einzelnen Menschen zu einer Sache der freien Entscheidung werden.

Buchtipp: Living Dolls. Warum junge Frauen lieber schön als schlau sein wollen, Natasha Walter, Krüger Verlag, ISBN: 978-3-8105-2377-8, 19,95 Euro

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