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So ungesund sind Frühstücksflocken wirklich

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Das Geheimnis der Frühstücksbomben

28.10.2011, 09:28 Uhr | Tom König, Spiegel Online

So ungesund sind Frühstücksflocken wirklich. Wieviel Zucker-Müsli vertragen unsere Kinder? (Quelle: imago)

Wieviel Zucker-Müsli vertragen unsere Kinder? (Quelle: imago)

Kinder lieben Frosties und Mini Zimtos, doch wie viel davon darf ein kleiner Junge essen? Tom König hätte darauf gerne eine Antwort - doch die Hersteller speisen ihn mit Ausreden ab. Ein Unternehmen teilt gar mit: "Bitte wenden Sie sich an Ihren Arzt."

Chocolate Frosted Sugar Bombs heißen jene Frühstücksflocken, die der Held der Comicserie "Calvin & Hobbes" allmorgendlich in sich hineinschaufelt. Schüssel um Schüssel, bis das hyperkalorische High seinen kleinen Körper erzittern lässt.

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Wenn ich meinen Sohn Toni beim Frühstück beobachte, fühle ich mich an Calvin erinnert. Mit Gusto mampft er Kellogg's Chocos oder Nestlé Cookie Crisp. Irgendwann bin ich im Supermarkt schwach geworden, und nun gibt es zum Frühstück also Schokokekse statt Seitenbacher. Ich habe deswegen ein sehr schlechtes Gewissen. Und so beschloss ich, mich genauer mit den Nährwertangaben auf der Packung auseinanderzusetzen.

Gerade hat die Lebensmittelindustrie eine Kennzeichnung ihrer Produkte durch die so genannte Lebensmittelampel verhindert. Sie tat das - wieder einmal - auch mit dem Argument, der mündige Kunde könne sich im Internetzeitalter jederzeit selbst darüber informieren, was er isst.

Wenn es so einfach wäre.

Keine Werte für Kinder auf dem Kindermüsli

Auf den kartonierten Zuckerbomben mit den Cartoonfiguren prangt eine Nährwerttabelle. Sie gibt an, wie viel Prozent des Tagesbedarfs eine Portion deckt. Die Zahlen beziehen sich freilich nicht auf den kleinen Toni, sondern auf eine erwachsene Frau. Für Kinder fehlen die Angaben.

Kellogg's, Rewe (Ja!), Nestlé oder Dr. Oetker: Keine der Firmen führt auf der Packung oder auf ihrer Webseite Prozentwerte für Kinder oder Jugendliche auf. Also schrieb ich an die Verbraucherservice-Abteilungen der vier Unternehmen. Ich bat um eine einfache Information: Welche Prozentwerte gelten bei Ihrem Produkt XY für einen fast Vierjährigen? Dabei fragte ich speziell nach dem Zuckergehalt.

Um die Antworten einordnen zu können, besorgte ich mir Referenzwerte für Kinder. Die sogenannten GDA-Werte auf Lebensmitteln werden vom Brüsseler Industrieverband CIAA definiert. Dort antwortete man mir nicht. Bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), meines Erachtens ohnehin die seriösere Quelle, wurde ich hingegen fündig: Deren Empfehlung zufolge darf ein Dreijähriger täglich etwa zehn Prozent seiner Energiezufuhr über Zucker decken, das entspricht 27,5 Gramm Zucker bei einem Gesamtenergiebedarf von 1100 Kilokalorien pro Tag. Bei einem gleichaltrigen Mädchen wären es 25 Gramm Zucker bei 1000 Kilokalorien.

Auch auf Nachfrage keine Antwort

Zwar schrieben die Müslihersteller zurück, meine Frage beantwortete jedoch keiner präzise und zufriedenstellend.

  • Kellogg's ignorierte meine Fragen nach Zucker und Referenzwerten. Die Firma schrieb stattdessen: "Der Schokoladengeschmack wird bei Kellog´s Chocos vor allem mit Kakao erzielt - und zwar zum Teil aus entöltem Kakao - das hält den Fettgehalt gering."
  • Auch Rewe schickte mir keine Tabelle, nannte aber zumindest den korrekten Energiewert für Kinder der fraglichen Altersgruppe und wies darauf hin, mein Sohn solle maximal 25 Gramm Mini Zimtos essen. Die freilich nur, wenn er danach den ganzen Tag überhaupt keinen Zucker mehr äße. Rewes Angaben erschienen mir verklausuliert und schwer nachvollziehbar. Auf Basis jener DGE-Werte, die auch Rewe zitiert, hätte Toni nach dem Frühstück (mit Milch) nämlich "nur" rund 60 Prozent seines Tagessolls an Zucker intus, nicht 100 Prozent.
  • Nestlé blieb die gewünschte Tabelle ebenfalls schuldig, schrieb aber, mein Sohn dürfe vom Lion Cereal "eine Portion von 30 Gramm gerne verzehren". Dass er dann bereits rund 40 Prozent seines Zuckerlimits ausgereizt hat, dazu kein Wort.

Mangels erhellender Antworten habe ich selber eine kleine Tabelle erstellt. Das Ergebnis ist erschreckend. Eine Schüssel Frosties entspricht 44 Prozent der für einen Dreijährigen empfohlenen Zuckermenge, bei Vier- bis Siebenjährigen sind es rund 30 Prozent.

Ein anderes Beispiel: Isst ein Dreijähriger nach einer 30-Gramm-Portion Nestlé Lion Cereal noch einen Becher Nestlé-Vanillejoghurt der Marke LC1, dann sind das bereits 90 Prozent der gesamten empfohlenen Tagesdosis an Zucker.

Für die Folgeschäden sind andere zuständig

Kein Wunder, dass die Konzerne diese Daten nicht einmal auf Nachfrage herausrücken wollen. Rewes Pressestelle verteidigt sich, die Produkte entsprächen "sämtlichen Kennzeichnungsvorschriften". Und Dr. Oetker erklärt das Ganze gar so: "Da wir den Verbrauchern gegenüber eine Verantwortung haben, distanzieren wir uns von Ernährungsempfehlungen für Kinder." Denn Werte für Heranwachsende seien wissenschaftlich nicht ausreichend fundiert. Kellogg's reagierte zunächst nicht auf eine Presseanfrage.

Seltsam an dieser Argumentation ist aber, dass es GDA-Werte für Kinder offenbar gibt - zumindest ab dem vierten Lebensjahr. Wenn es um Erwachsene geht, weist die Lebensmittelindustrie Kritik von Verbraucherschützern und Experten an den GDA-Nährwertangaben zurück. Bei Kindern hingegen behaupten die Unternehmen nun, die von ihrem EU-Verband selbst erarbeiteten Referenzwerte seien leider nicht verwendbar.

Das erscheint umso wunderlicher, als die renommierte DGE Referenzwerte für Kinder aller Altersgruppen veröffentlicht. Sie tut dies zwar mit der Einschränkung, die Varianz bei Kindern sei viel höher als bei Erwachsenen - dennoch hält sie Ernährungsempfehlungen für Kinder für nicht grundsätzlich fragwürdig. Sonst stellte sie diese wohl kaum ins Netz.

Wenn sich Lebensmittelkonzerne sogar bei hartnäckigen Nachfragen dagegen sträuben, Daten für Kinder herauszurücken, beweist dies meines Erachtens, dass man sie dazu gesetzlich zwingen sollte. Diese Unternehmen wollen ihre Zuckerbomben an unsere Kinder verkaufen. Sich dafür rechtfertigen, das möchten sie nicht. Sie sehen sich für den Profit zuständig, nicht für die gesundheitlichen Folgen ihres Handelns.

Am deutlichsten wird dies in der Antwort, die mir Dr. Oetker schickte: "Bedauerlicherweise", erklärte deren Verbraucherservice, "müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Ihnen keine Ernährungshinweise für Kleinkinder geben können. Wenden Sie sich hierfür bitte an Ihren Arzt."

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