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Erziehung: Wenn Fremde sich einmischen

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Erziehung  

"Ungezogene Blagen!" Wenn Fremde sich in die Erziehung einmischen

23.01.2015, 11:57 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Erziehung: Wenn Fremde sich einmischen. Wenn das Kindeswohl gefährdet ist, sollten sich Fremde durchaus zu Wort melden. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Wenn das Kindeswohl gefährdet ist, sollten sich Fremde durchaus zu Wort melden. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Kinder brauchen Grenzen. Das ist eine pädagogische Weisheit, die den meisten wohl bewusst ist. Doch wer setzt diese Grenzen? Haben außer den Eltern auch Außenstehende das Recht sich erzieherisch einzumischen, wenn sich Kinder trotz Anwesenheit von Mama oder Papa im Restaurant, im Zug oder im Supermarkt "aufführen"? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht, denn eine angemessene Reaktion der Eltern hängt nicht nur von der jeweiligen Situation, sondern auch von der Art ab, wie der fremde "Einmischer" in das Geschehen eingreift. Es gilt also abzuwägen, flexibel zu sein und auf jeden Fall souverän zu bleiben.

Im Bus beschwert sich ein schlecht gelaunter Mann über unerzogene Kinder, die neben ihrer Mutter wild auf der Rückbank herumturnen. Im Supermarkt schimpft eine gereizte Frau über "nervige Blagen", wenn ein Dreijähriger vor dem Süßigkeiten-Regal einen Wutanfall bekommt, weil Papa ihm keinen Lolli kauft. Auf dem Spielplatz trumpft eine pädagogisch versierte Mutter mit ihren Erziehungstipps auf und belehrt eine andere, wie man es besser machen sollte. Solche und ähnliche Situationen kennen die meisten Eltern. Und jedes Mal keimt Ärger, Unsicherheit oder Wut auf.

Stresssituation wie bei einem Bühnenauftritt

Der Diplompsychologe und stellvertretende Vorsitzende der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung Andreas Engel weiß aus seiner Praxis, dass solche Erlebnisse echte Stressmomente für Eltern sind: "Die Einmischung von außen kommt immer unvorbereitet. Man ist deshalb nicht positiv eingestellt, denn indirekt wird in diesem Augenblick überraschend das eigene Verhalten kritisiert und in Frage gestellt. Die Eltern fühlen sich dann überrollt."

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Hinzu käme, dass sich die Väter und Mütter dann wie auf einer Bühne fühlten, denn meist spielten sich solche Situationen in der Öffentlichkeit, also vor Zuschauern ab - sei es in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Restaurant oder im Supermarkt, so der Erziehungsberater. "Man kann diese Stresssituation damit vergleichen, wenn jemand vor Publikum eine Rede halten muss. Entsprechend hoch ist hier die Anspannung und entsprechend klein die Gelassenheit."

Väter und Mütter reagieren unterschiedlich

Dabei fallen die elterlichen Reaktionen sehr unterschiedlich und individuell aus - je nach Situation und Temperament der einzelnen Beteiligten. "Es gibt jedoch manchmal geschlechtsspezifische Verhaltensweisen", ergänzt der Diplompsychologe. "Es kann sein, dass Väter manchmal etwas gelassener und distanzierter sind und die Kritik an sich abperlen lassen. Die Mütter dagegen", so Engel, "fühlen sich häufiger angegriffen. Das hat vielleicht damit zu tun, dass sie sich mehr mit ihrer Rolle als Erzieher identifizieren, sich wesentlich ernster nehmen."

Man kann den Umgang mit solchen Situationen trainieren

Um von solchen Momenten nicht überrascht zu werden und ratlos da zu stehen, empfiehlt Andreas Engel zum Beispiel Rollenspiele, die auch zuhause innerhalb der Familie als vergnügliche Aktivität geübt werden könnten: "So ist es möglich sich auf bestimmte Situationen mental einzustimmen - auch wenn die Realität meist davon abweicht. Trotzdem ist man dann entspannter und lockerer, weil der Überraschungsmoment weg und der Druck reduziert ist."

Gerade jüngere Eltern gehen mit solchen Vorfällen in der Öffentlichkeit weniger souverän um als "altgediente" Mütter und Väter, die durch mehrere Kinder "alltagserprobter" sind und dadurch auch besser gewappnet scheinen, so die Erfahrungen von Erziehungsberater Engel: "Eltern, die das schon öfter mitgemacht haben, klären die Situation nicht selten mit Humor oder ignorieren einfach die Ratschläge und signalisieren so, dass sie 'Miterzieher‘ nicht dulden. Sie haben sich mit der Zeit ein dickeres Fell erarbeitet."

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Die Genervten, die Besserwisser und die Berater

Grundsätzlich kann man diese verschiedenen Arten von "Einmischern" unterscheiden, die als Unbeteiligte gerne ihre Kommentare abgeben.

Bei Kindeswohlgefährdung ist Einmischung erwünscht

Doch nicht in jedem Fall ist Einmischung in die Erziehung von "Unbeteiligten" unangemessen oder aufdringlich. Immer, wenn das Kindeswohl gefährdet ist, etwa wenn Eltern ihren Nachwuchs in der Öffentlichkeit körperlich züchtigen, sollten auch Außenstehende unbedingt einschreiten. "Gerade dann", erklärt Erziehungsberater Engel, "darf man nicht wegschauen und muss reagieren - dem Kind zuliebe."

Auch sei es völlig legitim als "Nicht-Erziehungsberechtigter" einzugreifen, wenn man selbst betroffen ist, betont der Psychologe: "Wenn ein Kind beispielsweise in meinem Garten mutwillig Zweige abreißt oder einfach unverschämt und respektlos zu mir ist, bin ich ja ein Teil des Konflikts. Dann ist es völlig in Ordnung seine Meinung gegenüber dem Kind oder seinen Eltern zu äußern." Doch auch da gilt: Der Ton macht die Musik. Mit einer höflichen und sachlichen Art ohne Aggressivität erreicht man immer mehr, als wenn man einen Streit über Erziehungsfragen vom Zaun bricht.

Ist Erziehung immer Sache der Eltern?

Dass Einmischung in die Erziehung hierzulande sehr kritisch betrachtet wird, ist nicht nur gesellschaftlicher Konsens, sondern auch gesetzlich verankert: Hiernach tragen in erster Linie die Eltern die alleinige Verantwortung für ihr Kind und haben das ausschließliche Erziehungsrecht.

Für Andreas Engel dokumentiert diese Konzentration auf die "Kernfamilie" auch den Wandel unserer Gesellschaft: "Früher war Miterziehung anderer im Prinzip nichts Schlechtes. In Großfamilien war es üblich, dass alle, die zusammenlebten, die Kinder großzogen und ihren pädagogischen Beitrag leisteten. Heute hat die Familie einen Exklusivitätscharakter. Miterziehung wird als negativ empfunden."

Dabei spiele auch eine Rolle, dass es immer weniger Kinder in Deutschland gebe, stellt der Erziehungsberater weiter fest: "Hier fühlt man sich offenbar durch Kinder schneller gestört als in anderen Ländern, wo die Geburtenraten wesentlich höher sind. Kinder prägen nicht mehr selbstverständlich unseren Alltag. Die Gesellschaft ist sozusagen entwöhnt. Und sie haben etwas erfrischend Unstrukturiertes, Emotionales - Faktoren, die jedoch in einem ordnungsliebenden Land irritieren und sogar stören können - manchmal an der Grenze zur Kinderfeindlichkeit."

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