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Hochbegabt und trotzdem schlechte Noten

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Underachiever  

Superschlau und trotzdem schlechte Noten

03.04.2014, 09:57 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Hochbegabt und trotzdem schlechte Noten. Schüler sind heute nicht schlechter als früher, sagt Sylvia Löhrmann, die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz und wehrt sich damit gegen Pauschalkritik aus der Wirtschaft. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Schüler sind heute nicht schlechter als früher, sagt Sylvia Löhrmann, die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz und wehrt sich damit gegen Pauschalkritik aus der Wirtschaft. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Dass gute Schulnoten und Intelligenz nicht unbedingt zusammengehören, ist bereits seit Längerem klar. Es gibt Kinder, die sich rein durch Fleiß sehr gute Noten verdienen und es gibt andere, deren Intelligenzquotient weit über dem Normalen liegt, die aber trotzdem in der Schule schlecht abschneiden. Diese Kinder gelten oft als hochbegabt: Man nennt sie Underachiever.

Häufung männlicher Underachiever

Sucht man nach einer Definition für Underachievement, so findet man gewisse Abweichungen. In einem aber ist sich die Fachwelt einig: Sogenannte Underachiever leisten nicht das, was man eigentlich aufgrund ihres IQ erwarten würde. Noch schlimmer: Sie sind sogar oft so schlecht in der Schule, dass sie das Klassenziel nicht erreichen. Hinzu kommt, dass die "Minderleister" häufig ein psychisch auffälliges Verhalten zeigen und damit schnell in eine bestimmte Schublade gesteckt werden. Da verwundert es nicht, dass der Prozentsatz von "erkannten" Underachievern bei den Jungs höher liegt als bei den Mädchen. Sie zeigen häufig auffälligeres Verhalten und werden damit eher einem Schulpsychologen vorgestellt, der, mit ein bisschen Glück, die eigentliche Ursache erkennt.

Ein Underachiever steht sich selbst im Weg

Das soziale Verhalten von Underachievern gilt als nicht besonders ausgeprägt. Manche grenzen sich auch ganz bewusst von anderen Kindern und Jugendlichen ab, zeigen eine negative Einstellung gegenüber der Schule und ein ineffektives Arbeitsverhalten. Ganz typisch scheint eine geringe seelische Stabilität zu sein, das Kind sieht sich selbst in einem schlechten Licht und hat kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Es steht sich sozusagen selbst im Weg und glaubt nicht, seine Leistung positiv beeinflussen zu können. Doch den Underachiever an sich, den gibt es nicht, da sind sich die Fachleute einig. Also gibt es auch keine Standardlösungen für das Problem. Jeder betroffene Schüler muss als Einzelfall betrachtet und entsprechend unterstützt werden.

Problem betrifft etwa ein Zehntel aller Hochbegabten

Dass ein Großteil aller Hochbegabten zu den Underachievern zählt, ist ein Vorurteil. Das hat die sogenannte Rost-Studie, auch Marburger Hochbegabtenprojekt genannt, ergeben. Der Psychologie-Professor Detlef H. Rost und seine Kollegen gehen davon aus, dass sich unter den Hochbegabten etwa zehn bis 15 Prozent befinden, die dem Underachievement zugeordnet werden müssen. Das heißt, die Leistungen dieser Menschen lassen in keiner Weise auf eine Hochbegabung schließen. Zugegeben: Bei der oft auftretenden Symptomatik auf einen hochbegabten Menschen zu schließen, ist auch nicht das erste, was einem einfällt. Bei dem Problemschüler wird nur selten ein besonders hoher IQ vermutet. Allerdings sollten Lehrkräfte beziehungsweise Schulpsychologen bei einem auffälligen Kind immer auch diese Möglichkeit in Betracht ziehen und so vermeiden, dass ein möglicherweise hochbegabtes Kind letztendlich dann noch in einer Schulform landet, die ihm nicht entspricht. Und somit sein Lebensweg eine völlig falsche Wendung nimmt.

Weibliche Underachiever werden aufgrund ihres Verhaltens leichter übersehen

Nicht immer liegt die Ursache für die schlechten Noten des Kindes darin, dass es nicht leistungsorientiert ist. Gerade hochbegabte Mädchen wollen nicht auffallen mit ihren Leistungen und vergraben sich lieber in der Gruppe. Sie haben Angst, als Streber zu gelten und stellen daher sozusagen ihr Licht unter den Scheffel. Andererseits ist so manchem hochbegabten Kind auch einfach langweilig in der Schule, es ist unterfordert und bringt dadurch schlechte Leistungen. "Man muss nach den Ursachen forschen“, erklärt Bettina Zydatiß. "Warum will oder kann jemand die Aufgaben, die an ihn gestellt werden, nicht erledigen? Wenn sich ein Kind bereits seit dem Kindergarten sicher im Zahlenraum bis 20 bewegt, so wird es in der ersten Klasse vielleicht unterfordert sein und verweigert sich deswegen. Dann muss ein Lehrer sich fragen, ob er nicht etwas anderes anbieten sollte.“

Hochbegabung tritt nicht immer allein auf

Die Gymnasiallehrerin ist die zweite Vorsitzende der "Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind" in Berlin/Brandenburg und engagiert sich in der "Berliner Begabten Beratung". "Es kann aber auch sein, dass eine Aufgabe gleichzeitig über- und unterfordert. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn sich ein Kind mit dem Halten des Stiftes schwertut, die Rechnung aber kein Problem ist. Es kann durchaus vorkommen, dass die Hochbegabung gepaart auftritt, zum Beispiel mit Legasthenie oder Hyperaktivität. Dann zeigt sich die Begabung erst recht nicht offensichtlich, da ein solches Kind deutlich weniger in der Lage und bereit sein wird, eine Aufgabe in Angriff zu nehmen. Der vielleicht hohe Anspruch an sich selbst kann aufgrund der eigenen Schwierigkeiten nicht erfüllt werden. Da bleibt meist das Selbstbewusstsein auf der Strecke und es wird eine Verweigerungshaltung eingenommen. “

Typische Begleiterscheinungen des Underachievements

Die Ursachen dafür, dass sich ein Kind zu einem Underachiever entwickelt, können vielschichtig sein. Oft ist es ein Zeichen dafür, dass die Entwicklung mit ihren Einflüssen von innen und außen nicht optimal verlaufen ist. Irgendetwas hindert den hochbegabten Menschen daran, seine intellektuellen Fähigkeiten an der gewünschten Stelle, also im schulischen Bereich, umzusetzen. Man kann keine Liste erstellen, anhand derer man einen "Minderleister" erkennen könnte, aber es gibt bestimmte Begleiterscheinungen, die hellhörig machen sollten. Dazu gehört unter anderem, wenn das Kind besondere Leistungen bei den Arbeiten zeigt, die seinem Interessengebiet am ehesten entsprechen oder diese besonderen Leistungen gar nur außerhalb des schulischen Bereichs zutage treten. Auch eine extrem schnelle Auffassungsgabe, die sich nicht in mündlicher Beteiligung, sondern nur auf Nachfrage zeigt oder gar in Störform äußert, könnte darauf hinweisen, dass man es hier mit einem eigentlich hochbegabten Menschen zu tun hat. Ganz typisch für Underachiever sind auch mangelhafte Rechtschreibung mit undeutlicher Schrift, Konzentrationsprobleme, kritisches Hinterfragen von Autoritäten und Verweigerung von Routineaufgaben und damit auch von Hausaufgaben. Am Institut für Psychologie der Universität Graz fand man übrigens erste Ansätze aus den Neurowissenschaften, mit denen man das Phänomen anhand der Gehirnaktivitäten diagnostizieren könnte. Bisher muss bei einem Verdacht ein Psychologe hinzugezogen werden, der einen entsprechenden Test macht.

Problemsystem Eltern, Kind und Schule

Wenn Eltern hilflos sind, weil sich ihr Kind als schwierig erweist, dann ist es im ersten Moment eine Erleichterung, die Diagnose "Hochbegabung" zu hören. Die Schwierigkeiten, mit denen man konfrontiert ist, werden darauf geschoben, die Schule in die Verantwortung genommen. Dabei ist es nie nur die Schule allein, sagt die Diplompädagogin Kajsa Johansson, die sich auf die Beratung und das Training für hochbegabte Kinder und deren Eltern beziehungsweise Lehrern spezialisiert hat. "Eltern, Kind und Schule bilden im Falle von Underachievement ein sogenanntes Problemsystem. Hierbei beeinflussen sich die Personen gegenseitig und fördern unbewusst die Aufrechterhaltung des Problems.“ Sie ist sich sicher: "Förderung von Underachievern sollte folglich immer auch Unterstützung für Eltern und Lehrkräfte umfassen, denn Arbeit mit Underachievern ist vor allem Beziehungsarbeit.“

Die Diagnose Hochbegabung ist mit Erwartungen verbunden

Auch Bettina Zydatiß weiß, wie wichtig das Zusammenspiel ist. "Es gibt hier viele Gelenkstellen und man muss genau hinschauen, wo man ansetzen sollte. Passen vielleicht die Aufgaben nicht? Liegt es an der Schule, an der Chemie zum Lehrer oder den Mitschülern, an den Eltern und ihrem Umgang mit dem Leistungsverweigerer oder liegt es auch an der Persönlichkeit des Kindes selbst?“ Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, ein Underachiever zu werden, nicht so groß, wenn man dazu neigt, sich durchzubeißen. Aber die Diagnose birgt noch andere Probleme: "Da passiert etwas mit der Familie und mit dem Kind. An die Hochbegabung werden bestimmte Erwartungen geknüpft im Sinne von 'Du hast das Potenzial, du musst funktionieren!‘ oder von ‚'Ich kann das sowieso, ich muss nicht üben'. So etwas kann der Beginn einer Underachievement-Karriere sein.“

Hochbegabung ist nicht gleichzusetzen mit Hochleistung

Bieten Lehrer und Erzieher einem Underachiever eine ansprechende Lernumgebung, wendet sich das Blatt oft schnell und der Schüler zeigt, was in ihm steckt. Gerade solche Kinder sind überdurchschnittlich stark auf pädagogische Unterstützung angewiesen. Der Underachiever muss erst noch lernen, Anstrengungsbereitschaft zu zeigen, Ausdauer an den Tag zu legen, sich vorzubereiten und zu üben. Oft fliegt diesen Kindern in der Grundschule noch alles zu, in weiterführenden Schulen aber geraten sie damit an ihre Grenzen.

Richtige Unterstützung wendet alles zum Positiven

Ein hochbegabtes Kind muss im Unterricht anders behandelt werden als andere Kinder. Zuerst muss es in der Regel bestehende Wissenslücken, die durch das Underachievement entstanden sind, füllen. Direktes und konsequentes Feedback sind hier besonders wichtig. Für manche Kinder gibt es die Möglichkeit, zumindest in bestimmten Fächern, am Unterricht einer höheren Klassenstufe teilzunehmen. Es gibt aber auch innerhalb des Klassenverbandes zahlreiche Alternativen zum "Normalen". Kajsa Johansson empfiehlt, drei Viertel des Routineteils zu streichen und dem Kind dafür andere Aufgaben zukommen zu lassen: spezielle Knobelaufgaben oder eigene Projekte. Hier zeigt sich dann meist großes Engagement gepaart mit Fachwissen und eine saubere Arbeitsorganisation. Und der Teufelskreis Underachievement wird unterbrochen.

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