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Inklusion: Gemeinsames Lernern von behinderten und nichtbehinderten Kindern als Regel

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Inklusion  

Inklusion: Gemeinsames Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern

17.02.2012, 10:53 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Inklusion: Gemeinsames Lernern von behinderten und nichtbehinderten Kindern als Regel. Inklusion: Gemeinsam lernen, spielen, Sport machen. Geht das? (Quelle: imago)

Inklusion: Gemeinsam lernen, spielen, Sport machen. Geht das? (Quelle: imago)

Über kaum etwas wird in Deutschland so leidenschaftlich diskutiert wie über das Thema Schule, doch weniger im Fokus waren bisher Sonder-und Förderschulen, in denen Kinder unterrichtet werden, die Lernschwächen haben oder behindert sind. Doch in diesem Bereich ändert sich einiges. Hintergrund ist die UN-Konvention für die Rechte von Behinderten. Gemäß Artikel 24 verpflichten sich die Vertragsstaaten darin, behinderten Menschen in einem "inklusiven“ Schulsystem das Recht auf Bildung auf der Basis von Chancengleichheit zu gewähren. Die Vereinbarung stellt damit das bisherige deutsche System der Sonderschulen in Frage. Was Inklusion für das Schulsystem bedeutet.

Inklusion ist nicht gleich Integration

In der Praxis bedeutet Inklusion, dass kein Kind wegen seiner Behinderung aus dem allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen und zum Besuch einer Förderstufe verpflichtet werden darf. Das heißt, es gibt einen individuellen Rechtsanspruch auf einen gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung in allgemeinen Regelschulen für alle Jahrgänge. Damit ist die Inklusion nicht gleichzusetzen mit der Integration.

Während Integration davon ausgeht, dass eine Minderheit in ein bestehendes, homogenes System hinein geholt und eingegliedert wird, existieren bei dem aus der amerikanischen Pädagogik stammenden Begriff der Inklusion keine voneinander getrennten Gruppen. Hier wird ein heterogenes Ganzes vorausgesetzt, das eine Integration "anderer von außen“ überflüssig macht. Die Teilhabe an allen Facetten des Lebens und Lernens soll bei der Inklusion, das wörtlich übersetzt "Einbeziehung“ und "Zugehörigkeit“ bedeutet, für jeden gemäß seiner eigenen Fähigkeiten möglich und selbstverständlich sein.

Homogene Vielfalt in der Schule

Andreas Hinz, Professor für Integrationspädagogik an der Universität in Halle (Saale), macht den Unterschied in einem taz-Interview deutlich: "Bei Inklusion geht es darum, wie eine Gesellschaft sein muss, damit jeder drin sein kann. Fertig. Für die Schule heißt das: Ein Kind muss niemandem beweisen, dass es der Teilhabe würdig ist. Die Schule, der Stadtteil, die Gesellschaft müssen beweisen, dass sie inklusionsfähig sind – dass sie Menschen in ihrer Verschiedenheit einbeziehen können.“ Inklusion bedeutet damit auch, dass die Individualität aller Kinder anerkannt wird und Behinderung zu einem Merkmal unter vielen wird.

Vanessa Dyroff Inklusionsbeauftrage der Stadt Darmstadt und Schulleiterin der Mühltalschule weiß ebenfalls um die Vorteile von inklusivem Unterricht: "Das Gute ist, dass niemand ausgegrenzt wird. Wir haben ein positives Verständnis von Vielfalt. Jedes Kind wird dort abgeholt wird, wo es steht.“ Außerdem könnten durch Inklusion, alle Kinder eines Einzugsgebietes, gleichgültig ob gehandicapt oder nicht, automatisch gemeinsam zur Schule in ihrer Nähe gehen und genau dort lernen, wo sie lebten, erklärt Vanessa Dyroff weiter.

Schulform der Unterteilung

Bisher herrscht im deutschen Schulsystem noch die Unterteilungs- und Abtrennungspädagogik vor. Kein anderes Land der Welt pflegt ein so hoch differenziertes Sonderschulwesen wie die Bundesrepublik. Acht verschiedene Kategorien, für die eigene Lehrpläne existieren und spezielle Pädagogen ausgebildet werden, kennt die Statistik der Kultusministerkonferenz - darunter zum Beispiel der Förderschwerpunkt für Gehörlose oder Sehgeschädigte.

Unter allen Schülern mit sonderpädagogischen Förderbedarf nehmen in Deutschland die Kinder mit Lernschwächen eine besondere Rolle ein. Fast die Hälfte der Kinder auf Sonderschulen wird auf eine Förderschule für Lernbehinderte verwiesen - eine Kategorie, die es so in keinem vergleichbaren Staat gibt. Dort gelten solche Schüler Kinder als "Langsamlerner“, die selbstverständlich in der Gemeinschaftsschule  unterrichtet und gefördert werden.

Auffällig ist außerdem, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland eine "Diagnose“ als Lernbehinderte gestellt bekommen und somit häufig keine Regelschule besuchen können. Auch machen Schüler, die blind, körperbehindert oder gehörlos sind, sich geistig jedoch völlig normal entwickeln, hierzulande nur sehr selten das Abitur, weil es kaum Spezialschulen mit einer Oberschule gibt.

Unentschlossenheit und föderale Einzelwege

Aufgrund solcher Strukturen sind hierzulande noch eine Menge Hausaufgaben bis zur erfolgreichen Umsetzung der UN-Konvention zu machen. Die Schwierigkeiten liegen zusätzlich am föderalen System, in dem jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht und außerdem an den chronisch leeren Kassen. "Inklusion“ kostest nämlich vor allem viel Geld: Unter anderem müssten Räumlichkeiten und deren Ausstattung flächendeckend an die neuen Bedingungen angepasst, Lerngruppen verkleinert und der Unterricht idealerweise von zwei oder mehr Pädagogen begleitet werden.

Die Zeit drängt. Für diesen Sommer wird, zwei Jahre nach der Ratifizierung, von der Bundesregierung ein erster Zwischenbericht an die UN erwartet. Der Stand der Dinge ist jedoch sehr uneinheitlich und die anpassenden Maßnahmen werden oft nur zögerlich eingeleitet. Das zeigt eine Umfrage der dpa bei den einzelnen Kultusministerien im Frühjahr 2010: Danach gibt es zum Beispiel in Bremen und Hamburg einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf Inklusion, während andere Bundesländer dies noch nicht umgesetzt haben. Besonders aktiv ist auch Rheinland-Pfalz. Mit einem Anteil von knapp vier Prozent hat es laut Umfrage bundesweit den niedrigsten Anteil an Kindern, denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert wird. Gut 15 Prozent dieser Kinder besuchen allgemeinbildende Schulen.

Halbherzige Bemühungen

Elterninitiativen äußern sich nicht selten kritisch zu den Fortschritten der Länder beim Thema Inklusion. Die Initiative "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen“ in Dorsten bezeichnet die bisherigen Bemühungen als nicht ausreichend und sogar beschämend. Sie prangert auf ihrer Webseite vor allem die Verzögerungspolitik derjenigen Bundesländer an, die bei PISA  besonders gut abgeschnitten haben: "Sachsen Bayern und Baden-Württemberg schließlich bilden in Deutschland die Achse der Integrationsverweigerer. Unter dem Deckmantel inklusiver Rhetorik wird der Integration von SchülerInnen mit Behinderung weiterhin tatkräftig behindert.“ Und Hessen wird der Vorwurf gemacht, dass ein Gesetzentwurf zwar vorläge, aber das Land für die Förderung der behinderten Kinder in den Regelschulen keinerlei Ressourcen bereit stellen wolle.

Schubladen im Kopf

Die Zeugnisse fallen für Deutschland im Vergleich zum europäischen Ausland also nicht gut aus. Das belegt auch die Statistik, wonach im europäischen Durchschnitt inzwischen achtzig Prozent aller behinderten Kinder die normale Regelschule und nur 20 Prozent die Sonderschule besuchen. In Deutschland ist es genau umgekehrt. Dass sich diese ernüchternden Zahlen nur mit der föderalem Wirrwarr und dem Mangel an Mitteln begründen lassen, bezweifeln jedoch Fachleute.

Für Ute Erdsiek-Rave, die dem Expertenrat "Inklusion“ der deutschen UNESCO-Kommission angehört, spielt bei der halbherzigen Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention möglicherweise auch die deutsche Mentalität eine Rolle, so ihre Einschätzung bei einem Interview mit dem ARD-Magazin "Monitor“: "Die europäischen Kollegen haben mal zu mir gesagt, ihr seid in Deutschland wohl besonders ordnungsliebend, ihr teilt eure Kinder gern in bestimmte Gruppen ein …Viele Menschen hängen immer noch der Überzeugung an, je besser man sortiert, desto besser wird gelernt. Also homogene Gruppen sind das A und O.“

Für Vanessa Dyrhoff von der Mühltalschule ist das Denken in Schubladen vor allem eine Eigenart der Erwachsenen: "Solche Barrieren gibt es bei Kindern nicht. Sie gehen natürlicherweise immer aufeinander zu, sind neugierig und jeder lernt dabei von jedem, gleichgültig wie verschieden sie sind.“

Vorbilder mit langjähriger Erfahrung

Ein Beispiel könnte man sich in Deutschland an der Schulpolitik Südtirols nehmen. Hier existieren schon seit dreißig Jahren keine Sonderschulen mehr und es ist selbstverständlich, dass gesunde Kinder und solche mit Handicaps oder Lernschwächen gemeinsam zur Schule gehen - zuerst in die Grundschule, dann alle zusammen in die Mittelschule. Erst in der Oberschule teilen sich die Bildungswege. Acht Schüler werden hier im Durchschnitt von einem Fachlehrer unterrichtet, der in jeder Klasse von einem Integrationslehrer unterstützt wird. Außerdem kümmert sich um jeden Schüler mit einer schweren Behinderung ein zusätzlicher Mitarbeiter und es gibt Rückzugsräume, wo Kinder einzeln betreut werden können. Ähnlich wie in Südtirol – ohne "Sortierung“ - läuft es auch in den skandinavischen Ländern – nach dem Motto "One school for all“.

Preisgekrönte Pionierarbeit

Hierzulande wird die Wandlung hin zu einem flächendeckenden "inklusiven“ Schulalltag wahrscheinlich ein langjähriger Prozess werden. Denn alte Schulstrukturen können nicht von heute auf morgen einfach abgeschafft werden. Dennoch gibt es einige Regelschulen, die auf diesem Gebiet auf ganz verschiedene Weise Pionierarbeit leisten und damit Vorbild sind.

An der Berliner Erika-Mann-Schule beispielsweise, wo Theaterprojekte eine zentrale Rolle spielen, sammelt man seit über 13 Jahren Erfahrungen mit dem pädagogischen Prinzip der Inklusion. Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf gehören hier selbstverständlich dazu. Dank individueller Förderung, der sogenannten "Binnendifferenzierung“ - existieren hier viele kleine und große Erfolgsgeschichten: Zum Beispiel das mutistische Mädchen, das anfangs mit niemanden sprechen wollte und schließlich einen Vortrag vor der Klasse hielt oder der Sonderschüler, der den Sprung auf die Realschule schaffte Die Berliner Schule bekam bereits 2009 mit zwei anderen Schulen den Jakob-Muth-Preis zugesprochen. Mit der Auszeichnung prämieren die Bertelsmann-Stiftung, die Behindertenbeauftragte des Bundes und die deutsche UNESO-Kommission Schulen, die sich für das geneinsame Lernen behinderter und nicht behinderter Schüler einsetzen.

Mehr möglich, als man denkt

Auch die preisgekrönte Regine-Hildebrandt-Schule im brandenburgischen Birkenwerder geht vorbildliche Wege durch die Verbindung zweier Schulsysteme. Die einstige Sonderschule für Körperbehinderte hat sich dort mit einer Gesamtschule zusammengetan und bietet einen Unterricht von der Grundschule bis zum Abitur an. In jeder Klasse sitzen drei bis vier Kinder mit Handicap, einige von ihnen schwerstbehindert und im Rollstuhl.

Das Werner-von-Siemens-Gymnasium in Bad Harzburg zeigt ebenfalls, dass viel mehr möglich ist, als bisher angenommen wurde: Seit einigen Jahren integriert die Oberschule behinderte Kinder in den Schulalltag, darunter auch Schüler mit Down-Syndrom. In den meisten Stunden lernen die Förderschüler mit ihren Klassenkameraden in einem Raum und die Unterrichtsinhalte sind so weit wie möglich aufeinander abgestimmt.

Ein Umdenken ist nötig

Um die Umsetzung der UN-Konvention schneller voranzutreiben, bedarf es vielleicht eines generellen Umdenkens in der Bildungspolitik- weg von traditionellen Mustern: Denn Schule hat eben nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen Erziehungsauftrag. Es geht bei der Inklusion nicht darum, dass am Ende des Schuljahres nach einheitlichem Lehrplan alle das Gleiche können, sondern es geht darum, dass jeder unabhängig von Herkunft und Handicap bestmöglich seine Fähigkeiten verbessern kann – die Hochbegabten genauso wie die Behinderten.

Der "Rat der behinderten Menschen in der Lebenshilfe“ hat dieses Ziel bei seiner Tagung "eine Schule für alle“ zusammengefasst: "Im Kindergarten oder der Schule muss es schon normal sein, verschieden zu sein. Es ist gut, wenn man von Anfang an lernen kann, dass man nicht immer Unterschiede machen muss. Man muss nicht immer abgrenzen.“ Den Rückhalt für eine solche "gemeinsame Schule für alle“ gibt es. Rund zwei Drittel der Eltern befürworten nämlich laut einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zur Schule der Zukunft, den gemeinsamen Unterricht für nichtbehinderte und behinderte Kinder.

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