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Koedukation: Sollten Mädchen und Jungs getrennt lernen?

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Sollten Mädchen und Jungs getrennt lernen?

01.09.2011, 09:39 Uhr | Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

Koedukation: Sollten Mädchen und Jungs getrennt lernen?. Koedukation: ein Auslaufmodell oder doch die beste Unterrichtsmethode? (Quelle: imago)

Koedukation: ein Auslaufmodell oder doch die beste Unterrichtsmethode? (Quelle: imago)

Jungs sind oft schlechter in Französisch oder Deutsch und Mädchen bringen häufig keine guten Leistungen in Mathe oder Physik. Liegt es daran, dass das gemeinsame "koedukative" Lernen die Schüler in ihrer Entwicklung ausbremst und das getrennte Lernen nach Geschlechtern doch besser ist? Solche Zweifel werden zurzeit wieder laut geäußert, obwohl die Koedukation, die Ende der 60er Jahre als revolutionäres Zeichen der geschlechtlichen Gleichberechtigung bundesweit eingeführt und bejubelt wurde, lange als unantastbares pädagogisches Modell galt. Kritiker befürworten eher getrenntes "monoedukatives" Pauken, da sich so Mädchen und Jungs beim Lernen besser entfalten und besser gefördert werden könnten. Bei welcher Unterrichtsform es sich aber letztendlich um das pädagogische Allheilmittel handelt, ist weiterhin unter Fachleuten umstritten. Und so gibt es an zahlreichen Schulen Versuche, Konzepte zu finden, die beide Modelle miteinander kombinieren.

Mädchen im Schatten von männlichen Dominanzverhalten?

Die ersten Zweifel am gemeinsamen Lernen gab es bereits in den 80er Jahren. Da waren sich einige Pädagogen nicht mehr so sicher, ob man den Mädchen nicht einen Bärendienst mit der Einführung der Koedukation erwiesen hätte. Und die Frauenzeitschrift "Emma" preschte mit der Parole nach vorne "Koedukation macht Mädchen dumm." Die verschüchterten Schülerinnen müssten getrennt von den lauten dominanten Jungs unterrichtet werden, damit sie im Unterricht besser vorankämen und mehr wahrgenommen würden, so die Forderung. Diese Verhaltensmechanismen wurden dann auch von einer Studie aus Nordrhein-Westfalen größtenteils belegt. Laut dieser wurden Jungs im Unterricht häufiger aufgerufen als Mädchen. Mädchen wurden zudem öfter unterbrochen, zeigten sich unsicher und ihre Beiträge wurden von den männlichen Mitschülern häufig abgekanzelt. Außerdem wurden Jungs mit guten Leistungen von Lehrern eher für aufgeweckt und intelligent gehalten und entsprechend talentierte Mädchen als fleißig und ordentlich beurteilt.

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Zudem, so die Untersuchungen, "missbrauchten" Pädagogen die Schülerinnen gerne als "sozialen Puffer", wie es in Lehrerkreisen heißt: Sie setzen brave Mädchen neben rüpelhafte Jungs, damit die kleinen Rambos ruhiggestellt werden. Die Lehrer kümmern sich gezwungenermaßen in erster Linie um die meist männlichen Radau-Macher und die Mädchen und deren Interessen werden entsprechend vernachlässigt. Den Kampf um die Herrschaft im Klassenzimmer gewinnen also meist die Jungs. Sie bestimmen, was in den Schulstunden läuft. Kritiker warfen der koedukativen Schule deshalb vor, die "traditionelle" Geschlechterhierarchie immer wieder neu zu reproduzieren.

Die eigentlichen "Bildungsverlierer" sind die Jungs

Völlig konträr dazu sind allerdings die aktuellen Argumente gegen das gemeinsame Lernen. Mittlerweile gelten nämlich nicht mehr die Mädchen als die Verlierer des Schulsystems, sondern die Jungs! Bildungspolitiker fordern deshalb vielerorts die Schule "jungengerechter" zu gestalten. Ein Gutachten über Geschlechterunterschiede im Bildungssystem des "Aktionsrates Bildung" stellte jüngst fest, dass Jungs offenbar tatsächlich benachteiligt sind. Demnach werden sie öfter als Mädchen verspätet eingeschult, bleiben öfter sitzen, sie landen häufiger auf Förder- und Hauptschulen und machen seltener Abitur als ihre weiblichen Mitschülerinnen. In den meisten Bundesländern müssen Jungs in der Grundschule mehr leisten, um den Sprung auf das Gymnasium zu schaffen. Die Studie stellte auch fest, dass sich Mädchen insgesamt "schulschlauer" verhielten und sich besser an die Anforderungen der Schule anpassten. Lehrer müssten deshalb stärker darauf achten, Jungs bei gleicher Leistung nicht aufgrund ihres weniger angepassten Verhaltens schlechter zu beurteilen.

Ein großer Nachteil für männliche Schüler sei es außerdem, dass das deutsche Bildungssystem weiblich dominiert sei. Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen vom "Aktionsrat Bildung" spricht von einer "Feminisierung" der Bildungseinrichtungen. Es fehlt für die Jungs also an männlichen Vorbildern in der Schule. Denn immer noch bestehen die Kollegien hierzulande durchschnittlich zu etwa 70 Prozent aus Frauen und an Grundschulen ist der weibliche Pädagogen-Anteil sogar bei über 80 Prozent. Auch der Lehrstoff ist vor allem in den sprachlichen Fächern eher "feminin" orientiert. Auswertungen von Schulbüchern ergaben, dass hier die erzählenden Texte in Deutsch genauso wie in anderen Sprachen vorherrschen und es beispielsweise an Gebrauchs und Sachtexten, die eher von Jungs bevorzugt würden, mangelt.

Ist unterschiedliches Lernen angeboren?

Befürworter der Monoedukation argumentieren oft mit Entwicklungsunterschieden der Gehirne, die für eine Trennung von Jungen und Mädchen im Unterricht sprächen. US-amerikanische Neurowissenschaftler fanden heraus, dass verschiedene Hirnregionen sich bei Jungs und Mädchen in anderer Abfolge und unterschiedlich schnell entwickeln. Die Untersuchung von über 800 Gehirn-Bildern, die über zwei Jahre von 387 Probanden zwischen drei und 27 Jahren aufgezeichnet wurden, brachte einige bemerkenswerte Ergebnisse: So zeigte beispielsweise der Hinterhauptlappen, der für die Verarbeitung von Bildinformationen zuständig ist, bei sechs bis zehnjährigen Mädchen eine besonders schnelle Entwicklung, die bei Jungs erst im fünfzehnten Lebensjahr in gleicher Weise feststellbar ist. Andere Studien wiesen Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Bereich der Sprachverarbeitung aus, nach denen das Sprachzentrum von vielen fünfjährigen Jungs, in etwa dem von dreijährigen Mädchen entspricht. Die Anhänger der Koedukation räumen zwar ein, dass es zwischen dem weiblichen und männlichen Gehirn Unterschiede gäbe, jedoch bezweifeln sie, dass dies im Laufe des Schullebens das individuelle Lernen beeinflusst.

Leistungslücken vergrößern sich in der Pubertät

Fakt ist jedoch, dass gerade während der Pubertät die Leistungslücke zwischen den Geschlechtern besonders stark wächst - in Deutschland ebenso, wie in allen westlichen Industriestaaten. Das zeigte jüngst eine Untersuchung der OECD, die die PISA-Daten genauer unter die Lupe nahm und dabei feststellte, dass 15-jährige Mädchen beim Lösen mathematischer Aufgaben deutlich hinter Jungs zurückliegen und diese wiederum schlechter lesen können als gleichaltrige Schülerinnen. Die Wissenschaftler machten dafür jedoch weniger unterschiedliche Hirnfunktionen oder den verstärkten Einfluss der Hormone in dieser Lebensphase verantwortlich, sondern nannten als Hauptursache das gängige Mann-Frau-Klischee und die damit verbundenen Vorurteile über typisch weibliches und männliches Verhalten. Daraus folgert die Studie, dass Mädchen über zu wenig Selbstvertrauen in ihre naturwissenschaftlichen Fähigkeiten verfügten und Jungs zum Lesen nicht genug ermutigt würden. Die Mär, dass Jungs besser rechnen und Mädchen besser lesen, sei demnach eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, so die Auswertung der OECD.

Parallele Monoedukation als Modellversuch

Um Lösungen aus dem Dilemma "Getrennt oder gemeinsam lernen" zu finden, versucht man etwa im nordrheinwestfälischen Mariengymnasium in Essen-Werden neue Wege zu gehen. Seit letztem Schuljahr lernen hier an der ehemaligen Mädchenschule auch Jungs - allerdings im Unterricht getrennt von den Mädchen. In den Pausen und den nachmittäglichen Arbeitsgemeinschaften sind die Schüler zusammen und können ganz im Sinne der Koedukation voneinander lernen. Dieses "Misch-Konzept" kommt bei den Eltern gut an, denn die Nachfrage nach Schulplätzen am Mariengymnasium ist groß und auch die Schüler finden den getrennten Unterricht positiv, zumal sie sich noch gut an die Grundschule erinnern, wo gemeinsam gelernt wurde. Ein Schüler erzählt in einem WDR-Bericht: "Ich finde es so eigentlich besser ohne Mädchen. Sonst zicken die wieder rum und sagen 'Herr Lehrer, der macht dies und das.' Und darauf habe ich dann keine Lust.“ Und ein anderer erzählt: "Die Mädchen an der Grundschule haben ein bisschen schneller gelernt als die Jungs. Und hier machen die das jetzt in einer Geschwindigkeit, die auch uns gerecht wird." Auch die Mädchen sind dankbar für den getrennten Unterricht. Eine Sechstklässlerin berichtet: "Ich finde es schön, dass nur noch Mädchen in der Klasse sind. Irgendwie ist jetzt mehr Ruhe. Und wenn man sich zum Beispiel mal verspricht, dann haben die Jungs sonst immer gleich losgelacht und es gab immer großes Chaos."

Auch im Unterricht stellen sich die Lehrer ganz gezielt auf die geschlechtsspezifischen Lernbedürfnisse ein. Vor allem bei den Jungs gilt es von den eher "weiblichen" Unterrichtskonzepten Abschied zu nehmen, so die Erfahrung von Lehrer Markus Niehaus: "Methodisch ist es so, dass wir Lehrer hier eine höhere Steuerungsfunktion haben und dann im Unterricht stärker eingreifen müssen, während wir die Mädchen schon früher in die Gruppen und Partnerarbeit entlassen können." Auch wurde am Mariengymnasium versucht bei den Jungenklassen männliche beziehungsweise bei den Mädchen weibliche Klassenlehrer einzusetzen oder den Jungs durch eher sachliche Texte, Fächer wie Französisch oder Deutsch schmackhaft zu machen. Bei den Mädchen hat sich zudem der Effekt eingestellt, dass sie durch die Abwesenheit männlicher Mitschüler engagierter und selbstbewusster in den eher "maskulinen" Fächern wie Mathe, Physik und Chemie agieren. In der Oberstufe werden die Schüler und Schülerinnen dann wieder in gemeinsamen Kursen unterrichtet, da dies für die spätere Berufswirklichkeit sinnvoll erscheint.

Getrennter Unterricht fördert die Leistungsbereitschaft

Ähnliches getrenntes Miteinander wurde auch an der Kerschensteinerschule in Frankfurt erprobt. Um die Dominanz der oftmals schon volljährigen Jungs in der Abschlussklasse für die mittlere Reife zu minimieren, wurden die Schüler nach Geschlecht getrennt. Die Reaktionen der Jugendlichen waren meist positiv. Anfangs, so die Schulleiterin in einem Bericht des "Tagesspiegel", hätten die Mädchen die Trennung von den Jungs etwas bedauert, weil sie die "lustige" Interaktion mit dem männlichen Geschlecht vermisst hätten. Doch das Lernklima sei leistungsfördernder geworden, weil die Schülerinnen und Schüler keine Kraft mehr auf die Abgrenzung vom anderen Geschlecht verwenden müssten. Vor allem die jungen Männer müssten sich nicht mehr permanent vor den Mädchen profilieren.

Doch es gibt auch kritische Meinungen zu derlei schulischen Trennungsmaßnahmen. In einem Internetforum zu diesem Thema meint ein Oberstufenschüler: "Man verbringt die ganze Pubertät in der Schule. Wenn es dann nicht wichtig ist, den Umgang miteinander zu lernen. Wann dann?" Eine Siebzehnjährige schreibt: "Mädchen und Jungen können sich sehr gut ergänzen. Beim Sportunterricht aber finde ich es angenehm, wenn sich die Jungs beim Fußball austoben, während die Mädchen tanzen." Und ein 16-jähriger Realschüler fragt: "Wie können Jungen und Mädchen später lernen gleichberechtigt miteinander am Arbeitsplatz umzugehen, wenn sie es in der Schule nicht gelernt haben?"

Ist "geschlechtssensibler" Unterricht der goldene Mittelweg?

Solche Einwände werden bei der "reflexiven, geschlechtssensiblen Koedukation" berücksichtigt. Dieses Konzept, das mittlerweile vermehrt in Deutschland praktiziert wird, basiert darauf, dass im gemeinsamen Unterricht die Pädagogen verstärkt auf die konkreten Lernbedürfnisse beider Geschlechter eingehen. Das heißt männliche und weibliche Schüler sollen gleichermaßen - wenn möglich in kleineren Gruppen - spezifisch gefördert werden, in dem Bewusstsein, dass sie jeweils unterschiedliche Verhaltensweisen und Einstellungen mitbringen. In der Praxis sieht das dann so aus: In Deutsch wird beispielsweise versucht nicht nur Mädchenliteratur sondern auch Jungenbücher mit sachlicher Orientierung zu behandeln, in den Naturwissenschaften unterrichten mehr Lehrerinnen und in speziellen Fortbildungen werden die Pädagogen geschult auf das "weibliche" beziehungsweise "männliche" Lernen einzugehen. Getrennter Unterricht soll dagegen nur phasenweise stattfinden. Das Ziel dieses Modells ist es, einerseits den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich mit tradierten Geschlechterrollen auseinanderzusetzen, aber andererseits langfristig zu versuchen, solche Stereotypen aufzulösen und Vorurteile wie "Lesen ist nichts für Jungs" oder "Mathe ist nichts für Mädchen" zu widerlegen.

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