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Sexuelle Belästigung: Lehrer als Täter

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Sexuelle Belästigung  

Wenn der Lehrer zum Täter wird

31.10.2012, 11:37 Uhr | Simone Blaß, t-online.de

Sexuelle Belästigung: Lehrer als Täter. Lehrer müssen die nötige Distanz wahren. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Lehrer müssen die nötige Distanz wahren. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eine Studie der Universität Bremen hat ergeben, dass 4,3 Prozent aller Schüler ab der siebten Klasse durch Lehrer mit Worten sexuell belästigt werden. 3,3 Prozent der Befragten berichteten sogar von körperlich-sexuellen Übergriffen. Die Folge ist in erster Linie Angst. Angst, dass einem nicht geglaubt wird, aber auch Angst, bei den Noten benachteiligt zu werden. Also schweigen die Opfer.

Verliebt in den Lehrer - keine Seltenheit

Fast alle Mädchen der 9c schwärmten für den neuen Englischlehrer, und das blieb dem 32-Jährigen nicht verborgen. Man merkte ihm an, dass er die Situation genoss. Flapsige Bemerkungen waren an der Tagesordnung und nicht selten vergriff der Lehrer sich dabei im Ton. "Wenn ich ehrlich bin, habe ich es schon darauf angelegt, ihn nervös zu machen und dabei meine Mitschülerinnen auszustechen", erinnert sich Astrid. Die Geschichte ist lange her, aber bis heute verspürt sie einen üblen Nachgeschmack, wenn sie daran zurückdenkt. "Für mich war es ein Spiel. In erster Linie ging es mir darum, mir zu beweisen, dass ich diese Nuss knacken könnte." Und die Nuss ließ sich nur zu gern knacken. Nach ein paar Wochen fuhr die Klasse auf Klassenfahrt und beim abschließenden Lagerfeuer blieben zwei länger sitzen als die anderen.

Vor allem Mädchen geben sich selbst die Schuld

"Bis zum ersten Kuss habe ich mich gefühlt wie eine Königin. Aber ab diesem Zeitpunkt fühlte sich alles falsch an. Jede seiner Berührungen war irgendwie komisch, in meinem Inneren wusste ich, dass es nicht richtig war. Doch es hat viele Wochen gedauert, bis ich es geschafft habe, ihm klarzumachen, dass ich das alles nicht will." Als Astrid den ehemaligen Lehrer Jahre später auf einem Klassentreffen wiedersieht, ist da nur noch Scham - und Ekel. Auch vor sich selbst. Heute noch. Ein Gefühl, das viele Mädchen in einer ähnlichen Situation trifft. Sie geben sich selbst die Schuld. Und so manches Mal verstummen auch die Kommentare über zu kurze Röcke oder zu große Ausschnitte nicht.

Die Sicherheit Schutzbefohlener sollte oberste Priorität haben

Dabei ist es der Lehrer, der es keinesfalls hätte soweit kommen lassen dürfen. Er trägt die Verantwortung. Lässt sich ein Lehrer den Kopf verdrehen und dazu hinreißen, Grenzen zu überschreiten, so macht er sich strafbar. Allerdings haben die Gerichte dabei Spielraum. Das zeigt eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Koblenz, das einen Lehrer in letzter Instanz frei sprach. Ihm wurde vorgeworfen, in 22 Fällen Sex mit einer 14-jährigen Schülerin gehabt zu haben. Allerdings war er nur der Vertretungslehrer und damit war er, so das Gericht, nicht maßgeblich an der Erziehung beteiligt. Der Freispruch ist reichlich umstritten und hat auch die Politik auf den Plan gerufen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) teilte mit, dass die Schulgesetze diesbezüglich überprüft werden müssten. Die Sicherheit Schutzbefohlener habe oberste Priorität.

Hier spielt auch die Moral eine Rolle

Denn bei einem Schüler handelt es sich grundsätzlich um einen Schutzbefohlenen in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis. Eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler steht also immer unter dem Verdacht, dass das Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt werden könnte. Selbst dann, wenn der Schüler über 18 Jahre alt ist. Das Beamtenrecht ist hier sehr streng. Schließlich beruht es nicht nur auf rechtlichen Standpunkten, sondern beinhaltet auch moralische Vorgaben und Wertvorstellungen, die wiederum der Hintergrund für das Verbot einer Beziehung zwischen Lehrer und Schüler sind. Das Disziplinarrecht behält sich daher vor, Verfehlungen zu verurteilen und zu bestrafen.

Schüler werden oft nicht ernst genommen

Dass es überhaupt so weit kommt wie zwischen Astrid und ihrem Englischlehrer ist aber trotzdem wohl eher selten. Viel häufiger sind anzügliche Bemerkungen, Berührungen wie durch Zufall, "Hilfestellungen" beim Sportunterricht - die Varianten sexueller Übergriffe von Lehrern auf Schüler sind zahlreich. Meist sind sie nicht wirklich greifbar und hinterlassen lediglich einen faden Nachgeschmack. Die Schüler sind dann verunsichert, wissen nicht, wie sie sich wehren sollen, vermuten, dass sie sich alles nur einbilden oder bekommen keinen Rückhalt, wenn sie sich zum Beispiel ihrer Familie anvertrauen. Herunterspielen ist hier eine gängige Methode. Man hat keine Beweise und schiebt schnell alles auf die Hormone und die damit zusammenhängende Überempfindlichkeit.

Lieber schweigen als einen falschen Verdacht auszusprechen?

In jeder Schulart kommen sexuelle Übergriffe vor, die weit überwiegende Mehrheit der Täter ist männlich, die Opfer weiblich. Die Kollegen können es sich nicht vorstellen und haben manchmal auch einfach Angst um ihren eigenen guten Ruf beziehungsweise den der Schule, wenn etwas ans Licht kommt. Sexueller Missbrauch ist schließlich ein Vorwurf, den man nicht einfach so in den Raum wirft. Selbst die Schulleitungen sind verunsichert und wissen oft nicht, wie sie auf eine Beschuldigung reagieren sollen. Auf der Seite von "Zartbitter e.V.", einer Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen, heißt es unter anderem zu diesem Thema: "In den meisten Fällen sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen in Institutionen beschreiben zumindest einige Mütter und Väter, Kolleginnen und Kollegen, dass sie 'immer schon so ein komisches Gefühl' gehabt hätten, jedoch keinen falschen Verdacht hätten aussprechen wollen." Man rät hier, jeden Verdacht grenzverletzender Verhaltensweisen von Kollegen und Kolleginnen im Team zu verbalisieren oder im Gespräch mit anderen Eltern die eigene Beobachtung sachlich zu benennen beziehungsweise sich die Unterstützung einer Beratungsstelle zu holen.

Ist die Grenze bei einem Schulterklopfen bereits überschritten?

Ganz klar, es handelt sich bei Lehrern, die bewusst sexuelle Übergriffe auf ihre Schüler starten, um schwarze Schafe. In den letzten Jahren sind den Schulbehörden beziehungsweise der Polizei nur wenige gravierende Fälle bekannt geworden. Wobei die Betonung auf "gravierend" liegt.

Die meisten Lehrer halten Distanz zu ihren Schülern. Körperkontakt ist nicht notwendig, nicht erwünscht und vor allem kann er schnell falsch interpretiert werden. Einerseits. Auf der anderen Seite ist das Ziehen einer Grenze hier sehr schwierig. Wird diese zum Beispiel bei einem ermutigenden Schulterklopfen bereits überschritten? Auch Richtlinien, wie sich ein Lehrer verhalten soll, können immer nur Richtlinien sein - abhängig von der Situation, und dem Verhältnis der Klasse zum Lehrer, so der Tenor der Lehrkräfte auf entsprechenden Internetseiten. "So sinnvoll ich einerseits Seiten wie "zartbitter.de" finde, so oft habe ich auch das Gefühl, dass hier nicht selten der realistische Blick verloren wird", fasst es eine Nutzerin einer Referendarseite zusammen. "Wenn all das, was dort als Grenzverletzung beschrieben wird, schon beginnende (sexuelle?) Übergriffe sind, hätten sich 99,9 Prozent aller Lehrer wohl schon strafbar gemacht."

Das persönliche Empfinden des Schülers ernst nehmen

Inge Spies, Schulleiterin des Johannes-Scharrer-Gymnasiums in Nürnberg, erklärt in einem Interview mit der schuleigenen Schülerzeitung, wo für sie sexuelle Belästigung beginnt: "Sexuelle Belästigung fängt für mich dann an, wenn ich mich in meiner Persönlichkeit verletzt fühle. Man kann die Grenzen eigentlich nicht richtig festlegen." Sie schlägt vor, den Lehrer anzusprechen, wenn einem etwas unangenehm ist. Wem das zu direkt ist, der kann entweder einen Verbindungslehrer aufsuchen oder auch zu den Mediatoren gehen, um dem entsprechenden Lehrer ein Signal zu geben, dass er sein Verhalten ändern muss. "Ich finde es besonders wichtig, dass man das persönliche Empfinden der Schülerin oder des Schülers ernst nimmt."

Man kann sich auch anonym Rat und Hilfe holen

Wird ein Kind oder Jugendlicher von einer Lehrkraft sexuell belästigt, so wird aus Scham oder Angst häufig geschwiegen. Wie immer bei sexuellem Missbrauch. Und auch, wenn ein Lehrer dabei keine Gewalt anwendet, so nutzt er doch seine Überlegenheit und Macht zur Befriedigung eigener Bedürfnisse aus.

Sexuell belästigte Kinder zucken bei Berührungen oft zusammen, leiden unter starken Stimmungsschwankungen oder unkontrollierten Wutausbrüchen, zeigen Essstörungen oder drücken sich vor bestimmten Unterrichtsstunden. Aber dies können auch Anzeichen für ganz andere Probleme sein. Genau hinschauen muss man auf jeden Fall. Hilfe finden sowohl Betroffene als auch deren Eltern bei Vereinen wie "Wildwasser" oder "Zartbitter" beziehungsweise dem Deutschen Kinderschutzbund. Auch bei der "Nummer gegen Kummer" oder anderen Krisentelefonen findet man Unterstützung. Anonym und kostenlos.

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