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Andreas Schleicher im Interview: "Pisa hat viel bewegt"

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"Mr. Pisa" Andreas Schleicher im Interview  

"Schüler müssen besser als Smartphones sein"

13.02.2015, 14:31 Uhr | Claudia Staub, t-online.de

Andreas Schleicher im Interview: "Pisa hat viel bewegt". Andreas Schleicher ist der internationale Koordinator der Pisa-Tests. (Quelle: dpa)

Andreas Schleicher ist der internationale Koordinator der Pisa-Tests. (Quelle: dpa)

Als 2001 die Ergebnisse des ersten Pisa-Tests bekannt wurden, stürzte Deutschland in eine bisher nicht gekannte Auseinandersetzung über Bildung. 14 Jahre und etliche Reformen später muss das System Pisa selbst vermehrt Kritik einstecken, es schade den Schülern und führe zu kurzfristiger Schulpolitik. Dennoch bleibt die Frage: Was müssen Schüler wissen? Sollen sie fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt oder zählen auch Fähigkeiten wie Meinungsbildung und Demokratieverständnis? Im Interview mit t-online.de erklärt der Koordinator der Pisa-Studie, Andreas Schleicher, was erfolgreiche Schulsysteme ausmacht.

t-online.de: Hätten Sie je gedacht, dass Pisa derartige Kreise zieht und eine regelrechte Branche geworden ist?

Andreas Schleicher: Sicher nicht, aber ich freue mich, dass Pisa so viel bewegt hat. Im europäischen Vergleich steht Deutschland heute sehr viel besser da, insbesondere ist es gelungen, die großen sozialen Disparitäten zu reduzieren. So weisen Schüler mit Migrationshintergrund heute deutlich bessere Leistungen vor.

Allerdings war die Veränderungsdynamik in den asiatischen Staaten noch deutlich stärker ausgeprägt. Deshalb hat sich der Leistungsabstand zu den Bildungssystemen zum Beispiel in Singapur oder Shanghai deutlich vergrößert. Es bleibt also noch viel zu tun.

Kritiker werfen Ihnen vor, sich nur auf messbares Wissen von Schülern zu konzentrieren. Was ist mit anderen Fähigkeiten, die für Persönlichkeitsentwicklung und Bildung wichtig sind - wie zum Beispiel künstlerische Talente, sich eine Meinung zu erarbeiten oder moralisches Handeln?

Es ist richtig, dass wir Pisa konsequent weiterentwickeln müssen. 2000 waren wir noch nicht in der Lage, kreative Problemlösekompetenz zu messen, heute ist das fester Bestandteil der Pisa-Studie und wir arbeiten gerade an der Messung sozialer Kompetenzen. Dennoch gibt es noch viele wichtige Bereiche, die jenseits des Messbaren liegen, und daran müssen wir arbeiten. Denn was wir nicht messen können, wird oft nicht ausreichend beachtet.

Allerdings macht all das die von Pisa erfassten Kompetenzen nicht weniger wichtig. Es wäre auch fatal, wenn wir aus dem Mangel an mathematischer Kompetenz auf den Überfluss künstlerischer Talente schließen würden.

Kritisches Denken und kreatives Problemlösen wurden mehrfach von Ihnen als die zentralen Fähigkeiten des 21. Jahrhunderts genannt. Wie kann man das messen?

Kognitive Routinefähigkeiten verlieren im digitalen Zeitalter immer mehr an Wert, sie lassen sich immer besser digitalisieren, automatisieren und outsourcen. Es zählt heute weniger, ob ich bestimmtes Wissen abrufen kann, sondern ob es mir gelingt, mein Wissen kreativ auf neue Zusammenhänge anzuwenden.

Heute lässt sich fast jede Multiple-choice-Aufgabe eines herkömmlichern Schultests mit Hilfe eines Smartphones in Sekundenschnelle lösen. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder nicht nur fast so gut wie ein Smartphone sind, dann müssen wir die Ziele höher stecken. Die letzten Pisa-Ergebnisse zeigen allerdings, dass es den 15-jährigen Schülern in Deutschland bei den für die Zukunft so wichtigen kreativen Problemlösefähigkeiten oft mangelt.

Wie können Schulen diese zentralen Fähigkeiten vermitteln?

Durch guten, problemorientierten Unterricht.

Geschieht durch die Pisa-Tests nicht genau das Gegenteil? Länder wollen kurzfristige Verbesserungen im Ranking erreichen und fokussieren sich deshalb auf abfragbares, messbares Wissen.

Nein, da Abfragewissen bei Pisa sehr wenig Gewicht hat, lassen sich damit auch keine verbesserten Leistungen erzielen. Die Staaten, die bei Pisa am meisten hinzugewonnen haben, haben vieles gemeinsam. Traditionell sind Lehrer und Schulen in Deutschland die letzte ausführende Instanz eines komplexen Verwaltungsapparates.

Die leistungsfähigsten Schulsysteme hingegen messen sich daran, was die Schule als selbstständige und pädagogisch verantwortliche Einheit leisten kann, die den individuellen Lernfortschritt in den Mittelpunkt stellt und Verantwortung für ihre Ergebnisse übernimmt, anstatt diese auf andere Schulformen oder weniger anspruchsvolle Bildungswege abzuwälzen.

Ihren Lehrern gelingt es, das Potenzial aller Schüler zu mobilisieren, die außergewöhnlichen Fähigkeiten gewöhnlicher Schüler zu entdecken und zu fördern, durch Lehr- und Lernformen, die nicht defizitär angelegt sind, sondern wirklich auf den einzelnen Schüler zugeschnitten sind.

Ebenso zeichnen sie sich durch ein Arbeitsumfeld aus, dessen Attraktivität nicht auf dem Beamtenstatus, sondern auf Kreativität, Innovation und Verantwortung beruht, und das Differenzierung im Aufgabenbereich, Verantwortung für Lernergebnisse und gute Unterstützungssysteme anbietet, so dass Lehrer am Ende nicht als Einzelkämpfer im Klassenzimmer dastehen.

Deutschland schnitt bei den bisherigen Pisa-Tests eher mittelmäßig ab, ist wirtschaftlich aber sehr erfolgreich. Wie erklären Sie sich das?

Bei solchen Vergleichen muss man vorsichtig sein. Vor 40 Jahren war Deutschland im Bildungsvergleich an der Weltspitze, darauf baut ein Großteil unserer heutigen Wirtschaftskraft auf. Seitdem haben viele andere Staaten aber aufgeholt, und das wird es uns zukünftig schwieriger machen.

Wie sieht die Zukunft von Pisa aus? Soll es im Dreijahresrhythmus immer so weiter gehen?

Die Zukunft der Pisa-Studien wird von den Mitgliedstaaten immer wieder neu definiert.

Das Interview führte Claudia Staub.

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