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Betrug im Gesundheitswesen: "Die sterben doch eh"

13.07.2012, 11:11 Uhr | dpa

Betrug im Gesundheitswesen. "Die sterben doch eh". Ex-Polizist Frank Keller arbeitet bei der Techniker-Krankenkasse (Quelle: dpa)

Ex-Polizist Frank Keller arbeitet bei der Techniker-Krankenkasse (Quelle: dpa)

Manche Betrüger sind einfach zu doof, um durchzukommen: Wer ein Abrechnungsformular fälscht und dabei zehn Rechtschreibfehler in den Vordruck schmuggelt, darf sich nicht wundern, wenn die Krankenkasse nicht darauf reinfällt. Aber nicht immer sind die Abzock-Versuche so leicht zu durchschauen. Daher gibt es bei allen Krankenkassen Betrugs-Detektive. Manche sind sogar ehemalige Polizisten wie Frank Keller (52), der Leiter der "Stelle zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen" bei der Techniker-Krankenkasse (TK).

Nach 17 Jahren beim Grenzschutz und sieben Jahren als Ausbilder von Sicherheitsfachleuten wechselte der Lüneburger 1999 ins Gesundheitswesen. Er baute eine "Ermittlungsgruppe Abrechnungsmanipulation" auf, die heute 18 Leute beschäftigt - vom Juristen über den Datenbank-Analysten bis zu Fachleuten für die einzelnen Bereiche im Gesundheitswesen. Einmal im Monat trifft er sich mit seinen Kollegen von anderen Kassen, um gemeinsam aktuelle Fälle durchzusprechen. "Wer betrügt, der betrügt ja nicht nur eine Kasse", erklärt Keller.

Nur manchmal geht es gut

Ein Zahnarzt kauft billigen Zahnersatz in China und stellt den teureren in Rechnung; eine Hebamme schreibt eine nächtliche Beratung auf, die es nicht gab; eine Klinik berechnet Röntgen als ambulante Leistung, obwohl es in der Fall-Pauschale bereits enthalten ist; Drogensüchtige fälschen Rezepte... Manchmal geht das jahrelang gut - wie bei einem Heilpraktiker aus Bayern, der 20 Jahre abrechnete als wäre er ein Allgemeinarzt.

Entdeckt werden Tricksereien zum Beispiel, weil jemand einen Verdacht meldet. "Wir bekommen etwa vier Meldungen am Tag", sagt Keller, "1700 Fälle haben wir in der laufenden Bearbeitung". Die Tipps kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken. Meist sind es Versicherte, "aber das kann auch die entlassene Zahnarzthelferin sein oder die betrogene Zahnarztgattin." Einmal hat ein Sanitätshaus bemerkt, dass ein Wohnungsentrümpler Rollstühle weiterverkauft, die nach dem Tod der Patienten der Kasse zurückgegeben werden müssten.

"Die sterben doch eh"

Kellers größter Fall kam durch Selbstanzeige ans Licht: Ein Pharmagroßhändler aus Dänemark verkaufte geschmuggelte und in Deutschland nicht zugelassene Krebsmedikamente an deutsche Apotheken. Normalpreis 2000 Euro pro Einmaldosis Chemotherapie, Einkaufspreis in Asien ein paar hundert Euro. Die Apotheken kauften nicht nur billig ein und bekamen von den Kassen den vollen Preis erstattet, sie spielten auch mit dem Leben der Patienten. Keller und seine Kollegen zeigten 80 Apotheken an. Eine der Reaktionen: "Die sterben doch eh."

Im TK-Abrechnungszentrum in Duisburg werden monatlich drei Millionen gescannte Rezepte gescannt und elektronisch geprüft. Wenn es Ungereimtheiten gibt, wirft das System das Rezept aus und Fachleute suchen im Kellerarchiv das Original heraus und nehmen es - mit weißen Handschuhen - unter die Lupe. Ein Medikament zur Wachstumsförderung für einen Erwachsenen? Schmerztropfen für unzählige Leute, die alle in der gleichen Straße wohnen? Wenn man weiß, dass solche Präparate hohe Schwarzmarktpreise in der Bodybuilderszene erzielen, ist Vorsicht angebracht.

Abrechnungssystem macht es einfach

"Meine Erfahrung sagt mir, dass in jedem Leistungsgebiet betrogen wird", glaubt Keller, der von sich selbst sagt, er sei "im 53. Ausbildungsjahr". Zahlen will er dennoch nicht nennen: "Es gibt keine verlässlichen Zahlen im Gesundheitswesen". Nicht einmal die These, dass die Selbstbedienungsmentalität zunimmt, würde er unterschreiben: "Je mehr man kontrolliert, desto mehr findet man." Dass das Abrechnungswesen kompliziert ist, mache es Betrügern vielleicht einfach, "entscheidend aber ist die kriminelle Energie."

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