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Borreliose-Diagnosen sind oftmals falsch - Gefahr falscher Behandlung

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Tückische Zeckenkrankheit  

Viele Borreliose-Diagnosen sind falsch

30.07.2014, 12:30 Uhr | Ann-Kathrin Landzettel

Borreliose-Diagnosen sind oftmals falsch - Gefahr falscher Behandlung. Borreliose: So sieht die typische Wanderröte aus.  (Quelle: Dr. Tobias Rupprecht, HELIOS Klinikum München West)

Borreliose: So sieht die typische Wanderröte aus. (Quelle: Dr. Tobias Rupprecht, HELIOS Klinikum München West)

Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Konzentrationsschwäche – bei diesen Symptomen werden viele Ärzte hellhörig. Zeigt ein Bluttest dann noch die passenden Antikörper an, ist die Diagnose schnell gestellt: Borreliose. "Doch diese Diagnose ist häufig falsch“, sagt Dr. Tobias Rupprecht, Leiter der Borreliose-Ambulanz und leitender Oberarzt der Neurologie am Helios Klinikum München West. Die Folge einer falschen Diagnose sind unnötige und gefährliche Therapien. Gemeinsam mit dem Experten haben wir einen Leitfaden für Patienten zusammengestellt, um Fehldiagnosen zu umgehen.

Die Symptome einer Borreliose zu erkennen, ist nicht einfach. "Wir unterscheiden zwischen typischen und atypischen Symptomen“, erklärt Rupprecht. "Zwei typische Symptome sind die Wanderröte und das Bannwarth-Syndrom. Bei der Wanderröte handelt es sich um einen roten Kreis auf der Haut, der nach einem Zeckenstich auftritt. Das ist ein deutliches Zeichen für eine Übertragung von Borrelien.“ Allerdings trete die Rötung nicht immer sofort im Anschluss an den Stich auf. Sie könne auch zeitverzögert sichtbar werden. Der Betroffene denke dann oft nicht mehr an eine Zecke, gibt der Experte zu bedenken.

Wanderröte von Mückenstichen unterscheiden

Aufmerksam werden muss man bei Rötungen, die größer als fünf Zentimeter im Durchmesser sind. Meist ist die Rötung kreisförmig und in ihrem Inneren etwas heller. Manchmal kann man in der Mitte zudem eine weitere Rötung an der Einstichstelle der Zecke erkennen. Aber auch bei Rötungen, die zuerst sehr klein sind und sich dann immer weiter ausdehnen, sollte man vorsichtig sein.

Doch wie kann man die Wanderröte von einem Mückenstich unterscheiden? "In den meisten Fällen juckt die Wanderröte nicht“, erklärt Rupprecht. "Sie kann zudem auch eine violette Färbung haben, kleine Bläschen beinhalten und manchmal brennen. Es kann aber auch sein, dass sie kaum zu sehen ist.“ Das Tückische sei zudem, dass die Wanderröte oft völlig unbemerkt wieder verschwinde. Wer sie als Symptom nicht wahrgenommen hat, riskiert, dass eine Borreliose nicht behandelt wird. Dann drohen dauerhafte Schäden an Organen, darunter auch das Nervensystem und Gelenken.

Bannwarth-Syndrom beschreibt das zweite Stadium einer Borreliose

Bei dem Bannwarth-Syndrom handelt es sich bereits um ein zweites Stadium der Erkrankung.  Es tritt auf, wenn der Patient von der sogenannten Neuroborreliose betroffen ist, die Borrelien also das Nervensystem befallen haben. "Die Borrelien befallen das Nervensystem häufiger als andere Organe oder Gelenke“, erklärt der Experte.

Wird das Nervensystem angegriffen, kommt es, meist nachts, zu wandernden Schmerzen im Rumpfbereich, die ihren Ursprung häufig in der Wirbelsäule haben. Auch Lähmungserscheinungen, unter anderem im Gesicht, sind mögliche Symptome des Bannwarth-Syndroms. "Die Neuroborreliose kann nur mit Hilfe einer Nervenwasser-Untersuchung sicher diagnostiziert werden“, erklärt Rupprecht.

Unklare Symptome führen oft in die Irre

Symptome wie Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, Gelenkschmerzen und  -schwellungen sowie Schwäche und Unwohlsein zählen zu den atypischen Symptomen, wie Rupprecht weiß. "Diese Symptome könnten sehr viele Ursachen haben, beschreiben im Symptom-Katalog der Ärzte aber eben auch eine Borreliose. Und hier liegt die Gefahr“, erklärt der Zeckenexperte.

Bluttest für eine Diagnose oft zu ungenau

Meist werde aufgrund der Symptome ein Bluttest gemacht, der borrelientypische Antikörper erkennen soll. Doch dieser sei für eine Diagnose nur bedingt geeignet, gibt Rupprecht zu bedenken. "Entweder kann der Test noch keine Antikörper feststellen, weil die Ansteckung noch zu frisch ist. Dann ist das Risiko gegeben, dass eine Borreliose nicht erkannt wird. Oder der Test entdeckt zwar Antikörper, aber diese sind nicht gegen Borrelien gerichtet. Das heißt, es wird eine Borreliose diagnostiziert, obwohl keine vorliegt.“

Oft bekämpft das Immunsystem Borreliose erfolgreich

Zudem könne der Test auch nicht erkennen, in welchem Stadium sich die Borrelien-Infektion befinde. Es sei nicht klar, ob die Erreger schlafen, aktiv sind oder ob das Immunsystem sie sogar bereits erfolgreich bekämpft habe, bemängelt der Experte. "Wir müssen uns bewusst machen, dass zehn bis 20 Prozent der Deutschen Borrelien-Antikörper im Blut haben, obwohl sie nicht erkrankt sind. Es sind Überbleibsel einer Infektion, die der Körper erfolgreich bekämpft hat“, sagt Rupprecht.

Bluttest im Zweifel mit anderen Untersuchungen ergänzen

Um die Erreger sicher erkennen zu können, reiche der Bluttest allein nicht aus. Bei Verdacht auf eine durch Borrelien ausgelöste Gelenkentzündung oder eine Neuroborreliose sollte zusätzlich  eine Gelenkflüssigkeitsprobe oder eine Nervenwasser-Untersuchung durchgeführt werden, sagt der Zeckenspezialist. Besonders dann, wenn sich der Arzt bei der Diagnose unsicher sei. Eine weitere Möglichkeit stelle die Entnahme einer Hautprobe dar, die von dem Bereich genommen werden, in der die Wanderröte auftrete.

Bis zu 90 Prozent der Neuroborreliose-Diagnosen falsch

Im Zweifel stellten diese zusätzlichen Untersuchungen eine wichtige Unterstützung für die richtige Diagnose dar, ist sich Rupprecht sicher und verweist in diesem Zusammenhang auf eine Neuroborreliose-Untersuchung des Robert-Koch-Institutes (RKI) von 2010. Diese habe gezeigt, dass bei 100 Neuroborreliose-Meldungen tatsächlich nur zehn Personen wirklich betroffen waren. Bei den anderen 90 Personen sei die Diagnose falsch gewesen.

"Es sollte uns zu denken geben, dass die Gefahr einer falschen Diagnose so groß ist“, sagt der Zeckenexperte. "Meine Berufspraxis zeigt mir tagtäglich, dass die Anzahl der Fehldiagnosen auch aktuell immer noch sehr hoch ist.“ Das Risiko dabei sei, dass bei einer falschen Diagnose eine Behandlung erfolge, die mehr schade als nutze, betont Rupprecht.

Wie viele Betroffene es gibt, ist unklar

Wie viele Deutsche tatsächlich von der Erkrankung betroffen sind, ist nur schwer einzuschätzen: "Die Angaben weisen große Unterschiede auf“, sagt Rupprecht. "Laut einer Würzburger Studie sind etwa 60.000 Menschen in Deutschland betroffen. Fragt man die Krankenkassen, sind es ungefähr 200.000. Die Spanne ist enorm, was unter anderem auch daran liegt, dass die Krankenkassen alle Borreliose-Diagnosen der Ärzte mitgeteilt bekommen. Darunter sind eben auch die falschen.“

Maximal vier Wochen Antibiotika einnehmen

"Eine Borreliose wird am erfolgreichsten mit Antibiotika behandelt“, erklärt Rupprecht. "Diese Behandlung darf höchstens zwei bis drei Wochen erfolgen, maximal vier. Dann drohen starke Nebenwirkungen durch das Medikament.“ Das Problem aber ist, dass viele Patienten über einen sehr langen Zeitraum hinweg mit Antibiotika behandelt werden, da sich ihre Symptome nicht verbessern. "Wie auch, wenn keine Borreliose vorliegt“, sagt Rupprecht.

Die Folgen können dramatisch sein. "Die Nebenwirkungen sind gefährlich“, warnt der Mediziner. "Entweder entwickelt der Patient eine Antibiotika-Resistenz, das heißt, dass die Medikamente bei ihm ihre Wirkung verlieren. Oder es kann zu lebensbedrohlichen Darminfektionen kommen. Auch ein kompletter Pilzbefall der Haut sowie ein anaphylaktischer Schock können drohen.“

Pflanzlichen Präparaten mit Skepsis gegenüberstehen

Pflanzlichen Präparaten gegenüber solle man besser vorsichtig sein, rät Rupprecht. Denn auch diese könnten Nebenwirkungen haben. Außerdem seien sie meist nicht ausreichend getestet. Studien, welche die Wirksamkeit belegen, gebe es in der Regel nicht. "Ich sehe bei einer Borreliose, die durch Bakterien ausgelöst wird, keinen Grund, nicht zu Antibiotika zu greifen“, sagt Rupprecht. "Studien haben gezeigt, dass dies das Medikament der Wahl ist.“ 

Borreliose-Leitfaden für Patienten

Rupprecht rät Patienten, sich an folgendem Leitfaden zu orientieren, um Fehldiagnosen möglichst zu umgehen:

  • Wenn Sie im Freien waren, untersuchen Sie sich aufmerksam nach Zecken und entfernen Sie diese rasch

  • Achten Sie sorgfältig darauf, ob sich eine Wanderröte auf Ihrer Haut zeigt

  • Gehen Sie zum Arzt, wenn Sie eine Wanderröte bei sich feststellen, nächtliche Schmerzen im Rumpfbereich haben oder plötzlich untypische Symptome bei sich beobachten

  • Wird eine Borreliose aufgrund unspezifischer Symptome diagnostiziert, holen Sie sich sicherheitshalber noch eine zweite Meinung ein

  • Werden Sie aufmerksam, wenn Sie länger als zwei bis drei, maximal vier  Wochen Antibiotika einnehmen sollen

  • Helfen Antibiotika nicht, ziehen Sie eine andere Erkrankung in Betracht und teilen Sie Ihren Verdacht einem Arzt mit. Rheuma beispielsweise wird oft mit Borreliose verwechselt

  • Bei schubweise auftretenden Beschwerden sollten Sie auch eine andere Diagnose in Erwägung ziehen

  • Seien Sie skeptisch bei allen Behandlungsmethoden, die Sie selbst zahlen sollen, wie beispielsweise teure Kräuter-Kuren. Fragen Sie nach Studien und Daten, welche die Wirksamkeit belegen

Neuer Marker soll Borreliose sicher erkennen können

Aktuell forscht Rupprecht mit einem Team an einem neuen Marker, der es möglich machen soll, die Borrelien sicher zu erkennen. Der sogenannten "Spirofind“-Test setzt nicht auf Antikörper im Blut, sondern auf die weißen Blutkörperchen. Diese könnten eventuell Aufschluss über einen Befall geben, da sie bei der Bekämpfung akuter Entzündungen eine bedeutende Rolle spielen. Ihre Aktivität könnte wertvolle Hinweise auf eine Infektion liefern. Ziel dieses Tests ist auch, herauszufinden, ob die Borrelien aktiv sind oder nicht. Erste Ergebnisse werden Ende nächsten Jahres erwartet.

Mehr Falschdiagnosen als nicht erkannte Borreliose

Dass eine Borreliose erkannt wird, ist von großer Wichtigkeit. Denn nicht immer wird das Immunsystem alleine mit den Erregern fertig. Eine unentdeckte Erkrankung kann dauerhafte Gelenkschäden, Lähmungen und andere Nervenschäden nach sich ziehen. Die Erkrankung muss also frühzeitig erkannt und behandelt werden - und das möglichst zuverlässig.

Aber auch Fehldiagnosen müssen vermieden werden, da durch eine unnötige Behandlung schwerwiegende Schäden zurückbleiben können. "Eine falsch diagnostizierte Borreliose ist meiner Erfahrung nach leider häufiger als eine nicht erkannte“, sagt Rupprecht. "Und die Nebenwirkungen einer Behandlung ohne Erkrankung können manchmal sogar schlimmer sein, als eine nicht rechtzeitig erkannte Borreliose.“

Doch Patienten müssen sich auch bewusst sein, dass sie einer Diagnose nicht hilflos ausgeliefert sind. Eine diagnostizierte Borreliose sollte durchaus kritisch hinterfragt und weitere Test durchgeführt werden. Auch eine zweite Meinung bietet zusätzliche Orientierung.

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