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"Arme Kinder haben auch weniger soziale Kontakte"

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So sieht Kinderarmut in Deutschland aus  

"Viele Kinder schämen sich für die Armut"

23.10.2017, 16:58 Uhr | Claudia Hamburger, t-online.de

Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt für längere Zeit in Armut. Die Forscher werteten Daten für 3180 Kinder über einen Zeitraum von fünf Jahren aus. (Screenshot: t-online.de)
Jedes fünfte Kind lebt in Deutschland in Armut

Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt für längere Zeit in Armut. Die Forscher werteten Daten für 3180 Kinder über einen Zeitraum von fünf Jahren aus.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung leben 21% der Kinder in Deutschland "dauerhaft oder wiederkehrend" in Armut. (Quelle: t-online.de)


Armut wird in Deutschland oft von Generation zu Generation vererbt. 2,7 Millionen Kinder leben hierzulande in Armut. Nina Ohlmeier, Sprecherin des Deutschen Kinderhilfswerks, erklärt, wie Kinderarmut konkret aussieht und was dagegen getan werden kann.

t-online.de: Frau Ohlmeier, wie sieht Kinderarmut in Deutschland konkret aus?

Nina Ohlmeier: Kinder, die in Armut leben, sind häufiger sozial isoliert, sie haben eine schlechtere Gesundheit und leben häufiger in beengten und belasteten Wohnverhältnissen ohne Spielplatz oder Grünfläche in der Nähe. Die Armut äußert sich zum Beispiel darin, dass sie nicht ins Kino gehen können, dass kein Geld fürs Schwimmbad da ist oder sie keine Geschenke kaufen und deswegen nicht an Geburtstagen teilnehmen können; dass sie selbst keine Kinder zum Geburtstag einladen können, bei dem eine Aktivität bezahlt werden muss. Oder auch darin, dass sie Scham haben, generell Kinder zu sich nach Hause einzuladen – und auch gar nicht das Geld, sie dann zu bewirten.

Also ist eine Folge der Armut auch ein Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben?

Genau. Es zeigt sich ganz deutlich, dass arme Kinder weniger soziale Kontakte haben und weniger Zeit draußen verbringen. Eben aus den genannten Gründen: Sie sind eher ausgeschlossen, schämen sich für die Armut, laden keine anderen Kinder zu sich ein, weil sie kein eigenes Zimmer haben, wo sie mit ihnen spielen können.

Resultiert aus der Armut auch psychischer Stress?

Ganz klar. Die ständige Angst davor, dass man nicht genug Geld hat, beeinflusst ja nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder und Jugendlichen. Dieser Stress, das zeigen Studien, wirkt sich auch auf die Kinder aus. Sie müssen dann oft Verantwortung übernehmen, die sie eigentlich nicht übernehmen müssten oder sollten. Deswegen finden wir als Deutsches Kinderhilfswerk es auch besonders wichtig, dass Kinder, die in Armut leben, die Möglichkeit haben, in den Urlaub zu fahren. Sie müssen mal raus aus dem Alltag, der insgesamt sehr belastend ist. Dafür gibt es ja auch teilweise Finanzierungsprogramme von den Bundesländern.

Versuchen betroffene Familien ihre Armut geheim zu halten?

Es gibt natürlich Eltern, die versuchen – in dem Maße, in dem sie es können – ihre Kinder das möglichst wenig spüren zu lassen. Sie versuchen, ihre Sorgen nicht auf ihre Kinder zu übertragen und gleichzeitig an sich selber zu sparen. Da kaufen sie sich selbst mal etwas nicht, damit sie den Kindern trotzdem noch etwas bieten können – ihnen zum Geburtstag etwas schenken oder mit ihnen mal eine Freizeitaktivität machen können. Auch Jugendliche sprechen häufig nicht so offen über ihre Armut, weil sie ihre Eltern nicht in eine schwierige Situation bringen wollen.

Gibt es Risikogruppen, die schneller in die Armut rutschen?

Ja, die gibt es. Zu der größten Risikogruppe gehören Alleinerziehende. Etwa 50 Prozent der Kinder, die im SGBII-Bezug (Hartz IV) leben, leben bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern. Eine weitere Risikogruppe sind Familien mit vielen Kindern, also mit drei oder mehr. Obwohl sich diese Gruppe aufteilt in eine, die sehr wohlhabend ist, und eine, die am unteren Einkommensrand lebt. Eine dritte Risikogruppe sind Familien mit Migrationshintergrund und geflüchtete Familien. Eine vierte sind solche Familien, in denen die Eltern gering qualifiziert sind.

Ist die Armut für betroffene Kinder ein Dauerzustand?

Das ist recht unterschiedlich – bei manchen Kindern sind es drei, bei manchen fünf, bei anderen noch mehr Jahre. Für viele Familien ist es eher ein Dauerzustand, wie die Zahlen der Bertelsmann-Stiftung zeigen. Die Langzeitfolgen verschlimmern sich dann über die Jahre. Klar ist: Jedes Jahr in Armut ist eines zu viel.

Welche Langzeitfolgen hat Kinderarmut?

Man kann die Langzeitfolgen in vielen Bereichen sehen. Kinder, die in Armut aufgewachsen sind, absolvieren seltener eine Schulausbildung und eine Ausbildung, machen seltener Abitur, studieren seltener. Später haben sie dementsprechend keinen oder einen weniger gut bezahlten Job – und vererben dann ihre Armut ihren eigenen Kindern. Kinder, die in Armut leben, nehmen ärztliche Vorsorgetermine seltener in Anspruch, wie die KiGGS-Studie zeigt. Sie haben häufiger eine schlechtere Gesundheit. Das wirkt sich in chronischen Krankheiten bis ans Lebensende aus.

Wann gilt ein Kind als arm?

Wir orientieren uns an der Armutsdefinition, die auch die EU vorgibt: Demnach ist eine Familie mit Kindern arm, wenn ihr weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung steht. In diese Definition fallen zum großen Teil auch die Kinder, deren Eltern SGBII (Hartz IV) beziehen. Wir sprechen von 2,7 Millionen armen Kindern. Allerdings umfasst die Statistik nicht alle geflüchteten Kinder und Jugendliche, weil diese zum Teil noch nicht in Wohnungen leben. Zudem gibt es noch Kinder in verdeckt lebender Armut, die ebenfalls nicht in der Statistik erfasst sind.

Wie können arme Kinder und arme Familien gefördert werden?

Wir plädieren für einen bundesweiten Aktionsplan gegen Kinderarmut, weil das Thema ein Querschnittsthema ist, das verschiedenste Lebensbereiche von Kindern betrifft. Ein wichtiger Punkt ist die Bildungsgerechtigkeit, die dazu führt, dass alle Kinder von klein auf so gefördert werden, dass sie ihre Potenziale voll entfalten können. Ein weiterer ist das Wohnumfeld, also die Möglichkeiten, sich draußen zu bewegen, andere Kinder draußen zu treffen, in einem sicheren und anregend gestalteten Umfeld. Zudem hat eine Studie von uns gezeigt, dass Kinder resilienter werden, wenn sie früh beteiligt werden. Dass sie dann also mit negativen Reizen von außen besser umgehen können. Wichtig ist auch, dass armen Kindern Angebote gemacht werden, die sie zuhause nicht bekommen. Hier muss die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit ihren Beitrag leisten.

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