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Höflichkeit ist immer noch wichtig

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Knigge auf dem Prüfstand  

Waren Deutsche früher höflicher?

19.04.2015, 12:42 Uhr | dpa

Höflichkeit ist immer noch wichtig. Gutes Benehmen ist immer noch gefragt.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Gentleman in Zeiten von Frauenquote und Gleichberechtigung? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Hand aufs Herz: Bieten Sie ihren Sitzplatz an, wenn ältere Menschen in den vollen Zug einsteigen? Warum sollten Männer heute noch Frauen die Türe aufhalten oder sie vorangehen lassen? Irgendwie hat man das Gefühl, früher waren alle höflicher. Die meisten schätzen es trotzdem sehr, wenn das Gegenüber gewisse Benimm-Regeln kennt und nutzt. Für viele ist es auch eine Selbstinszenierung, die Grenzen verschieben sich. Doch gefühlt schwindet die Höflichkeit, wie eine Umfrage bestätigt.

Älteren einen Sitzplatz anbieten, Frauen die Tür aufhalten, pünktlich sein, Handy aus - die wichtigsten Regeln der Höflichkeit kennen alle. Und die Allermeisten schätzen sie auch, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt. Trotzdem setzt sich der Eindruck fest, dass die Deutschen früher höflicher waren. Drei von vier Deutschen sind dieser Meinung. Der Karlsruher Pädagogik-Professor Jürgen Rekus (64) sieht sogar Chancen für eine Renaissance des guten Benehmens.

Die Verantwortung dafür, dass Kinder und Jugendliche Höflichkeit erlernen, sieht eine Mehrheit (59 Prozent) allein bei den Eltern und nur wenige (1 Prozent) allein bei den Lehrern. Dass beide dafür verantwortlich sind, sagen rund 38 Prozent aller Befragten.

UMFRAGE
Finden Sie auch, dass früher - vor etwa 20 Jahren - mehr Wert auf Höflichkeit gelegt wurde ?

Höflichkeit ist eine Altersfrage

Der Wunsch nach gewissen Höflichkeitsformen ist demnach unabhängig vom Alter. So ist es 94 Prozent aller Befragten wichtig, dass man in der Bahn Älteren oder Schwangeren einen Sitz anbietet. Immerhin 78 Prozent meinen, dass Männer Frauen die Tür aufhalten und den Vortritt lassen sollten. Pünktlichkeit schätzen 95 Prozent. Den ständigen Blick auf das Handy während eines Gesprächs empfinden ebenfalls satte 91 Prozent als unhöflich, weitgehend unabhängig vom Alter.

Hier ist man sich unsicher

Unsicher sind viele Deutsche bei der Frage, ob man sein Gegenüber duzen oder siezen sollte. Etwa die Hälfte sieht sich oft damit konfrontiert, die Jungen erwartungsgemäß häufiger als die Älteren. Nur etwa jeder Vierte (28 Prozent) aller Befragten findet es "in Ordnung", wenn er im Café vom Kellner einfach so geduzt wird. Ungefragt geduzt zu werden, stößt der Umfrage zufolge vor allem bei den Älteren auf Ablehnung.

Die Jugend stelle wieder die Sinnfrage, statt die Ellenbogen auszufahren. "Die Zeit in der jeder Betriebswirtschaft studierte, um möglichst viel zu verdienen, ist vorbei." Die ewige Frage "Rechnet sich das für mich?" werde in den Hintergrund treten, sagt er voraus. Die Hoffnung sei durchaus da, dass die Menschen ihr Gegenüber nicht mehr vor allem als Konkurrenten betrachten.

So steht es um die wichtigsten Benimm-Regeln

Benimm-Regeln könne man lernen, sagt Rekus, was in der Geschäftswelt ohne Frage hilfreich sei. Mit der Höflichkeit als Einstellung sei es da schon deutlich schwerer. Gutes Benehmen sei aber nur dann gut, wenn darin auch eine Wertschätzung des Gegenübers zum Ausdruck komme.

Erlaubt oder nicht - die Benimm-Regeln sind kein Gesetz, der Spielraum ist groß. So steht es um die Benimm-Regeln heute.

  • Du oder Sie? Einfach duzen ist "ungewöhnlich" und nicht richtig, sagt die Vize-Vorsitzende der Knigge-Gesellschaft und Trainerin für Business-Etikette, Linda Kaiser. Zumindest im Beruf. Dort obliege es grundsätzlich dem Chef, beziehungsweise dem Ranghöheren, das Du anzubieten, so Kaiser. "Es ist auch nicht unhöflich, das dann abzulehnen." Etwa wenn es der 60-jährigen Sekretärin unangenehm ist, den 30-jährigen Chef zu duzen. Wie die YouGov-Umfrage zeigt, kommt das ungefragte Duzen etwa vom Kellner bei den Älteren auch nicht gut an.
  • Tür aufhalten? An der Tür entscheidet die Hierarchie, wie Kaiser sagt. Im Geschäftsleben zumindest halte immer der Rangniedere die Tür auf und nie der Chef selbst - egal ob Mann oder Frau.

  • Ladys First? Für Kaiser ist das eher eine "altmodische Regel". Halte der Chef der Sekretärin doch die Tür auf, wolle er zeigen, dass er diese Regeln nach wie vor schätze. "Das hat dann auch was mit Selbstinszenierung zu tun: Wie möchte ich gesehen werden."

  • Sehr geehrter? Es ist eine große Kluft zwischen "Sehr geehrter" und "Hallo" als Anrede in der E-Mail. Doch Kaiser rät, grundsätzlich mit der größten Höflichkeit einzusteigen und sich dann anzunähern. Vor allem in großen Unternehmen, wo der Vorgesetzte Zugriff auf den Mail-Verkehr habe, seien höfliche Umgangsformen besonders ratsam. Es spreche aber nichts dagegen, recht schnell beim "Hallo" zu landen. Zumal heute viel mehr Mails hin- und herfliegen als früher Briefe.

  • Platz anbieten? Eine Verpflichtung gibt es nicht, sagt Kaiser. "Aber es ist natürlich immer eine nette Geste", älteren Menschen oder Schwangeren einen Sitzplatz in der übervollen Bahn anzubieten.

  • "Gesundheit" sagen? Ob man einem Geschäftspartner "Gesundheit" wünschen sollte, wenn er niesen muss, hat sich laut Kaiser verändert. "Derzeit würde ich sagen: nein." Die Business-Etikette sage, dass sich der, der niesen musste, bei den Umstehenden entschuldigt. "Solche Regeln sind aber kein ehernes Gesetz", sagt Kaiser. Wer das Bedürfnis habe, Gesundheit zu wünschen, dürfe das natürlich immer tun. Ähnlich verhalte es sich mit dem "Guten Appetit", was beim Geschäftsessen verpönt sei, in der Familie aber natürlich verwendet werden dürfe.

  • Anstoßen? Gläserklingeln ist in dienstlichen Runden nicht mehr üblich, so Kaiser. Stattdessen erhebe der Gastgeber das Glas, schaue in die Runde und proste symbolisch zu. In gemütlicher Runde im Privaten spreche aber nichts dagegen. Kaiser rät: "Tun sie es."

  • Entschuldigung? Dass es streng genommen richtiger ist, höflich um Entschuldigung zu bitten, statt nur "Entschuldigung" zu sagen, findet Kaiser nicht so entscheidend. "Das ist nun mal so im Sprachgebrauch drin", sagt die Experten. "Der Gedanke zählt."

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