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Rennschuhe für Formel-1-Rennfahrer

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Der Schuhmacher der Weltmeister

23.05.2016, 10:13 Uhr | Wolfgang Gomoll; press-inform

Rennschuhe für Formel-1-Rennfahrer. Siziliens Ledervirtuose Francesco "Ciccio" Liberto – jeder Rennfahrer kennt ihn. Denn der Schuster fertigt ihre Treter.  (Quelle: PressInform)

Siziliens Ledervirtuose Francesco "Ciccio" Liberto – jeder Rennfahrer kennt ihn. Denn der Schuster fertigt ihre Treter. (Quelle: PressInform)

Jeder Rennfahrer kennt den Sizilianer Francesco "Ciccio" Liberto. Denn seit Jahrzehnten stellt der Leder-Virtuose Rennschuhe für die besten Autofahrer der Welt her. Zu seiner Kundschaft zählt Niki Lauda ebenso wie Sebastian Vettel.

Cefalù ist genau das, was man sich unter einem sizilianischen Badeort vorstellt. Lange Sandstrände, verwinkelte Gassen, kleine Häuschen und eine Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert. In dem ehemaligen Fischerdorf, das gut eine Autostunde von Palermo entfernt liegt, kennt jeder jeden. Und sobald ein kleiner Mann mit leicht tippelndem Gang die Straßen entlang flaniert, schallt es fast aus jeder Ecke "Ciao Ciccio". Ciccio heißt eigentlich Francesco Liberto und ist Schuster. Nichts Außergewöhnliches möchte man meinen, bis man seinen kleinen Laden direkt an der Strandpromenade sieht.

Ein kleines, chaotisches Lederschuh-Mekka

Von außen gleicht das Geschäft einer typisch mediterranen Verkaufsecke. Eine Tür, ein Fenster – das war's. Sobald man den Raum betritt, verwandelt sich Ciccios Schmunzeln in ein Lachen und man taucht in eine andere Welt ein. Überall im Laden findet man Schuhmacher-Leisten, Formen und Lederstücke. Dazwischen stehen Schuhe in allen erdenklichen Farbkombinationen: kunterbunte, weiße und beige. Die Fußkleider liegen durcheinander, heillos auf Schuhkartons gestapelt, wie auf einem Wühltisch im Schlussverkauf. Normale Straßenschuhe oder filigrane Leder-Exemplare mit einer dünnen Sohle und einer Sechs-Ösen-Schnürung. Rennfahrer-Schuhe, wie sie die Lenkrad-Heroen in den wilden 60ern und 70ern trugen, als die harten Kerle nach dem Grundsatz fuhren: "lebe schnell und sterbe jung".

Schuhe für die Scuderia

"Als ich 1975 einen Anruf von Ferrari bekam, war ich wie vom Donner gerührt. Ich sollte doch tatsächlich Schuhe für die Scuderia machen", erzählt Ciccio mit ehrfürchtig bebender Stimme. Einer seiner Schätze ist ein schlichter, schwarzer Leder-Rennschuh: "Niki Lauda hat 1977 mit diesem Modell die Weltmeisterschaft gewonnen", erzählt der temperamentvolle Sizilianer stolz. Anders als James Hunt, der die Eigenart hatte, die Spitzen seiner Schuhe abzuschneiden, schwor der österreichische Perfektionist auf die sizilianische Maßanfertigung. "Ich habe Niki Lauda damals nicht persönlich getroffen", bedauert der Schuhmacher. Er ließ sich eine Zeichnung von dem Fuß des Ferrari-Piloten schicken und fertigte das Schuhwerk nach diesem Muster.

Noch heute befindet sich der Leisten, den Ciccio 1975 für Niki Lauda gefertigt hat, im Laden. Lauda hat sich auch mit einer Widmung inklusive Unterschrift verewigt: "To Ciccio di Cefalu" steht da in krakeliger Handschrift.

Vettel unterschrieb mit kleinem Fehler

Die Wände seines kleinen Ladens sind gefüllt mit Fotos, welche die Formel-1-Stars mit seinen Schuhen zeigen. Clay Regazzoni, Jacky Ickx und auch Niki Lauda. Nachdem die FIA die Lederschuhe wegen der Feuerschutzbestimmungen verboten hatte, stieg Ciccio auf Ledergürtel und andere Schuhe um. Seine berühmten Rennschuhe macht er nur noch für spezielle Kunden. Oder für ein Hollywood-Spektakel. In dem Rennfahrer-Epos "Rush" trägt Daniel Brühl, der Niki Lauda spielt, echte Ciccios. Aber nicht nur die Heroen der wilden 70er erweisen dem Meister des ultra-bequemen Fußkleides ihre Verehrung. Auch Sebastian Vettel weiß Ciccios Kunst zu schätzen: "Für Herrn Cicco. Danke für die Schuhe!", bedankt sich der viermalige Formel-1-Weltmeister artig. Wer kann schon von sich behaupten, eine Vettel-Signatur inklusive Schreibfehler zu haben.

Wie der Sizilianer die Rennschuhe erfand

Francesco Liberto wurde durch seine Mutter zum Beruf des Schusters gebracht. Er solle etwas Anständiges lernen, um zu überleben, beschied sie ihm. Damals, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, war das Leben auf Sizilien hart. Ciccio half bei einem Schuster aus und fand Gefallen an dem Handwerk. Doch er hatte noch eine andere Leidenschaft: Autorennen. Jedes Jahr trafen sich die besten Fahrer der Welt auf der Insel zum legendären Langstreckenrennen "Targa Florio", um der Haftungsgrenze ein Schnippchen zu schlagen. Bei seinen Streifzügen zu den Boliden traf er Mitte der 1960er-Jahre die bekannten italienischen Rennfahrer Nanni Galli und Ignazio Giunti. Als er von seinem Beruf erzählte, wollte Giunti ein Paar Rennschuhe. "Ich hatte keine Ahnung, wie ich die machen sollte", lacht Ciccio heute. Er machte sich an die Arbeit und brachte dem Piloten wenige Tage später die Schuhe. Giunti war hellauf begeistert und so fing der Siegeszug der Latschen mit den dünnen Sohlen an. "Früher haben die Piloten Schuhe mit Absätzen getragen. Ich habe die Rennschuhe erfunden", strahlt der Sizilianer.

Ein ehrgeiziger Plan

Nach diesem Coup hatte Francesco Liberto einen Plan. Immer wieder kam er in die Restaurants, in denen sich die Fahrer trafen, und bot ihnen an, Maßschuhe zu fertigen. Die Lenkradkünstler gingen gerne darauf ein. Ciccio hatte immer sein Blatt Papier dabei und malte die Umrisse der Füße. Vic Elford hatte es dem Sizilianer besonders angetan. Elford war nach einem Unfall als Kind eine Zehe des linken Fußes amputiert worden. Ciccio nahm Maß, hämmerte, nähte und schnitt die ganze Nacht durch und brachte dem Engländer die Schuhe. Der stieg in seinen Porsche 907 und fuhr 1968 die gesamte Konkurrenz in Grund und Boden.

"Ciccio war immer da und half", erinnert sich Gijs van Lennep, der die Targa Floro 1973 gewann und heute noch mit Freude Schuhe und Gürtel trägt, die von Ciccio maßgeschneidert sind. Wie viel die Schuhe eigentlich kosten, weiß keiner. Der Preis ist Verhandlungssache - für Rennfahrerfreunde sind die Schuhe umsonst.

Heute produziert er herkömmliche Schuhe und Gürtel

Als die FIA feuerfeste Rennschuhe vorschrieb, endete der Siegeszug der Ciccio-Maßanfertigungen vorerst. Nun produziert er neben seinen Klassikern Gürtel und auch konventionelle Schuhe.

Noch heute, im Alter von 80 Jahren, sitzt Ciccio in seiner kleinen Werkstatt im Herzen Cefalùs und fertigt seine legendären Schuhe. Der sizilianische Schuster freut sich immer noch wie ein kleines Kind, wenn er über seine Schuhe und seine Schuhmacherkunst spricht.

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