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Offensive auf IS-Hochburg Mossul: Das Schlimmste kommt erst noch

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Kampf um IS-Hochburg Mossul  

Das Schlimmste kommt erst noch

30.01.2017, 15:25 Uhr | Christoph Sydow, Spiegel Online

Offensive auf IS-Hochburg Mossul: Das Schlimmste kommt erst noch. Ein irakisches Mädchen, das aus Mossul geflohen ist. (Quelle: AFP)

Ein irakisches Mädchen, das aus Mossul geflohen ist. (Quelle: AFP)

Schneller als erwartet haben irakische Truppen den Ostteil von Mossul erobert. Doch der Vormarsch in den dicht besiedelten Westen wird schwieriger. Die Uno sorgt sich um 750.000 Zivilisten in der Hand des IS.

Nachts kommen die Dschihadisten im Ruderboot. In kleinen Kommandogruppen setzen die Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) über den Tigris. Im Schutz der Dunkelheit greifen sie Stellungen der irakischen Sicherheitskräfte am Flussufer an.

Irakische Regierungstruppen haben gemeinsam mit verbündeten Milizen und kurdischen Peschmerga die Osthälfte von Mossul erobert. Rund drei Monate nach Beginn der Offensive stehen die Eroberer am Ostufer des Tigris. Der Fluss markiert nun die Grenze zwischen dem Westen, der noch immer in der Hand des IS ist, und dem Osten, den die Regierung zurückerobert hat.

Tausende Zivilisten sind nach Angaben der Vereinten Nationen bislang bei den Kämpfen getötet worden. Die irakische Armee spricht zudem von 3300 getöteten IS-Milizionären. Die genauen Opferzahlen kennt niemand. Die Uno hat insgesamt 182.000 Flüchtlinge registriert, 22.000 von ihnen sind inzwischen nach Ost-Mossul zurückgekehrt. Dort haben auch die ersten Schulen den Unterricht wieder aufgenommen.

Verbrechen von beiden Seiten

Nach Angaben von Augenzeugen hat der IS in den vergangenen Monaten Hunderte Menschen verschleppt, darunter zahlreiche frühere irakische Sicherheitsbeamte und ihre Familien. Die Dschihadisten töteten Dutzende angebliche Spione. In den eroberten Stadtteilen und Vororten entdeckten die Regierungstruppen mehrere Massengräber, in denen der IS mehr als 200 Leichen verscharrt hatte.

Doch auch die Regierungsseite begeht Verbrechen. Der Nachrichtensender Al Jazeera strahlte vor einigen Tagen ein Video aus, das zeigen soll, wie irakische Polizisten in Mossul drei unbewaffnete Männer erschießen. Amnesty International wirft den schiitischen Volksmobilisierungseinheiten, die an der Seite der irakischen Armee kämpfen, "systematische Menschenrechtsverstöße" vor. Die Milizionäre hätten Sunniten aus Mossul verschleppt, gefoltert und erschossen - einfach nur auf den Verdacht hin, sie hätten mit dem IS sympathisiert.

Diese Berichte werfen einen dunklen Schatten auf die militärischen Erfolge: Nach anfänglichen Schwierigkeiten läuft der Vormarsch in der zweitgrößten Stadt des Irak nämlich schneller als erwartet. Auch die Befürchtungen, der IS werde als Reaktion auf die Offensive den Irak mit einer beispiellosen Anschlagswelle überziehen, sind bislang nicht wahr geworden. Die IS-Kämpfer haben sich auf das Westufer des Tigris zurückgezogen, mehrere Tausend Mann soll die Terrormiliz in Mossul noch zählen. Widerstand leisteten die Dschihadisten vor allem mit dem massenhaften Einsatz von Selbstmordattentätern. 280 Selbstmordattentäter will der IS in den ersten hundert Tagen der Schlacht zwischen 17. Oktober und 24. Januar eingesetzt haben. Dabei seien auf Regierungsseite 6630 Kämpfer getötet worden.

Der IS prahlt mit seinen Kampfdrohnen

Obwohl die Terrororganisation auf dem Rückzug ist und ihre Gegner Mossul inzwischen völlig umzingelt haben, prahlen die Dschihadisten weiterhin mit ihrer militärischen Stärke. In der vergangenen Woche veröffentlichte der IS ein Propagandavideo, in dem er stolz seine neueste und modernste Waffe präsentierte: Drohnen. Die Aufnahmen zeigen, wie die Terrormiliz unbemannte Flugzeuge mit Granaten bestückt und die Munition dann über Stellungen der Regierungstruppen in Mossul abwirft. Es ist der erste dokumentierte Einsatz von bewaffneten Drohnen durch den IS.

Doch auch damit kann die Dschihadistenmiliz den Vormarsch ihrer Gegner nicht stoppen. Was die Militärstrategen in Bagdad viel mehr besorgt sind die Gegebenheiten in West-Mossul. Die erste Schwierigkeit besteht darin, überhaupt ans andere Flussufer zu gelangen. Alle fünf Brücken über den Tigris sind schwer beschädigt oder zerstört worden - einige durch die Luftangriffe der US-geführten Anti-IS-Koalition, andere haben die Terroristen auf ihrem Rückzug gesprengt. Die irakische Armee bereitet derzeit die Errichtung von Behelfsbrücken vor, über die schweres Gerät transportiert werden kann. Doch diese Arbeit ist kompliziert und langwierig. Die Konstrukteure geraten in Gefahr, von IS-Scharfschützen auf der anderen Flussseite beschossen zu werden.

Hinzu kommt: Der Westen Mossuls ist weitaus dichter besiedelt als der Osten, viele Gassen sind so schmal, dass weder Panzer noch Humvees hindurchpassen. Das macht das Vorrücken dort weitaus schwieriger und riskanter, die Regierungstruppen verlieren damit einen strategischen Vorteil.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass noch rund 750.000 Zivilisten in West-Mossul ausharren. "Wir fürchten um ihr Überleben", sagt Lisa Grande, Leiterin der Uno-Mission im Irak. Sie rechnet damit, dass in den kommenden Wochen ein Großteil von ihnen aus der Stadt fliehen wird. Denn in den dichtbebauten Wohnvierteln sind die Zivilisten den Kämpfen sonst schutzlos ausgeliefert.

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