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Kaum noch Essen: In Mossul droht der Hungertod

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Kaum noch Essen  

In Mossul droht der Hungertod

08.05.2017, 14:18 Uhr | AP

Kaum noch Essen: In Mossul droht der Hungertod. Bewohner von Mossul fliehen vor den Kämpfen. (Quelle: dpa/Bram Janssen/Bildfunk)

Bewohner von Mossul fliehen vor den Kämpfen. (Quelle: Bram Janssen/Bildfunk/dpa)

Angesichts der Schlacht um Mossul geraten die in der einstigen IS-Hochburg eingeschlossenen Zivilisten leicht in Vergessenheit. Ihr Lage ist prekär. Die Nahrungsmittel reichen kaum noch zum Überleben.

Alijah Hussein und ihre 25 Familienmitglieder überleben im Westen der irakischen Stadt Mossul nur, weil in ihrer Gegend wilde Sprossen und Salatpflanzen wachsen. Hussein vermischt das Blattgrün mit etwas Reis und Tomatenmark; daraus wird am Ende eine dünne Suppe - oft die einzige Mahlzeit, die die Familie überhaupt am Tag hat.

Während irakische Streitkräfte Häuserblock um Häuserblock Fortschritte beim Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat in Mossul machen, werden die Lebensmittelvorräte der Zivilbevölkerung gefährlich weniger.

"Ich schwöre zu Gott, wir sind hungrig. (Der IS) hat uns hungrig gemacht. Sie haben nichts für uns zurückgelassen, haben unser Essen sogar gestohlen", klagt Hussein. Ihr Haus ist nur ein paar Meter von der Frontlinie im westlichen Mossul entfernt. Sicherheitsbedenken machen es humanitären Gruppen unmöglich, Familien wie die Husseins zu erreichen.

"Die Hilfsorganisationen müssen realisieren, dass es eine riesige (Versorgungs-)Lücke zwischen denen in sicheren Zonen gibt und jenen, die im Niemandsland leben zwischen den von irakischen Truppen kontrollierten Gebieten und denen des Daesh", sagt Alto Labetubun unter Verwendung der arabischen Abkürzung für den IS. Er arbeitet für die Norwegische Volkshilfe. Die Organisation ist eine der wenigen Gruppen, die Nachbarschaften nahe an der Frontlinie versorgt.

"Wir wissen nicht, ob es etwas am Abend geben wird"

Husseins Familie hat in der vergangenen Woche einen Karton mit Lebensmitteln bekommen - Reis, Öl und Tomatenmark waren darin. Das ist kaum genug, um ihrer Familie jeden Tag Essen zu kochen. Sogar mit den wilden Sprossen und Salatblättern sei das Essen neulich aufgebraucht gewesen, sagt ihr Cousin Suhair Abdul Karim. "Die Frauen hatten kein Mittagessen. Nur die Kinder und die Männer aßen", sagt er. Seine Familie würde nun von Mahlzeit zu Mahlzeit leben. "Wir wissen nicht, ob es etwas am Abend geben wird. Vielleicht ja, vielleicht nein", sagt er.

Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Menschen, die unerreichbar in IS-Vierteln Mossuls eingeschlossen sind auf 300.000 bis 500.000. Mehr als sechs Monate lang haben sie keine Hilfsgüter mehr bekommen, weil die Umstände einer Besatzung gleichen. Es wird damit gerechnet, dass die meisten Zivilisten in der Altstadt von Mossul sind. Dort werden vermutlich die letzten Kämpfe der irakischen Truppen gegen den IS geführt werden. Die UN warnen: Wenn die Gefechte noch viele weitere Wochen anhalten, könnten die Konsequenzen für die Zivilisten katastrophal sein.

Folgenschwerer Hunger 

"Wir wissen, dass wir ein Problem haben, weil die Menschen, die unsere Hilfslager erreichen, zuerst immer nach Lebensmitteln fragen", sagt Lise Grande, eine UN-Hilfskoordinatorin für den Irak. Ihrer Ansicht nach ist es unmöglich, die genaue Zahl der Familien zu schätzen, die im Innern von Mossul einem "folgenschweren Hunger" ausgesetzt sind.

Manche Familien laufen mehrere Kilometer weit, um Märkte zu erreichen, die in Vierteln unter irakischer Militärkontrolle sind. Doch die Preise sind hoch. Und die meisten Familien haben ihre Ersparnisse aufgebraucht. Arbeit gibt es in der Stadt, die durch den Krieg zerstört ist, so gut wie nicht mehr.

Es reicht nicht für alle

Im Viertel Wadi al-Hadschar stehen unterdessen Hunderte Menschen Schlange nach Lebensmittelkartons. Helfer der Norwegischen Volkshilfe teilen aus. Doch die meisten der Wartenden werden zurückgeschickt, weil es nicht genügend Lebensmittel gibt. Eine kleine Gruppe von Frauen bittet die Helfer um Essen, auch nachdem die Boxen alle verteilt worden sind. Ibrahim Chalil sagt, sein Hunger sei so groß, er fühle sich so, als ob er verhungere. "Haben sie nicht behauptet, dass sie uns vom Daesh befreit haben?", fragt er mit Blick auf die irakische Regierung. "Und dass sie unser Leben im Elend in eines voll Glückseligkeit ändern würden?"

UN-Mitarbeiterin Grande macht sich vor allem um Säuglinge und Kleinkinder Sorgen. Diejenigen, die aus Mossul geflohen seien, würden wegen Mangelernährung behandelt. Und die Vereinten Nationen hätten Berichte bekommen, nach denen es in den vom IS gehaltenen Nachbarschaften mittlerweile keine Babynahrung mehr gebe.

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