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Michi Wohlleben: tödliches Bergsteiger-Drama am Dhaulagiri

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Aus der Traum: tödliches Drama am Dhaulagiri

14.06.2013, 13:14 Uhr | Ein Interview von Johanna Stöckl, trax.de

Michi Wohlleben: tödliches Bergsteiger-Drama am Dhaulagiri. Michi Wohlleben am Dhaulagiri. (Quelle: Michi Wohlleben)

Michi Wohlleben am Dhaulagiri. Direkt hinter ihm klettert der wenig später tödlich verunglückte Spanier Juanjo Garra. (Quelle: Michi Wohlleben)

Michi Wohlleben wollte seinen ersten Achttausender besteigen. Alleine und ohne Verwendung von künstlichem Sauerstoff. Was der 22-jährige Profibergsteiger aus Heilbronn jedoch Ende Mai am 8167 Meter hohen Dhaulagiri ("Weißer Berg") erlebte, hat ihm die Lust auf die höchsten Berge ein für allemal zerstört. Ein Gespräch über tragische Unglücke, misslungene Rettungsaktionen, handfeste Auseinandersetzungen und seine Konsequenz daraus. Sehen Sie Bilder zu Michi Wohllebens tragischer Expedition am Dhaulagiri in unserer Foto-Show.

Wie geht’s dir Michi?

Ganz ok. Ich bin seit zwei Wochen wieder zu Hause. Aber natürlich beschäftigt mich alles, was ich am Dhaulagiri erlebt habe, sehr.

Drei Menschen sind ums Leben gekommen. Kanntest du die Opfer?

Eine 67-jährige Japanerin starb am Berg, weil ihr der Sauerstoff ausgegangen ist. Wobei ich dazu sagen muss, dass die Dame bereits im Basecamp im Schneckentempo rumgelaufen ist. Also fit war die nicht. Ihr Sherpa ist Medienberichten zufolge wohl im Abstieg abgestürzt. Das Schicksal des 49-jährigen Spaniers Juanjo Garra allerdings geht mir sehr nahe.

Warum?

Wir hatten uns im Basecamp angefreundet. Bei schlechtem Wetter saßen wir gemeinsam im Hochlager fest und haben Späße gemacht. Er hat mich mit seinen spanischen Kollegen Lolo und Enrique mehrmals in sein Zelt zum Essen eingeladen. Beim Gipfelversuch sind wir gemeinsam ins Lager III auf 7250 Meter. Jetzt ist er tot.

Warum bist du im Gipfelanstieg umgekehrt?

Als ich am 22.05.2013 morgens um 2 Uhr zum Gipfel aufgebrochen bin, teilte man uns in Lager III mit, dass die Normalroute bis oben hin mit Fixseilen abgesichert sei. Als ich schließlich eine Höhe von 7500 erreichte, waren die Fixseile aus. Die Route war also nicht fertig versichert. In dieser Höhe beginnen aber die Schwierigkeiten erst. Man wird in so einer Höhe träge im Denken. In diesem Zustand wollte ich den Aufstieg ohne Fixseile nicht fortsetzen.

Warst du alleine unterwegs?

Ich war autark am Berg und hatte keinen Sherpa, habe meinen Rucksack und das gesamte Material selbst getragen und ging ohne Sauerstoff. In der Akklimatisationsphase war ich mit unterschiedlichen Kollegen unterwegs. Mal mit den Spaniern, mal mit einer kleinen polnischen Gruppe. Aber ich war zu jeder Zeit unabhängig, für mich alleine verantwortlich. Als ich umkehrte, bin ich gleich bis ins Basecamp abgestiegen. In Lager III sprach ich noch kurz mit Juanjo. Er meinte, dass sie morgen einen Gipfelversuch starten. Im Basecamp angekommen, erfuhr ich, dass die Spanier tatsächlich Richtung Gipfel unterwegs sind.

Hattet ihr Funkkontakt zu den Spaniern?

Ja. Gegen 16 Uhr erfuhren wir, dass sich Juanjo nach einem Sturz in einer Höhe von 8000 Metern den Fuß gebrochen hatte.

In dieser Höhe ein Todesurteil?

Das ist auf jeden Fall eine sehr kritische Situation. Juanjo war jedenfalls nicht alleine. Gerüchten zufolge haben sich von insgesamt 13 Bergsteigern, die dort oben waren, bis auf zwei alle verdrückt. Darunter waren auch die Japanerin, die später verstarb, mehrere Sherpas und ein paar Inder.

Haben andere Bergsteiger ihren Weg zum Gipfel fortgesetzt ohne zu helfen?

Ich behaupte jetzt einfach einmal, dass sie weggelaufen sind. Die sind abgestiegen, weil sie vielleicht spürten, dass Juanjos Situation sehr kritisch ist. Sie witterten Gefahr. Hilfst du in so einer Höhe jemandem, bedeutet dies ja auch, dass du dein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Dort oben herrschen andere Gesetze. Bei Juanjo geblieben sind sein spanischer Kollege Lolo und sein Sherpa.

Wurde im Basecamp Hilfe organisiert?

Zu diesem Zeitpunkt waren nicht viele Menschen im Basecamp. Am Dhaulagiri ist weniger los als im Everest-Basecamp. Außerdem sprach keiner der Anwesenden gut Englisch. Mir war klar, dass ich handeln musste. Ich dachte sofort an Simone Moro. Der italienische Profibergsteiger ist auch Hubschrauberpilot, ausgebildet für Rettungen in großen Höhen. Ich wusste, dass er nach seiner Everest-Expedition noch vor Ort war. Simone Moro ist nämlich nach der viel besprochenen Sherpa-Attacke in Nepal geblieben um für Fishtail Air Rettungseinsätze zu fliegen. Er hat mittlerweile seinen eigenen Helikopter nach Kathmandu gebracht. Über Deutschland organisierte ich die Telefonnummer von Fishtail Air und bat um Hilfe.

Ein Anruf genügt und Hilfe kommt?

Natürlich muss vorher die Kostenübernahme geklärt sein. Es brauchte eine Bürgschaft in Höhe von $ 25.000. Später, als klar wurde, dass die Aktion aufwändiger wird, standen $ 55.000 im Raum. Am Ende kostete die gesamte Aktion $ 110.000. Dafür schließt eine Expeditionsagentur vorher entsprechende Versicherungen ab. Die Agentur der Spanier hat lange auf die Bestätigung warten lassen.

Klingt alles andere als professionell.

Man muss sich als normaler Bergsteiger, der sich den Traum eines Achttausenders einmal erfüllen will und sich einer kommerziellen Expedition anschließt, die Agentur genau anschauen. Es gibt professionelle und weniger professionelle. Im Ernstfall entscheidet das über Leben und Tod. Genau darüber habe ich mich im Basecamp aufgeregt. Ich war so frustriert, wir haben schließlich wertvolle Zeit verloren. Der nepalesische Koch aus dem spanischen Team verteidigte die Agentur, für die er tätig ist. Es kam zu einem ersten heftigen Wortgefecht.

Kam es zu einem Rettungseinsatz per Helikopter?

Tags darauf, also insgesamt 20 Stunden nach dem Unfall, war die Kostenübernahme endlich geklärt. Simone Moro machte sich auf den Weg. Er hatte drei Sherpas und reichlich Sauerstoff an Bord. Die Sherpas waren bestens akklimatisiert, da sie gerade vom Everest kamen. Der Plan war, sie auf 6200 Meter abzusetzen. Von dort sollten sie in einem Tag zu Juanjo aufsteigen und ihn tiefer transportieren. Weiter unten hätte er vom Helikopter abgeholt werden können.

Dazu kam es offensichtlich nicht.

Die Sherpas brauchten bedauerlicherweise zwei Tage bis zur Unfallstelle. Juanjo war - er hatte drei Tage und Nächte verletzt in der Todeszone verbracht - nicht mehr zu helfen. Sein Sherpa blieb bis zum Schluss bei ihm.

Was fühlt man nach so einer traurigen Nachricht?

Irgendwie mache ich mir Vorwürfe: Hätte ich Juanjo helfen können, wenn ich mich von Simone Moro hätte absetzen lassen? Aber wenn man gesagt bekommt, dass drei topakklimatisierte Sherpas für den Rettungseinsatz vorgesehen sind, dann akzeptiert man das.

Es kam zu unschönen Szenen im Basislager.

Der nepalesische Koch aus dem spanischen Team – ich hatte ihn bereits kurz erwähnt – provozierte mich immer wieder. Als klar war, dass Simone Moro fliegt, kam eben dieser Koch zu mir und meinte: „Jetzt ist er ja da. Du hättest nachts nicht schlecht über den Agenten reden dürfen.“ Ich tippte auf meine Uhr und antwortete: „It’s too late!“ Wir haben schließlich einen ganzen Tag verloren. Er schrie mich an: „Fuck off!“ Ich sagte Gleiches zu ihm. Dann eskalierte die Situation. Wie ein wildes Tier stürmte er auf mich zu, bewarf mich mit Steinen. Sein Küchenjunge unterstützte ihn eifrig. Ich lief so schnell ich konnte, hatte Angst um mein Leben. Da war so viel Hass in seinen Augen. Erst als polnische Bergsteiger den Koch festhielten, ließ er von mir ab.

Ueli Steck und Simone Moro hatten kürzlich eine ähnliche Situation am Everest erlebt.

Natürlich hatte ich das in den Medien verfolgt. Ist es nicht schockierend, was gerade an den Achttausendern passiert? Mir war klar, dass es besser ist, das Basecamp sofort zu verlassen. Mir wurde auch von allen anderen Anwesenden im Basecamp dringend angeraten, so schnell wie möglich abzuhauen. Sonst hätte man mich nachts vielleicht umgebracht.

Was du dann auch getan hast?

Ich konnte mit Simone Moro vom Basecamp nach Kathmandu/Phokara fliegen. Wir haben uns lange unterhalten. Über die vielen Vorwürfe, die man uns macht. Etwa, dass wir Bergsteiger aus dem Westen uns über die Kultur der Nepalesis hinwegsetzen würden, um unsere egoistischen Ziele zu erreichen und was da sonst noch alles zu lesen war. Fakt ist: Ich wurde mehrfach provoziert. Ich habe keinen Streit gesucht. Im Gegenteil, ich habe versucht zu helfen.

Ist Geld der Grund allen Übels?

Die Sherpas und alle anderen Menschen, die an den Bergen arbeiten, würden die Achttausender am liebsten exklusiv für zahlende Kunden reservieren. Bergsteiger, die aus eigener Kraft auf den Gipfel wollen, sind nicht mehr willkommen. Das ist doch verrückt! Der Everest wird gesperrt, weil Sherpas Seile fixieren. Jeder Bergsteiger hat dort viel Geld – $ 30.000 pro Gruppe – für ein Permit bezahlt. Man darf aber nicht klettern, wenn man will. Das ist die Grundlage des Streits. Man kann sich also nicht mehr frei auf diesen Bergen bewegen. Ich bin jedenfalls durch mit dem Thema und werde über die Normalroute auf keinen Achttausender mehr steigen. Wo viele Menschen unterwegs sind, häufen sich die Probleme. Gehst du alleine, bist du nur für dich selbst verantwortlich.

Wie reagierte Simone Moro auf deine Schilderungen?

Er hat mir seine Everest-Geschichte detailliert geschildert. Was nicht in den deutschen Medien ankam: Simone Moro hat mit seinem Helikopter nach der Steinigung am Everest einen Sherpa aus über 7000 Metern Höhe gerettet. Es war einer der Rädelsführer aus der Gruppe, die ihm vier Tage zuvor noch nach dem Leben trachtete. Aber das soll Simone besser selbst erzählen...

Für weitere Informationen: www.michiwohlleben.de

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