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Winterexpedition zum Nanga Parbat: David Göttler im Interview

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"Ich habe einen Heidenrespekt vor diesem Berg"

23.12.2013, 13:58 Uhr | Ein Interview von Johanna Stöckl, trax.de

Winterexpedition zum Nanga Parbat: David Göttler im Interview. Bergsteiger David Göttler am Makalu, Himalaya. (Quelle: David Göttler/The North Face)

David Göttler am Makalu: Was ihn bei der Winterexpedition am Nanga Parbat erwartet, wird wohl ungleich härter. (Quelle: David Göttler/The North Face)

Der Münchner Bergsteiger David Göttler (35) und der italienische Profialpinist Simone Moro (45) sind kurz vor Weihnachten zum Nanga Parbat aufgebrochen. Gelingt die riskante Winterexpedition, winkt ein historischer Erfolg. Im Winter stand noch kein Mensch auf dem 8125 Meter hohen Achttausender, der in Deutschland als "Schicksalsberg" in die Alpinhistorie eingegangen ist.

Johanna Stöckl: Ihr brecht kurz vor Weihnachten zum Nanga Parbat auf. Ab wann gilt eine Besteigung eigentlich als Winterbesteigung?

David Göttler: Sie muss zwischen 21.12. und 21.03. stattfinden. Wobei manche es da sehr genau nehmen. Da muss dann auch die Anreise ins Basislager in diesem Zeitraum stattfinden. Nicht vorher. Wir wollen auf der sicheren Seite sein und alles richtig machen. Kurz vor Weihnachten geht es für uns los.

Über welche Route wollt ihr auf den Nanga Parbat?

Auf der Rupalseite über die so genannte Schell-Route. Sie ist die logischste Linie durch die Wand. Wir haben keine Ambitionen auf Experimente und werden an dieser Route festhalten. Sie ist im Winter ohnehin schwer genug.

Wie darf man sich als Laie die Anreise ins Basislager vorstellen?

Die Anreise zum Nanga Parbat ist vergleichsweise angenehm. Vom Ende der Straße bis ins Basislager erwarten uns maximal zwei Tagesmärsche. Das Basislager am Nanga Parbat liegt sehr niedrig auf circa 3600 Metern. Für den Anmarsch ist das sicher ein Vorteil. Im finalen Aufstieg zum Gipfel müssen wir das dann büßen.

Findet man im Winter Träger für so eine gefährliche Expedition?

Bis ins Basislager begleiten uns Träger. Danach sind wir allerdings auf uns alleine gestellt.

Habt ihr vorab Lebensmittel-Depots anlegen lassen?

Nein, es gibt keine Depots. Alles was wir brauchen, haben wir selbst dabei. Wobei: In der Nähe des Basecamps gibt es noch ein paar bewohnte Hirtenhütten. Mit etwas Glück fällt mal ein Stück Schaf-Fleisch ab.

Habt ihr Zusatzsauerstoff dabei?

Nein. Am Nanga Parbat herrschen, zumindest im Basislager, relativ humane Bedingungen. Wir können uns dort in Ruhe akklimatisieren.

Kein Sauerstoff für den Ernstfall?

Nein. Wir gehen ohne Sauerstoff.

Temperaturen um die minus vierzig Grad Celsius und heftige Winde erwarten euch. Wie schützt man sich gegen diese abartige Kälte?

Das größte Problem ist nicht die Kälte, sondern die Höhe. Um warm zu bleiben, braucht man in erster Linie viel Luft. Der menschliche Körper funktioniert wie ein Ofen. Hat er zu wenig Luft, geht die Flamme aus. Unser Körper muss sich daran gewöhnen in der Höhe mit weniger Sauerstoff auszukommen und trotzdem halbwegs warm zu bleiben. Eine gute Akklimatisation ist daher entscheidend. Und natürlich haben wir entsprechende Ausrüstung dabei.

Du bist nicht nur als Bergsteiger, sondern auch als Filmer im Team. Wie schützt du deine Hände beziehungsweise die Akkus einer Kamera?

Ich habe eine neue, sehr gute, relativ kleine Kamera dabei, die ich in meinem Daunenanzug verstauen kann. Selbstverständlich habe ich auch mehrere Akkus, die ich am Körper trage, als Reserve dabei.

Heißt: Daunenhandschuh ausziehen und filmen? Nimmt man Erfrierungen in Kauf für einen Film beziehungsweise ein Gipfelfoto?

Es ist dies zwar meine erste Winterbesteigung eines Achttausenders, aber auch während der Sommermonate kann es da oben schon ziemlich zapfig werden. Ich kann mit der Kälte ganz gut umgehen. Ich trage dicke Daunenhandschuhe und Unterziehhandschuhe aus Seide. Diese Unterzieher lasse ich selbstverständlich beim Filmen an. Zusätzlich habe ich Wärmepads in meinem Handschuh.

Dennoch: Erfrierungen zieht man sich doch schnell zu.

Das ist schon richtig gefährlich. Sind die Finger nämlich einmal kalt, bekommst du sie in diesem extremen Umfeld auch nicht mehr warm. Also muss ich schon höllisch aufpassen und darf mich von einem guten Motiv, einer tollen Einstellung nicht zu lange hinreißen lassen. Man vergisst im Eifer leicht, was passieren kann.

Du bist ein sehr erfahrener Höhenbergsteiger. Aber so eine Winterbesteigung ist doch noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Von der Kälte, den Lawinen einmal ganz abgesehen, hast du nicht Angst vor der Isolation und Ausgesetztheit?

Die Situation habe ich sehr bewusst gewählt. Die Einsamkeit ist eine große Herausforderung. Es wird Momente geben, wo man sich fragt: Um Gottes Willen, was mache ich hier eigentlich? Dann muss man sich gegenseitig auffangen und motivieren können. Außerdem sind wir nicht ganz alleine am Nanga Parbat. Zeitgleich wird sich auch eine polnische Zweimann-Expedition in der Schell-Route versuchen. Wir werden uns natürlich auf keinen Wettlauf einlassen. Bei einer Winterbesteigung ist es schlauer, ein wenig zu kooperieren. Wir freuen uns auf die Kollegen aus Polen.

Was, wenn etwas passiert? Kann man im Winter mit Hilfe rechnen?

Nun ja, ins Basislager könnte auch im Winter theoretisch ein Helikopter fliegen. Am Berg selbst kann dir eher keiner helfen.

Tagelanges Warten auf brauchbares Wetter im engen Zelt. Eine schreckliche Vorstellung.

Das wird unser kleinstes Problem sein. Ich war auch schon während der Sommermonate 16 Tage mehr oder weniger an mein Zelt gefesselt. Im Nachhinein fragst du dich dann, wie du die Zeit rumbekommen hast. Man hangelt sich von einem Essen zum anderen, erzählt sich das ganze Leben und liest viel. Im Basislager verfügen wir über mobiles Internet und können mit Zuhause in Verbindung bleiben. Wir haben unsere Ski dabei und werden in der Vorbereitung die eine oder andere Skitour machen, also in Bewegung bleiben. Und: Ich werde Yoga machen. Das geht auch im Zelt ganz gut.

Wie lange braucht ihr im Idealfall vom Basislager auf den Gipfel?

Wir planen mit vier Lagern am Berg. Also sprechen wir von fünf Tagen für den Weg nach oben.

Und runter?

Kommt darauf an, wie schnell wir vorankommen. Ich denke zwei weitere Tage für den Abstieg. All in all sollte es in sieben Tagen vom Basecamp zum Basecamp machbar sein.

Ist der Reiz einer Wintererstbesteigung, dass euch - Gelingen vorausgesetzt - ein historischer Erfolg winkt?

Ich kann nur für mich sprechen. Diese Superlative kommen im besten Fall on top. Aber natürlich ist das nicht der Grund, wieso ich jetzt zum Nanga Parbat aufbreche. Mir wurde auch kürzlich gesagt, dass ich der erste Deutsche wäre, der je im Winter auf einem Achttausender stand. Ich wusste das gar nicht.

Warum dann?

Mich interessiert dieser Berg. Mich interessiert eine Winterbesteigung. Im Team mit Simone Moro zu gehen, reizt mich ebenfalls. Ich liebe Pakistan. Das sind so die Bausteine meiner Motivation.

Hast du nicht Angst vor so einer gefährlichen Expedition?

Ich habe einen Heidenrespekt vor dieser Aktion. Das gebe ich gerne zu. Die abartige Kälte, die Ausgesetztheit, der viele Schnee, die Höhe. Das Basislager steht auf 3600 Metern Höhe. Heißt: Wir müssen 4500 Höhenmeter bewältigen, ehe wir zum Gipfel kommen. Das sind Dimensionen, die findest du sonst an keinem Berg. Außerdem beschäftigen wir uns auch mit dem Thema Terrorismus beziehungsweise Sicherheit. Was im Sommer am Nanga Parbat passiert ist (Anm. d. Red.: Im Juni 2013 wurden bei einem Terroranschlag elf Personen im Basislager getötet), kann man auch nicht einfach ausblenden.

Geht man etwa gar bewaffnet ins Basislager?

Ich hab in meinen ganzen Leben noch nie geschossen. Die Chance, mich selbst mit einer Waffe umzubringen, ist größer, als dass ich jemand anderen treffe. Ich habe Pakistan immer als freundlich, offen und unglaublich schön empfunden und daher käme es mir nicht in den Sinn eine Waffe mitzunehmen.

Wenn ich richtig informiert bin, sind bisher 17 Versuche gescheitert, den Nanga Parbat im Winter zu besteigen. Wie hoch sind eure Erfolgschancen?

Die Erfolgschance ist sehr gering. Wir sprechen von 15 bis 20 Prozent. Das ist zwar wenig, aber einen Versuch wert.

Weitere Informationen:

Webseite David Göttler:
www.straight-to-the-top.eu

Wintererstbesteigungen Simone Moro:
Januar 2005: Simone Moro und Piotr Morawski (Polen) gelingt die erste Winterbesteigung des Sishapangma (8027 m)
Februar 2009: Moro und Urubko gelingt erste Winterbesteigung des Makalu (8485 m).
Februar 2011: Moro, Urubko und Cory Richards (USA) gelingt die erste Winterbesteigung des Gasherbrum II (8034 m)

Nanga Parbat:
Der in der Provinz Gilgit-Baltistan gelegene Nanga Parbat (8125 Meter) ist der neunthöchste Berg der Erde. Das Nanga-Parbat-Massiv gilt nicht nur als die größte sichtbare, freistehende Massenerhebung des Planeten, sondern kann mit der 4500 Meter hohen Rupal-Flanke auch die höchste Gebirgswand der Erde aufweisen. Erstbestiegen wurde er 1953 vom Österreicher Hermann Buhl. Bisher verunglückten 68 Menschen am Nanga Parbat. 1937 starben 16 Menschen, darunter neun deutsche Bergsteiger, in einer Lawine am Nanga Parbat, der seither - maßgeblich vorangetrieben durch die Propaganda-Maschinerie der Nationalsozialisten - auch als "Schicksalsberg der Deutschen" bekannt ist. Er gilt als einer der schwersten Achttausender und ist neben dem K2 der einzige Achttausender, der im Winter noch nicht bestiegen wurde.

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