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Khao Lak sieben Jahre nach dem Tsunami

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Khao Lak sieben Jahre nach dem Tsunami

23.11.2011, 15:50 Uhr | Cordula Meyer, Spiegel Online, Spiegel Online

Khao Lak sieben Jahre nach dem Tsunami  . Das Hotel Casa de la Flora ist nach dem Tsunami gebaut worden (Quelle: Hotel Casa de la Flora)

Das Hotel Casa de la Flora ist nach dem Tsunami gebaut worden (Quelle: Hotel Casa de la Flora)

Das Paradies verwandelte sich in die Hölle, als der Tsunami im Jahr 2004 das thailändische Backpacker-Idyll Khao Lak verwüstete: Hunderte Menschen starben am Ufer. Jetzt haben sich dort edle Resorts angesiedelt und sogar ein Designhotel - ganz nah am unberechenbaren Meer. Sehen Sie Khao Lak heute und damals in unserer Foto-Show.

Ein neuer Bungalow

Der Betonbungalow öffnet sich wie eine Blüte zum Meer. Nur eine Glasfront und ein paar Dutzend Meter trennen seine Bewohner vom Indischen Ozean. Drinnen schmiegen sich Teakholz und polierter Beton in geraden Linien aneinander. Die quadratischen Klötze tragen Namen tropischer Pflanzen, dieser hier heißt Calathea. Er gehört mit 35 anderen Bungalows zum Casa de la Flora, Thailands neuestem Designhotel. Genau an der Stelle, an der heute Calathea steht, befand sich bis zum 26. Dezember 2004 Bungalow B1 des Sita Garden. B1 war halb so groß wie Calathea, gebaut aus Backsteinen. Am zweiten Weihnachtstag 2004 wohnte hier ein britisches Ehepaar.

Eine Münchnerin erkannte die Gefahr

An jenem Morgen gegen 10 Uhr hatte sich das Meer zurückgezogen. Eine Urlauberin aus München begriff als Erste, was das zu bedeuten hatte. "Tsunami, run, run!", brüllte sie den anderen Gästen des Sita Garden noch zu, bevor sie mit ihrem Mann auf einem Leihmoped davonraste. Die Welle, die Khao Lak keine Minute später überrollte, war zehn Meter hoch. Sie riss alles mit sich, sie zerbrach baumstammdicke Betonsäulen, sie schleuderte Autos in die zweite Etage von Hotels. "Wo früher das Sita Garden war, gab es nur ein Loch", erinnert sich der Besitzer des Resorts, der deutsche Reiseführerautor Richard Doring.17 der 22 Gäste des Sita Garden konnten sich retten. Der britische Urlauber aus B1 hatte der Frau aus München einen Vogel gezeigt, als sie ihm die Warnung zubrüllte. Er und seine Frau starben im Sita Garden, außerdem noch ein Familienvater, eine junge Frau aus Schweden und eine ältere Dame aus der Schweiz.

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Nirgendwo starben mehr deutsche Urlauber als in Khao Lak

8000 Menschen riss die Welle an diesem sonnigen Weihnachtsmorgen in Thailand in den Tod, darunter mehr als 500 Deutsche. Nirgendwo starben mehr deutsche Urlauber als in Khao Lak. In den Tempeln des Ortes sammelten die Behörden Tausende Leichen. In Trümmern suchten verstörte Überlebende Gegenstände, die ihren Angehörigen gehörten. Die Tsunami-Katastrophe von 2004 hat die Menschen tief bewegt, sie traf die Küsten von Schwellen- und Entwicklungsländern und tötete dort auch viele Menschen aus der Ersten Welt. Die Welle machte keinen Unterschied, natürlich nicht. Nirgendwo war das deutlicher als in Khao Lak. Hier hatten sich gerade die ersten Hotels von Thomas Cook und Neckermann etabliert. Noch als alles in Trümmern lag, fragten Hoteliers sich: Würden die Urlauber wiederkommen? Würden sie an einem Strand liegen wollen, an dem so viele starben?

Das neue Khao Lak: Luxushotels statt Backpackerparadies

Heute gibt es in Khao Lak in etwa so viele Hotelbetten wie vor dem Tsunami. Aber die Hoteliers bauten ein neues Khao Lak: schicker, edler, teurer. Mit dem Tsunami verschwand das Backpackerparadies von damals. Die kleinen Hoteliers hatten früher einfach weitere Hütten gebaut, sobald genug Geld und Gäste da waren. Nun schafften sie entweder den ganz großen Schritt zum Resort - oder sie gaben auf. Rucksackreisende finden heute billige Bungalows jedenfalls nur noch weitab vom Strand. In der ersten Reihe mit Meeresblick stehen neue Luxushotels für neue Gäste.

Das Casa de la Flora

Das außergewöhnlichste von ihnen ist das Casa de la Flora. Seit drei Monaten ist der Schweizer Michael Gähler, 43, hier Direktor, er führt das Hotel in seine erste Hochsaison. "Unsere Gäste suchen etwas, das different ist", sagt er, und schon das Wort "different" zeigt, dass es um gehobenes Niveau geht. Stylish, erholsam, mit maximaler Privatsphäre, "das ist der Stil, den wir anbieten". Gähler sagt, dass in der Katastrophe auch eine Chance lag: "So schlimm der Tsunami war, er hat die Leute motiviert zu investieren."

Ein modernes Resort sollte her

Das Casa de la Flora gehört dem thailändischen Geschäftsmann Sompong Dowpiset. Er wurde reich damit, deutsche Grohe-Armaturen nach Thailand zu importieren; dann sah er ein neues Geschäftsfeld darin, deutsche Touristen zu importieren. Kurz vor dem Tsunami hatte Dowpiset bereits ein anderes Luxushotel eröffnet: das La Flora. Später kaufte er ein paar hundert Meter weiter neues Land und beauftragte das Bangkoker Architektenbüro VaSLab, ein modernes Resort zu bauen.

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Duftende Seife mit Reiskleie

Entstanden sind Betonkuben am Strand. "Unser Ziel war es, dass die Gäste die Umgebung von innen heraus erleben können", sagt Architekt Varu Virajsilp über sein Projekt. Böden und Wände im Innern bestehen aus Beton, der im weichen Licht der Tropen samtig aussieht. Auch die Sofas schimmern in Schattierungen dieses Betongraus. Vom Schlafzimmer im ersten Stock des Calathea schauen die Gäste aus dem Bett direkt aufs Meer. Die Designer des Studios Anon Pairot aus Bangkok haben alles minimalistisch gehalten: Teak, Glas, Apple-Geräte. Jedes Detail passt, bis zur duftenden Seife mit Reiskleie. Zu jedem Bungalow gehört ein Pool aus Granitfliesen.

Schönes am Ort des Schreckens

Später will Gähler eine Lounge auf dem Dach des Restaurants bauen lassen, in der Gäste Tom Kha Cocktails, Musik und den Sonnenuntergang über der Andamanensee genießen sollen. An einem Schwimm-Pier sollen Speedboote anlegen. Auf denen können die Gäste dann zu Privatausflügen zum James-Bond-Felsen und zum Tauchen aufbrechen. Für ihn sei es kein Widerspruch, an einem Ort des Schreckens einen besonders schönen Ort zu schaffen, sagt Gähler. Er glaube sogar, dass die Urlauber durch die Geschichte Khao Laks eine besondere Beziehung zu diesem Ort hätten.

Bungalow-Patenschaften

Eine solche besondere Beziehung hat sich Richard Doring immer gewünscht. Er träumte von einem Miteinander von Touristen und Thais, seit er in den achtziger Jahren nach Khao Lak kam und dort seine Bungalowanlage Sita Garden baute. Nachdem der Tsunami das Sita Garden vernichtet hatte, gründete er ein Projekt, um Einheimischen bei der Bewältigung von Traumata zu helfen. Er vermittelte Bungalow-Patenschaften: Urlauber gaben 10.000 Euro Kredit über zehn Jahre und konnten dann in ihrem Bungalow jedes Jahr 14 Tage gratis Urlaub machen.

Viele kleine Hotelbesitzer mussten aufgeben

"Wir haben zehn Prozent von dem erreicht, was wir wollten", sagt er. Doring hat am Strand ein neues Sita Garden ein paar hundert Meter südlich wieder aufgebaut, er betreibt eine neue Web-Seite mit Südthailands Attraktionen. Doch nach dem Tsunami mussten viele kleine Hotelbesitzer aufgeben. "Der ganze Billigtourismus ist weggebrochen", klagt er. Das Casa de la Flora "passt zu Khao Lak wie die Faust aufs Auge", sagt Doring sarkastisch. Die "Bunker-Kaninchenställe" gehörten zu dem "Allerhässlichsten, was ich je gesehen habe", wettert er. Das schöne Khao Lak, das waren für ihn die Individualreisenden mit Interesse für Natur und Kultur, die ehemaligen Backpacker, die Ärzte und Schauspieler geworden waren und in den einfachen Bungalows von Mai's Quiet Zone in vergangenen Zeiten schwelgten.

Angst vor der nächsten Welle

Der Tsunami radierte Mai's Quiet Zone aus, für immer. Das Sofitel, das jahrelang als Ruine vergammelte, eröffnete dagegen vor einem Jahr neu. Das Hotel war zum Symbol für die Katastrophe geworden, weil dort mehr Gäste starben als in irgendeinem anderen Hotel, 186 waren es. Nun ist es, unter neuem Namen, fast identisch wieder aufgebaut: als Fünf-Sterne-Marriott-Hotel. Auch traditionelle Unternehmen schafften den Neuanfang: Das Nang Thong I Resort mit 60 Bungalows war das älteste in Khao Lak und für viele Stammgäste auch das schönste. Der Tsunami ließ nur eine Schlammwüste zurück. Chitladda Sornin, die Nichte der Besitzerin, glaubte damals als Einzige an Khao Laks Zukunft. Die 39-Jährige lacht, als könne sie selbst nicht glauben, welche Probleme sie überwunden hat: die Arbeiter, die sich aus Angst vor einer neuen Welle weigerten, überhaupt auf die Baustelle zu kommen; das verängstigte Personal, als sie im November 2005 eröffnete: "Bei jeder Meldung und jedem Gerücht von einem Erdbeben sprangen alle auf und rannten weg. Das gab es oft", erinnert sie sich.

"Khao Lak hat sich verändert"

E-Mails ihrer Stammgäste machten ihr damals Mut: Die Urlauber kamen wieder, obwohl die neuen Strandbungalows gut 60 Euro am Tag kosten, doppelt so viel wie vor dem Tsunami. Dafür haben die Häuschen nun Fernseher und Klimaanlagen. "Khao Lak hat sich verändert", sagt sie. "Jeder hat etwas Besseres aufgebaut als vorher." Es gibt in Khao Lak nun ein Warnsystem und Türme mit Sirenen. Schilder mit einer blauen Welle und dem Hinweis "Evakuierungsstrecke" erinnern Urlauber alle paar hundert Meter an das Unglück. Aber Strandbungalows und Hotels stehen wieder genau so ungeschützt dort, wo sie vorher standen: direkt am Meer. Beachfront Bungalow ist das Zauberwort in Khao Lak geblieben, der Grund, warum die Touristen kommen.

Altäre mit verblassten Fotos

Im Zentrum von Khao Lak liegt heute noch ein Polizeiboot, das die Welle mehr als einen Kilometer landeinwärts spülte. Das Tsunami-Museum ist eine Garage mit ein paar laminierten Bildern. Trotzdem kommen viele Touristen. Für die Gedenkwand im nahen Fischerdorf Nam Khem konnten Angehörige für jedes Opfer eine Fliese gestalten, die in die Wand eingelassen wurde. Im Bang Muang Tempel erinnern an einer Mauer kleine Altäre mit verblassten Fotos an die Toten. Auch für die junge Schwedin aus dem Sita Garden gibt es einen Schrein. Im Casa de la Flora ist nur Empfangschefin Srivika Boo-Nga, 40, lange genug in Khao Lak, um vom Tsunami erzählen zu können. Die Frau mit der Zopffrisur und dem goldenen Lidschatten überlebte, weil sie an diesem Tag zu spät zur Arbeit kam. "Irgendetwas hat eine schützende Hand über mich gehalten", sagt sie. Einen Monat nach der Katastrophe löschte sie Telefonnummern aus ihrem Handy. "Eine nach der anderen. Ich hatte diese Freunde nicht mehr."

"Man braucht Zeit, um zu vergessen"

Als sie sich einen neuen Job suchen wollte, wurde ihr klar, dass alle Urlaubshotels in Thailand am Meer liegen. Sie bewarb sich, unterschrieb den Arbeitsvertrag - und floh dann in Panik. Dreimal insgesamt. "Man braucht Zeit, um zu vergessen", sagt sie. Noch heute sei sie wachsam, wenn alles still sei; wenn wilde Tiere sich merkwürdig verhielten. Eine Kollegin des Berliner Finanzbeamten Michael Besser starb im Tsunami. "Kann man hier Urlaub machen? Die Frage habe ich mir sofort gestellt", sagt der 30-Jährige. "Aber dann habe ich gedacht, wenn man wegbleibt, schadet man den Leuten erst recht." Im vergangenen Jahr machte er Rucksackurlaub in Burma. Nun wollte er sich "mal etwas Schönes gönnen" und hat sich mit seinem Freund im Casa de la Flora eingemietet. Die beiden interessieren sich mehr für das Design als für den Ort. "Wenn ich mir ein Haus bauen würde, so müsste es aussehen", schwärmt Besser.

Ein mulmiges Gefühl

Die Hochzeitsreisenden Juliane und Sven Bär aus Frankfurt loben die Details: Im Bungalow kann man vom Bett aus den "Bitte-nicht-stören-Knopf" drücken. Der Zugang zum Meer führe nicht am Restaurant vorbei: "Man sieht nicht alle in der Badehose da runterdackeln", sagt Sven Bär, der als Manager bei einem Verlag arbeitet. Die Bärs haben mit Einheimischen über den Tsunami geredet. Sie haben sich Fluchtrouten angeschaut: "Wir wissen, wo wir lang müssen, wenn was passiert", sagt Juliane Bär. Doch wenn die Brandung nah an die Bungalows herankomme, "ist das ein mulmiges Gefühl".

Ungewöhnlich starke Herbststürme

Der Monsunregen war in diesem Jahr so heftig, dass Teile Bangkoks unter Wasser standen. Auch die Herbststürme waren ungewöhnlich stark. Sie rissen vor manchen Hotels 40 Meter Küste weg. An der Mauer vor dem Casa de la Flora fehlen Kacheln. In der Hauptsaison wird das Meer sanft. Jetzt rollen meterhohe Wellen Richtung Ufer, es knallt, wenn sie brechen und aufs Wasser stürzen. Wetterleuchten erhellt den Himmel voller Gewitterwolken. Dann schäumt das Wasser mit einem Zischen bis an die Bungalows.

www.casadelaflora.com

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