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Canal du Midi: Die wundervolle Entdeckung der Langsamkeit

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Canal du Midi per Hausboot  

Die wundervolle Entdeckung der Langsamkeit

11.05.2015, 14:00 Uhr | Norbert Eisele-Hein/srt

Canal du Midi: Die wundervolle Entdeckung der Langsamkeit . Entspannung auf dem Canal du Midi. (Quelle: N. Eisele-Hein)

Entspannung auf dem Canal du Midi. (Quelle: N. Eisele-Hein)

Wasser hat auf Menschen schon immer eine sehr beruhigende Wirkung. Und wenn Urlauber per Hausboot ganz entspannt auf einem ruhigen Fluss durch wundervolle Natur nur so dahingleiten, kann die Entspannung sich richtig entfalten. Schauen Sie sich Eindrücke einer Reise auf dem Canal du Midi in Südwestfrankreich in unserer Foto-Show an.

Ein Mann, eine Idee

Pierre Paul Riquet war ein genialer Ingenieur, besessen von seiner Idee. Einem Vorhaben, das an Größe und revolutionärem Gedankengut durchaus mit dem Bau des Eiffelturms oder der Schlossanlage Versailles' gleichzusetzen ist. Sein Canal du Midi, der von Bordeaux über Toulouse mit nur 260 Kilometern direkt ins Mittelmeer zielt, machte die 3000 Kilometer lange, gefährliche Seepassage vom Atlantik über Gibraltar obsolet. Besonders im 17. Jahrhundert trieben dort blutrünstige Piraten ihr Unwesen. Eine Vielzahl von Schiffen und deren wertvolle Fracht fielen obendrein den Riffen zum Opfer.

Bis die Erfindung der Eisenbahn die Bedeutung der Kanalschifffahrt zurückdrängte, war der Canal du Midi wirtschaftlich ein voller Erfolg. Heute fungieren die tief liegenden Kohlen- und Kornkähne von einst als Ausflugsschiffe, alternatives Wohnkonzept für Aussteiger oder stilvolle, schwimmende Restaurants. Die beim Kanalbau entstandenen Treidelpfade wurden im Laufe der Jahrhunderte immer schöner. Die damals frisch gepflanzten Pappeln und Platanen sind inzwischen stattliche Baumriesen. Diese immer schattigen Alleen zählen wohl zu den schönsten Radwegen Europas.

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Wer sich aufs Rad schwingen möchte, kann auch das tun

Bei einer Kombitour mit dem Boot bietet sich das intensivste Erlebnisspektrum. Täglich gehen alle Mann von Bord für eine ausgedehnte Radtour, denn direkt am Kanal scheint das ländliche Südfrankreich wie aus dem Werbeprospekt entsprungen. In Port Cassafières packen wir die Räder an Deck. Sie entern ein prächtig ausgestattetes Hausboot der Kategorie Crusader. Philippe von Crown Blue Line verpasst ihnen eine ausführliche Einweisung: "Für einen Kreuzzug ist eure Jacht zwar denkbar ungeeignet. Die Motoren sind schwer gedrosselt, weil auf dem Kanal ein Tempolimit von sieben Kilometern pro Stunde herrscht. Für eine beschauliche Kreuzfahrt bietet euer neues schwimmendes Zuhause allerdings beste Voraussetzungen: alle Kabinen mit heißer Dusche und Toilette, eine voll ausgestattete Küche und ein mondänes Sonnendeck."

Trotz der minimalen Geschwindigkeit dauert es ein Weilchen, bis sie ihr Traumschiff im Griff haben. Anfangs sieht es wohl aus, als würden sie einen Jumbo-Jet rückwärts einparken. Doch nach ein paar Stunden gelingen schon die ersten Punktlandungen. Der Radweg direkt am Kanal ist ein Leckerbissen. Und den Blick auf die Karte kann man sich sparen. Es geht immer am Wasser entlang. In Béziers, der Geburtsstadt Riquets, überquert der Canal den breiten Fluss Orb. Ein künstlicher Fluss über dem natürlichen Strom - meisterlich erdacht, war aber garantiert teuer. Kein Wunder, dass die Finanzierung des Baus seinerzeit hitzige Diskussionen entfachte. Riquet schaffte es zwar, Ludwig XIV. und dessen hart kalkulierenden Finanzminister Colbert vom größten und gewagtesten Bauvorhaben des Grand Siècle zu überzeugen. Doch Ludwig XIV. hatte mit dem Bau von Versailles ein weiteres Fass ohne Boden aufgemacht. Als die Mittel dann spärlicher flossen, zögerte Riquet nicht, sein komplettes Privatvermögen und auch das umfängliche Erbe seiner Gemahlin in das Projekt zu stecken.

Meditation auf dem Wasser

Für die Leichtmatrosen ist die Flusstour eine einzigartige Form der Meditation. Das leichte Rauschen der Pappeln im Wind hat fast schon etwas Psychedelisches. Zwischen diesen gigantischen Zeitzeugen leuchten Kornfelder, die ausgedehnten Weinberge des Languedoc falten sich auf und dazwischen lugen uralte Kirchtürme hervor. Anker setzen heißt, einfach zwei riesige Erdnägel in die Böschung zu klopfen, das Boot daran vertäuen und jederzeit zur Radtour aufzubrechen. Egal ob hinter dem riesigen Steuerrad oder am Fahrradlenker - die Tour gleicht einer langsamen Fahrt durch ein überdimensional großes, impressionistisches Gemälde. In Capestang strampeln wir zur Bar "La Grille" und schlürfen einen Kir. Ein paar Kilometer weiter in Le Somail laben sie sich im "Le Comptoir Nature" an zig exotischen Eissorten wie Papaya, Myrthe, Anis. Vis-à-vis auf der anderen Flussseite in Le Somail wartet das riesige Antiquariat von Madame Gourgues. Leseratten können hier stundenlang in alten Bänden schmökern. Im Hafen liegt übrigens auch ein schwimmender Supermarkt, der sogar einen Drive-In-Schalter hat.

Die 64 Schleusen, die es auf dem Weg ins Landesinnere zu bewältigen gilt, wurden bis Ende 2005 alle automatisiert. Somit fällt das kraftraubende Kurbeln an den Wehren weg. Und auch das Bild des Schleusenwärters mit dem mächtigen Oberarm gehört der Vergangenheit an. Heute werden die Wehre "wireless" mit der Fernbedienung bedient. Doch ansonsten scheint am Canal du Midi noch alles wie gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Ab Homps beginnt das Minervois. Ein verlockender Abschnitt, denn die Schleuser dort verdienen sich mit dem Verkauf von feinen Minerver-Tropfen noch ein kleines Zubrot. Da sinkt das Fahrttempo noch einmal - ein Nickerchen unter den Platanen wartet.

Europas größte und besterhaltene Ritterburg

Für Carcassonne sollte man einen Extratag einplanen. Europas größte und besterhaltene Ritterburg, die Hauptattraktion des Languedoc, liegt auf einem steilen Hügel. Eine ausgedehnte Radtour um die Stadt ist ein Muss. Der Ausblick durch die Weinberge auf die mit zwei gigantischen, zinnengekrönten Wällen und 38 Wehrtürmen ausgestattete Festungsanlage ist jede Mühe wert. In Castelnaudary setzen wir endgültig Anker.

Bleibt noch nachzutragen: Hoch verschuldet und wie es heißt an gebrochenem Herzen, weil ihn viele Weggefährten letztlich im Stich ließen, starb Riquet nur wenige Monate vor Fertigstellung des Kanals im Jahre 1680. Noch heute gilt sein Kanal als Wunderwerk der Technik und wurde längst zum Unesco Weltkulturerbe ernannt.

Weitere Informationen:

  • Allgemeine Informationen: Maison de la France, www.rendezvousenfrance.de,
  • Beste Reisezeit: Der Canal du Midi gehört klimatisch bereits zum mediterranen Einflussbereich. Am besten zwischen April und Oktober.
  • An- /Abreise: Ab Süddeutschland über Zürich, Bern, Lausanne, Genf, Annecy, Chambéry, Grenoble und Valence, auf der Autoroute du Soleil südlich Orange, Nîmes, Montpellier und weiter über Agde nach Port Cassafières.
  • Bootsverleih/Radverleih: Boote und sämtliche Karten, Kapitänshandbuch, ausführliche Einweisung usw. gibt es bei www.crownblueline.de, Für die Boote benötigt man keinerlei Bootsführerschein oder sonstige Vorkenntnisse. Autos und auch Wohnmobile werden bei one-way trips zum Zielort gebracht. Auch wenn der Preis auf den ersten Blick hoch wirkt - der Aufenthalt auf dem Schiff spart die Übernachtungskosten und ermöglicht eine gemütliche Selbstversorgung.
    Es werden auch Räder verliehen, die allerdings nur für kurze Ausflüge tauglich sind. Für ausgedehnte Radtouren jenseits der 10 km sollte das eigene Rad mitgenommen werden. Charakter der Radtouren: Entlang des Kanals leicht. Auf Grund der Wurzeln sind aber etwas dickere Reifen mit einer gewissen Dämpfung durchaus empfehlenswert. Wer ins Hinterland aufbricht, wird in den Weinregionen Languedoc, Corbières und Minervois so manche Bergwertung bestehen müssen.
  • Infos zur Region des Canals und zu Carcassone: www.audetourisme.com, www.carcassone-tourisme.com
  • Guide fluvial 7, Midi Camargue, Editions du Breil (gibt es auch vor Ort bei den Bootsverleihern);
  • Landkarten von Michelin und dem Institut Geographique National (IGN), gibt es günstig vor Ort.

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