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Spitzbergen im Winter: Faszinierende Einöde in Norwegen

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Blaue Stunden im Eis  

Spitzbergen im Winter

01.11.2013, 12:26 Uhr | Kristin Kruthaup, dpa

Spitzbergen im Winter: Faszinierende Einöde in Norwegen. Spitzbergen und faszinierende Nordlichter. (Quelle: dpa)

Spitzbergen und faszinierende Nordlichter. (Quelle: dpa)

Von November bis Januar sind in Spitzbergen die Tage wie die Nächte: dunkel. Doch wenn Tiefschwarz zu Dunkel- und dann zu Hellblau wird, sind Bewohner und Touristen gleichermaßen euphorisch. Für kurze Zeit scheint dann vieles möglich. Unterwegs im Zwielicht. Schauen Sie sich Spitzbergen auch in unserer Foto-Show an.

Mit der Sturmmaske in die Kälte

Tiefschwarz: Es ist noch dunkel, als es ans Anziehen geht. Zuerst den Overall - wasserabweisend und windfest. Darüber die Stiefel, bei denen zum Schutz vor Kälte ein Schuh in einem größeren steckt. Die Handschuhe - die dünnen aus Wolle, darüber die wattierten und dann das schwere Paar, das zum Overall gehört. Die Sturmmaske über das Gesicht - nur die Augen sind nun noch frei. Dann den Helm über die Sturmmaske ruckeln und die Skibrille aufs Gesicht drücken - kein Zentimeter Haut liegt mehr frei. 

Das schwarze Schneemobil reagiert sofort. Mit der rechten Hand Gas geben, und schon gleitet das Gefährt durch den Schnee. In einer Schneemobil-Kolonne geht es aus dem Ort hinaus. Eine schwarze Schlange, die langsam in die Eiswüste kriecht. 

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Keine Sonne zwischen Oktober bis Februar

Spitzbergen, oder Svalbard, wie man im Norwegischen sagt, ist eine Inselgruppe im arktischen Meer. Sie liegt etwa auf halbem Weg zwischen Norwegen und dem Nordpol. Im Winter ist die ganze Insel mit Schnee bedeckt - die Durchschnittstemperatur liegt bei minus 15 Grad. Dazu kommt die Dunkelheit. Von Mitte Oktober bis Mitte Februar geht die Sonne nie auf. Tagsüber ist das hellste Licht die Dämmerung. Von Mitte November bis Ende Januar gibt es noch nicht einmal sie. 

Es dauert eine Weile, bis die Finger nicht mehr vor Anspannung krampfartig das Steuer des Schneemobils umkrallen. Mit 50 bis 60 Stundenkilometern geht es immer weiter in die Wildnis hinaus. Schneebedeckte Dünen, kilometerweit. Minutenlang nur das Rattern des Motors und Eisberge im Dämmerlicht. Und dann taucht plötzlich ein Tier mit einem dicken weißen Pelz im rechten Blickwinkel auf. Und dann noch eins. Das Spitzbergen-Rentier - ohne das charakteristische Geweih erkennt man es kaum. 

Immer gerade aus

Ungefähr eine Stunde lang geht es immer gerade aus - eine Schlucht zwischen zwei Eisbergen hindurch. Niemand war hier vorher. Die Schneemobile fahren die ersten Spuren in den Schnee. Dann geht es einen Berg hinauf, immer weiter nach oben. Auf dem Gipfel werden die Maschinen abgeschaltet. Und auf einmal ist es ganz still. Dann geht am Horizont zum ersten Mal seit langer Zeit die Sonne auf.

Hellblau: An diesen Tagen im Februar, wenn die Sonne zurück ist, gleicht Longyearbyen einem Taubenschlag. Eine Hauptstraße, gesäumt mit Bungalows in Gelb, Grün und Rot, eine Handvoll kleinerer Wege, die von ihr abgehen. Sich zu orientieren, ist nicht schwer. 

Die Sonne scheint nur 20 Minuten

Ist die Sonne aufgegangen, ist sie nur für rund 20 Minuten zu sehen. Dann setzt die Dämmerung wieder ein. In der kurzen Zeitspanne spazieren Bewohner zu Dutzenden durch die verschneiten Straßen, halten das Gesicht zur Sonne, ein Lächeln auf den Lippen. Mit den bunten Funktionsjacken müssen sie von oben aussehen wie Konfetti im Schnee. Ein Mann fährt zügig mit einem Schneemobil vorbei. Dahinter ist mit einem Seil ein Schlitten gespannt. Zwei Kinder sitzen darauf, dick eingepackt in Overalls. Sie kreischen vor Vergnügen. 

Am Abend ist im Irish Pub kein Platz mehr frei. Die Bergleute aus den Kohlenminen, die Klimaforscher, die Touristenführer und die Besucher - alle sind sie da. Bis Mitte der 90er Jahre saßen fast nur Männer in Longyearbyen am Tresen. Ursprünglich ist der Ort ein Minenarbeiterstädtchen. Um 1900 herum machte die erste Mine zum Kohlenabbau wenige hundert Meter hinter dem Ort auf. Als sie leer war, öffneten weitere außerhalb. Heute gibt es noch drei aktive Minen mit rund 400 Arbeitern. "Aber letztendlich ist Kohle ein totes Geschäft.", sagt Mahdi Shabanimash. 

Menschen aus 40 Nationen

Mahdi Shabanimash, 31, arbeitet in der Mine Svea. Von Longyearbyen aus fliegen er und die anderen Kumpel jeden Montag mit dem Helikopter 20 Minuten zur Grube. Während der Woche schlafen sie in einem Wohnheim in der Nähe der Mine - am Donnerstag kommen sie zurück. Hier sitzen sie dann. Eine bunte Truppe mit Shabanimash, der aus dem Iran kommt und seinen Kollegen aus Dänemark, Kanada und Schweden. Menschen aus rund 40 Nationen leben in Longyearbyen. Wer sich einen Alltag im Eis zutraut, kann gut verdienen. Ein einfacher Minenarbeiter bekommt hier 100.000 Euro pro Jahr. Die Steuern sind mit rund 16 Prozent sehr niedrig. Norwegen, das die Inselgruppe verwaltet, will Anreize schaffen, um hier zu leben. 

In der Barentssee werden Öl- und Gasvorhaben vermutet. Um diese Schätze zu heben, wäre Spitzbergen ein guter Ausgangspunkt. Seit dem Svalbard-Vertrag von 1920 gilt die Inselgruppe als entmilitarisierte Zone. Der Vertrag legt außerdem fest, dass Menschen aller Staaten, die den Svalbard-Vertrag unterzeichnet haben, auf Spitzbergen wirtschaftlich tätig sein dürfen. 

Die Gesellschaft verändert sich

Die Ära von Shabanimash und seinen Kollegen geht zu Ende. Die leicht zugänglichen Kohlenschätze sind fast vollständig abgebaut. Hinzu kommt, dass der Kohleabbau fernab des Festlands zu teuer ist. Außerdem warnen Umweltschützer vor den unkalkulierbaren Folgen, die der Abbau in der Arktis haben kann. Und so verändert sich seit Mitte der 90er Jahre die Gesellschaft Longyearbyens rasant. Die Kumpel werden weniger. Stattdessen leben immer mehr Forscher auf Spitzbergen. Spitzbergen ist zum Mekka der Arktisforschung geworden. Dazu kommen die Touristen. Seit einigen Jahren legen Kreuzfahrtschiffe auf Spitzbergen an. Im Sommer laufen an vielen Tagen mehr Touristen durch den Ort als Longyearbyen Einwohner hat. Im Juli zählte das Tourismusbüro rund 15.000 Übernachtungen. Zum Vergleich: Im Februar waren es nur 5600.

Mit den Touristen kommen neue Jobs. Mitten in der Arktis stehen nun etwa ein Vier-Sterne-Hotel und ein Gourmet-Restaurant. Es gibt ein Museum, in dem Besucher sehen können, wie die Minenarbeiter um 1900 lebten. Doch mit den Touristen kommen auch neue Probleme. Das fängt bei Kleinigkeiten wie dem Müll an. Der biologisch abbaubare Müll geht in den Fjord. Der Rest muss aufs Festland verschifft werden. Je mehr Menschen kommen, desto größer ist das Müll-Problem. 

Neongrüne Nordlichter

Noch ein Bier mit Shabanimash. Dann geht es zurück ins Hotel. Wäre nicht die Kälte, man könnte stundenlang die Hauptstraße auf und ab spazieren. Der Schnee knirscht unter den Füßen, um einen herum sind schemenhaft Eisdünen zu erkennen und am Himmel leuchten Tausende Sterne. Und dann taucht plötzlich ein neongrüner Streifen am Horizont auf. Er verändert seine Form und tanzt. Kurz kneift man sich in den Arm - doch das neongrüne Licht bleibt. Nordlichter. 

Dunkelblau: Schritt für Schritt geht es den Berg hinauf, immer Trond hinterher. Bloß nicht zurückfallen, er ist der Mann mit dem Gewehr. Auf Spitzbergen leben rund 2000 Menschen und 3000 Eisbären. Sie können für den Menschen gefährlich werden. Im Fall eines Angriffs wegzurennen, ist zwecklos. Eisbären laufen bis zu 40 Stundenkilometer schnell. Diese Gefahr ist in Longyearbyen allgegenwärtig. Alle paar Meter steht ein Warnschild: ein rotes Dreieck mit einem Bären. 

Vorsicht vor Eisbären

Hier, im Gelände, ist eine Begegnung nie ausgeschlossen. Zuletzt kam im August 2011 ein britischer Tourist bei einem Eisbären-Angriff ums Leben. Trond läuft mit schnellen Schritten den Berg hinauf. Er ist zwei Meter groß und wohl das, was man einen Bär von einem Mann nennt. Auf dem Rücken trägt er den Proviant für unsere zehn Mann starke Gruppe - nach der ersten halben Stunde haben sich noch nicht einmal seine Wangen gerötet. Einem selbst klebt dagegen das T-Shirt schweißnass am Körper. Das bisschen Training im Fitnessstudio ist hier draußen nichts wert. 

Fast eine Stunde lang geht es immer bergauf. Die Dämmerung nimmt langsam zu. Dutzende Facetten von Blau. Dann stoppt Trond plötzlich vor einem Loch im Weg. Es ist mit einem großen Schneeball verdeckt und in etwa so groß wie die Öffnung eines Schlafsacks. "Der Eingang", erklärt Trond. Dann rollt er den Schneeball zur Seite und leuchtet mit der Taschenlampe hinein. Etwa zwei Meter Tunnel sind zu erkennen - dahinter ist wegen einer Kurve nichts mehr zu sehen. Der Tunnel ist etwa so breit wie die Röhre in einer Wasserrutsche. 

Das ist nichts für Menschen mit Klaustrophobie

Alleine draußen vor dem Loch zu warten, ist wegen der Eisbären keine Option. Also werfen die Besucher nacheinander ihre Rucksäcke in den Tunnel und rutschen dann bäuchlings mit den Füßen zuerst hinterher. Die Gletscherhöhlen-Touren sind so etwas wie das Highlight des Winterprogramms für Touristen in Spitzbergen. Durch den Schnee steigt man herunter in die Flussbetten, in denen im Sommer das Tauwasser vom Gletscher abfließt. Von dort aus kann man unter den Eisberg gelangen. Für Menschen mit Klaustrophobie nicht geeignet, stand im Prospekt. Als Trond einen an den Füßen aus dem Tunnel und in die Höhle zieht, denkt man, dass es leichtfertig war, diese Warnung zu ignorieren. 

Unten angekommen, steht man in einem Hohlraum; obendrüber Hunderte Tonnen Gletscher. Die Eiszapfen hängen zu Hunderttausenden von der Decke - wie ein Nadelkissen. Die Stirnlampen an unseren Helmen leuchten den Raum aus. Die Eiszapfen glitzern im Licht. Vorsichtig tastet sich die Gruppe geradeaus. Schon nach wenigen Metern kann man nur noch gebückt stehen. Dann geht es durch eine Felsritze hindurch. 

Zurück außerhalb des Berges ist es dunkel. Erleichtert und mit schnellen Schritten geht es auf den Weg zurück in den Ort. Oben der Sternenhimmel. So viele Sterne sind in Deutschland nie zu sehen. Dann geht es weiter den Berg hinunter. Trond ist inzwischen viele Meter weit voraus. Auf einmal ist rechts neben einem schemenhaft etwas zu erkennen. Das war kein Eisbär. Oder doch? 

Weitere Informationen

Anreise: Von Deutschland aus gibt es keinen Direktflug nach Longyearbyen. Urlauber fliegen am besten über Oslo oder Troms¢ mit Norwegian oder SAS. 

Reisezeit: Die Polarnacht dauert vom 26. Oktober bis zum 15. Februar.

Geld: In Spitzbergen wird mit Norwegischer Krone bezahlt. Ein Euro sind circa 8 Norwegische Kronen (Stand: Oktober 2013). 

Übernachtung: Die Winterzeit gilt in Spitzbergen als Nebensaison. Die Übernachtungen sind deshalb günstiger als im Sommer. Es gibt rund ein Dutzend Unterkünfte http://www.svalbard.net

Winter-Aktivitäten: Eine Tour mit dem Snowmobil kostet rund 120 Euro, eine Tour in die Eishöhlen rund 50 Euro. 
Informationen: Innovation Norway/Norwegisches Fremdenverkehrsamt, Postfach 113317, 20433 Hamburg (Tel.: 01805/00 15 48, 0,14 Euro/Min.).

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