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Der FC Barcelona entrümpelt sein Tiki-Taka

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Bruch mit Guardiolas Erbe  

Der FC Barcelona entrümpelt sein Tiki-Taka

27.09.2013, 07:56 Uhr | t-online.de

Der FC Barcelona entrümpelt sein Tiki-Taka. Geht die große Zeit von Andres Iniesta (li.) und Xavi bald zu Ende? (Quelle: dpa)

Geht die große Zeit von Andres Iniesta (li.) und Xavi bald zu Ende? (Quelle: dpa)

Eine Kolumne von Florian Haupt

Der Fußball, ein Glück, bleibt nie stehen. Was gestern noch das Maß aller Dinge war, kann heute schon überholt sein; was vor kurzem noch Titel garantierte, bald nicht mehr ausreichen. Manchmal ist sogar das Gleiche richtig und falsch, je nach Standort. Nur so lässt sich letztlich erklären, warum Pep Guardiola die Bayern durch sein Tiki-Taka möglicherweise noch besser macht.

Während in Barcelona, wo er herkommt und triumphierte, von seinem Ex-Spieler Gerard Pique kürzlich der Satz fiel: "Wir waren Sklaven des Tiki-Taka."

Revolution des Fußballs

Inspiriert vom FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft ist das mobile Kurzpassspiel, das Rochieren der Positionen und permanente Bilden von Dreiecken, das geduldige Kombinieren und der Verzicht auf lange Bälle, inzwischen zum Standardfußball der Primera Division geworden. Ausnahmen – zuvorderst Real Madrid – bestätigen die Regel. Auch wer den Stil nicht selbst spielt, kennt ihn zumindest gut. Wenn man so will, hat Spanien mit seiner Spielweise den Fußball revolutioniert. Aber wie immer, wenn sich die Kinder der Revolution zu sicher sind, werden sie irgendwann von ihr gefressen.

Immer für Überraschungen gut

In Barcelona, der Heimat des Systems, führt das seit Jahren zu einem Hase-und-Igel-Spiel. Um nicht durchschaubar zu werden, bemühte sich schon Guardiola in seiner Trainerzeit (2008 bis 2012) mindestens einmal pro Jahr um eine neue Variation. Nachdem er in seiner ersten Saison das Pressing weit in der gegnerischen Hälfte einführte, kaufte er vor der nächsten Zlatan Ibrahimovic, um auch mal über die Physis zu kommen. Später ließ er hinten mit Dreierkette agieren. Auch sein berühmter "falscher Neuner" diente letztlich nur dem einen Ziel: Überraschend zu bleiben, ohne die grundsätzliche Spielphilosophie zu verraten.

Es ist nicht unfair zu behaupten, dass er auch deshalb ging, weil er nichts mehr zu tüfteln fand. Während das Zusammentreffen von Guardiolas Ideen mit den Charakteristika der Bayern-Spieler wieder neue Nuancen ergeben kann, sah er sich in Barcelona am Ende seines Weges. In seiner letzten Zeit wie unter Nachfolger Tito Vilanova wurde die Mannschaft immer abhängiger von Superstar Lionel Messi, zumal in dessen omnipräsenter Position als falscher Neuner, derweil das übrige Spiel der Mannschaft immer vorschriftsmäßiger und durchsichtiger wurde.

"Kaum noch Taktik trainiert"

Dass Vilanova wegen seiner Krebserkrankung lange ausfiel, tat sein Übriges, "wir haben kaum Taktik trainiert", sagte Mittelfeldspieler Xavi rückblickend. Die spanische Liga konnte dank der überragenden Qualität von Messi (und anderer) noch gewonnen werden, in der Champions League hingegen wirkte Barcelona schon gegen den AC Milan und Paris St. Germain wie ein träge Fregatte; um dann von den Bayern regelrecht versenkt zu werden.

Alle hatten es gesehen. Alle hatten es kritisiert. Allen war klar, dass sich etwas ändern musste. Insofern kann schon verblüffen, wie heftig sich nun im Umfeld des Klubs an die reine Lehre geklammert wird. Wie argwöhnisch vor allem die "Guardiolistas" jedes Spiel unter dem neuen Trainer Gerardo "Tata" Martino auseinander nehmen, weil sie fürchten, er würde auf dem Altar des Wandels die Prinzipien der Barca-Schule opfern.

Verhärtete Fronten

Als die Katalanen voriges Wochenende im Ligaspiel bei Rayo Vallecano erstmals seit der Spätzeit von Guardiolas Vorgänger Frank Rijkaard weniger Ballbesitz ansammelten als der Gegner, weiteten sich die Bedenken fast zur Staatsaffäre aus; so etwas geht schnell in diesem faszinierenden Klub mit seinem vielschichtigen Innenleben, in dem sich die Anhänger von Barcas Spiritus Rector Johan Cruyff, Guardiola und Ex-Präsident Joan Laporta einerseits mit denen des momentanen Amtsinhabers Sandro Rosell und des langjährigen Ex-Ex-Präsidenten Josep Lluis Nunez andererseits einigermaßen unversöhnlich gegenüber stehen.

Der Argentinier Martino, der, davon darf man ausgehen, als Durchreisender in Barcelona mit den katalanischen Grabeskämpfen möglichst wenig zu tun haben möchte und außerdem in der letzten Woche den Tod seines Vaters zu verarbeiten hatte, rammte zuletzt einen kleinen Pflock ins Barca-Herz ein. Zur Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Real Sociedad San Sebastian erschien er mit Statistiken, die belegten, dass sich der Ballbesitz während der ersten Partien unter seiner Führung gegenüber dem Vorjahr nur minimal verringert hat. Außerdem sagte er: "Wenn eine Mannschaft die Exzellenz gestreift hat, gibt es immer solche Debatten, zumal mit einem Trainer wie mir, der weder aus dem eigenen Haus noch Niederländer ist."

Es war eine kluge Bemerkung, weil das Problem jeder Barca-Elf ja tatsächlich ist, dass sie sich am grandiosen Team der Guardiola-Zeit messen lassen muss – um so mehr, als sie zum Großteil noch aus denselben Spielern besteht. Es war aber auch ein dezenter Hinweis des so uneitlen wie stets sachlichen Argentiniers, dass er nicht gedenkt, seine Herkunft zu verleugnen, nur um besser zu gefallen in einem Klub, in dem letztmals in den 1980er Jahren ein Nicht-Katalane und Nicht-Holländer mehr als 100 Spiele coachte.

Einstellung des Klub-Rekords

Beruhigt wurde die Debatte jedoch vor allem durch das folgende 4:1 gegen Real Sociedad, das bisher beste und vor allem kunstvollste Spiel seiner Amtszeit. Ein Spiel mit vielen Elementen der klassischen Barca-Schule, auch mit Tiki-Taka, gleichzeitig der sechste Sieg in der sechsten Ligapartie der Saison und damit die Einstellung des Klubrekords. Ein weiterer Erfolg am Samstag in Almería, und Martino wäre alleiniger Rekordhalter. Nicht so schlecht für einen, der erst Ende Juli vom kranken Vilanova übernahm, erstmals überhaupt in Europa trainiert und nebenher noch allerlei Stildebatten beruhigen muss.

Was genau aber macht Martino nun anders? Nichts, was es nicht schon gegeben hätte, versichert er selbst. Das Pressing der frühen Guardiola-Jahre wird wiederbelebt und den Innenverteidigern die Lizenz zu weiten Bällen gegeben, aber das gab es auch schon beim Trainer Cruyff mit Ronald Koeman und beim frühen Guardiola mit Rafael Marquez.

"Waren leicht zu durchschauen"

Dazu will er, und das ist schon eher neu, die Tiki-Taka-Ballstafetten häufiger mit direkten, vertikalen Angriffen durchmischen und, das verrieten jedenfalls Spieler wie Messi und Dani Alves, gegebenenfalls auch mal abwartend von hinten agieren, wenn die Charakteristika des Gegners diese Taktik nahelegen. "Wir sind eine Mannschaft im Übergang", sagte Alves, der die Veränderungen vehement verteidigte: "Das von vorher war leicht zu durchschauen."

Einmütig stellen sich die Spieler bislang hinter den Kurs Martinos, und die haben ja oft ein ganz gutes Gefühl für das, was nötig ist. Man kann ihren Bemerkungen entnehmen, dass sie die Herausforderung unter dem neuen Trainer reizt; dass auch sie wissen, dass sie so wie letzte Saison nicht weitermachen konnten, und dass sie lernbereit sind. Kaum etwas ist schwerer im Fußball, als mehrere Taktiken zu beherrschen und sogar während desselben Spiels zu variieren. Spieler A muss sich anders bewegen, wenn Spieler B einen langen Ball auf Spieler C spielt als bei einem kurzen auf Spieler D. Um ein einfaches Beispiel zu nennen.

Und so wird es wohl noch etwas dauern, bis die stilistischen Zweifel ausgeräumt sind und man mit Gewissheit sagen kann, was Martinos Barcelona spielt. Kleine Zwischenprognose: Es wird weiterhin guten Fußball geben. Aber womöglich etwas weniger Dogma.

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